Partho Sen-Gupta

Sunrise – Arunoday

Komal (Gulnaaz Ansari) kommt auf die Bühne im Nachtclub. Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 20.8.) Mumbai im Monsunregen bei Nacht: Ein Kommissar jagt Kinder-Kidnapper und sieht erst schwarz, dann rot. Regisseur Partho Sen-Gupta komponiert ausgefeilte Bilder, für deren Schauwerte er jede plausible Handlungslogik opfert.

Kommissar Joshi (Adil Hussain) ist ein Getriebener. Während der Monsunzeit hat er offenbar nur nachts Dienst; dann jagt er ständig im Jeep oder zu Fuß mit gezückter Knarre durch die dunklen Gassen von Mumbai, in denen es ständig gießt. Immer auf der Suche nach einem geheimnisvollen Schatten, der ihm stets entwischt.

 

Info

 

Sunrise –
Arunoday

 

Regie: Partho Sen-Gupta,

85 Min., Indien 2014;

mit: Adil Hussain, Ashalata Wabgaonkar, Gulnaaz Ansari

 

Website zum Film (engl.)

 

Wenn Joshi zuhause schläft, plagen ihn wilde Alpträume, in denen – erraten! – er stets durch düstere Straßen rennt, in denen es dauernd schüttet. Obwohl Träume laut Freud doch Wunscherfüllung sein sollen, wird er dabei des Schattenmannes nicht habhaft. Ebenso wenig beim Nickerchen im Büro, das seine Kollegen nicht zu stören scheint: Der eine kritzelt Formulare voll, der andere liest am Schreibtisch Gedichte. Auf dieser Wache sollte man besser keine Anzeige aufgeben.

 

Außeneinsätze nur bei Kinderleichen

 

Hinaus in den Dauerregen begeben sich die Ordnungshüter nur, wenn abermals eine Kinderleiche gefunden worden ist. Dann fordert ihr Vorgesetzter sofortige Fahndungserfolge – also hetzt Joshi plötzlich wieder einem Phantom hinterher. Auch das irritiert die Polizisten nur leicht; den Zuschauer umso mehr.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Im Paradies tanzen billig geschminkte Mädchen

 

Nach einer Viertelstunde fällt der erste belangvolle Satz, nach einer halben zeichnen sich im Regenschleier vage Umrisse einer Handlung ab: Kinder werden gekidnappt. In einem schäbigen Nachtclub-Schuppen namens „Paradise“ tanzen junge Mädchen vor lüstern zechenden Männern. Als Joshi zufällig dort landet, erstarrt er vor Abscheu – auch seine Tochter wurde vor Jahren entführt.

 

Was ihr widerfahren sein könnte, deutet der Film am Beispiel der kleinen Naina an: Sie wird von einer Art Puffmutter in ein Hinterzimmer voller Halbwüchsiger gesperrt. Das verlassen die Leidensgenossinnen nur, um billig geschminkt auf der „Paradise“-Bühne aufzutreten – oder am Eingang Männer anzumachen, die man sich als Freier vorstellen darf.

 

Bild-Mix aus Stummfilmen + Schwarzer Serie

 

Derweil plagt sich Joshi mit Schreckensvisionen und seiner Frau Leela (Tannishtha Chatterjee) herum, die scheinbar den Verstand verloren hat. Bis er wie einst Charles Bronson rotsieht: nämlich das Rotlicht des Nachtclubs, in dem er in einem Rache-Amoklauf mit Trommelfeuer alle Lüstlinge umpustet und den Schattenmann zerschmettert. Große, traurige Kinderaugen danken es ihm.

 

Regisseur Partho Sen-Gupta ist eigentlich Spezialist für set design und special effects. Das merkt man seinem zweiten Spielfilm an: Die Bildgestaltung ist derart ausgefeilt, dass jede zweite Einstellung als Werbeposter dienen könnte. Sen-Gupta bedient sich ausgiebig bei Stummfilm- und Schwarze-Serie-Klassikern: von dämonisch dräuenden Schatten über altmeisterlich getönte Innenräume bis zur raffinierten Lichtführung, deren manieriert bunte Farben sich im allgegenwärtigen Nass brechen und spiegeln.

 

Substanzloser Pseudo-Psychothriller

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Ein Junge namens Titli“ – brillantes Kleingangster-Drama in Neu-Dehli von Kanu Behl

 

und hier einen Bericht über den Film “Mitternachtskinder” – grandiose Verfilmung von Salman Rushdies Epochen-Roman durch Deepa Mehta

 

und hier einen Beitrag über den Film “Bombay Diaries – Dhobi Ghat” – hervorragendes Porträt indischer Großstädter von Kiran Rao.

 

Darüber vernachlässigt der Regisseur völlig seinen plot. Der Film springt nicht nur abrupt zwischen Wirklichkeit und Traum hin und her; den Szenen fehlt auch jede Handlungslogik. Während einer Polizei-Razzia lassen sich die versklavten Mädchen willenlos von ihren Peinigern in ein Verlies sperren, ohne auf sich aufmerksam zu machen. Wenige Minuten später rebelliert Komal (Gulnaaz Ansari) mit einem Weinkrampf dagegen – vergebens. Ohnehin hat fast niemand im Wortsinne etwas zu sagen; kaum glaubhaft im redseligen Indien.

 

In dessen prüder Kultur sind Prostitution und Pädophilie natürlich Tabuthemen, die Sen-Gupta nur andeuten kann. Dennoch beschleicht einen der Eindruck, dass er sie effekthascherisch als Aufhänger für einen visuell eindrucksvollen, aber substanzlosen Pseudo-Psychothriller ausschlachtet – der sich über Zusammenhänge komplett ausschweigt.

 

Der eigentliche Skandal

 

Nach offiziellen Angaben werden in Indien jährlich mehr als 100.000 Kinder verschleppt. Das klingt enorm, relativiert sich aber angesichts von fast 1,3 Milliarden Einwohnern. Im Vergleich sind es ’nur‘ doppelt so viele Opfer wie in Deutschland; hierzulande verschwinden pro Jahr etwa 3000 Kinder. Dagegen werden Abermillionen indischer Kinder permanent ihrer Gesundheit und Zukunft beraubt: durch Kinderarbeit, Zwangsbettelei, Verwahrlosung oder schreiende Armut. Das ist der eigentliche Skandal.


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