James Franco

True Story – Spiel um Macht

Der Investigativ-Journalist Michael Finkel (Jonah Hill) sortiert seine Notizen für eine Story. Foto: © 2015 Twentieth Century Fox
(Kinostart: 6.8.) Lügengespinste in Presse und Knast: Ein Reporter verliert seinen Job und hofft auf ein Comeback mit einer Mörder-Biographie. Aus Dialog-Zweikämpfen macht Regisseur Rupert Goold ein Gerichts-Drama mit US-typischer Faktenhuberei.

Ganz oben angekommen: Michael Finkel (Jonah Hill) hat alles erreicht, was sich ein US-Journalist wünschen kann. Der dickliche, jungenhaft wirkende Reporter aus einem Kaff in Montana hat es bis zur "New York Times" (NYT) geschafft: Er jettet um die Welt und schreibt für die renommierte Magazin-Beilage Aufsehen erregende Titel-Geschichten. Wo er gerade steckt, erfährt seine Freundin Jill (Felicity Jones) am ehesten aus der Zeitung.

 

Info

 

True Story -
Spiel um Macht

 

Regie: Rupert Goold,

99 Min., USA 2015;

mit: Jonah Hill, James Franco, Felicity Jones

 

Weitere Informationen

 

Dann der Absturz: Bei seiner letzten Reportage hat Michael Fakten verfälscht, indem er die Aussagen mehrerer Augenzeugen nur einer Person zuschrieb. Das duldet die NYT nicht; er wird sofort entlassen. Zurück in der Provinz wärmt Michael alte Kontakte wieder auf, muss aber feststellen: Er ist als Schwindler gebrandmarkt. Seine Storys kauft ihm keiner mehr ab.

 

Mörder gibt sich als Reporter aus

 

Plötzlich eine neue Chance: Der wegen vierfachen Mordes gesuchte Christian Longo (James Franco) gibt sich bei seiner Festnahme 2001 in Mexiko als Michael Finkel aus. Nicht nur das; Longo will den Gefeuerten treffen und lockt mit der Zusage, ihm exklusiv den wahren Tathergang zu enthüllen. Der Aussicht auf einen scoop kann nicht Michael widerstehen: Er besucht Longo im Staatsgefängnis von Oregon.

Offizieller Filmtrailer


 

Von schlimmer Kindheit zu Kreditkarten-Betrug

 

Rasch werden sich beide einig: Der Journalist bringt dem Häftling gutes Schreiben bei – dieser revanchiert sich mit Details über den Tod seiner Frau und ihrer drei Kinder. Nun beginnt ein zähes Ringen. Der intelligente und gewandte Verbrecher breitet seine Biographie aus: erst schlimme Kindheit, später unsichere Existenz. Seine Familie hält er nur mit McJobs und kleineren Delikten über Wasser. Als Überschuldung und Kreditkarten-Betrug auffliegen, bricht das Kartenhaus in sich zusammen.

 

Michael hakt nach, recherchiert Fakten, checkt gegen – und schreibt eine true crime story zusammen, die der US-Großverlag "HarperCollins" als Sachbuch herausbringen will. Ein geglücktes comeback? Denkste: Als Longo vor Gericht steht, tischt er den Geschworenen ein ausgefeiltes Lügengebäude auf. Seine Frau habe die Kinder umgebracht und er sie deshalb im Affekt getötet. Was ihm niemand glaubt: Er wird als Mörder verurteilt und wartet in der death row auf seine Hinrichtung.

 

Presse-Honorare + -Stellen halbiert

 

Nicht nur dieses Gerichtsurteil ist typisch US-amerikanisch, sondern auch die Vorgeschichte. Journalisten, die Tatsachen verdrehen und Zitate erfinden, werden in Europa gleichfalls geächtet. Aber nur in den Vereinigten Staaten ist die Presse derart auf ellenlange Berichte voller juicy details erpicht, die alle peinlich genau belegbar sein müssen. Wobei diese Faktenhuberei oft eine Reflexion darüber vermissen lässt, wozu man diesen Kleinkram überhaupt wissen soll: Angelsächsisches Denken ist stark auf Empirie fixiert.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Die Augen des Engels" - intelligentes Medien-Psychodrama von Michael Winterbottom mit Daniel Brühl

 

und hier einen Bericht über den Film "Gone Girl - Das perfekte Opfer"raffinierte Medien-Satire über einen Kriminalfall von David Fincher

 

und hier einen Beitrag über den Film “Every Thing Will Be Fine” – Schuld-und-Sühne-Drama mit James Franco von Wim Wenders.

 

Doch journalistische Berufsethik interessiert Regisseur Rupert Goold ebenso wenig wie die Frage, inwieweit ihr der Niedergang der Kaufpresse in der digital revolution geschadet hat. Denn das Publikum verlernt, für gute Informationen Geld auszugeben. Die Folge: In den letzten 15 Jahren hat sich allein im deutschen Sprachraum die Zahl entlohnter Stellen und Höhe der Honorare in etwa halbiert – was sich natürlich auf die Moral von Medienprofis auswirkt.

 

Guter Franco, blasser Hill

 

Zu denen zählt Goold nicht: Der britische Theater-Regisseur wurde mit Shakespeare-Inszenierungen bekannt. Folglich konzentriert er sich bei seinem Spielfilm-Debüt auf die Dialog-Zweikämpfe von Reporter und Häftling. James Franco macht seine Sache verblüffend gut; mit subtilem Minenspiel lässt er den diabolischen Charme seiner Figur aufblitzen. Da kann Jonah Hill, sonst meist das drollige Faktotum in Schenkelklopfer-Komödien, nicht mithalten. Er bleibt ein blasser Ehrgeizling, der für eine gute Story seine Oma verkaufen würde.

 

So wird diese Suche nach der mörderischen Wahrheit allmählich zum geläufigen courtroom drama: Wer sagt wann was, und welche Aussage steht dagegen? Auch eine US-Spezialität in ihrer Mischung aus puritanischer Gewissenserforschung in der Öffentlichkeit und allgemeiner Schuldvermutung – wenn jedermann Waffen besitzen darf, kann jedem Blut an den Fingern kleben. Dabei fällt die Bilanz am Ende banal aus: Ein Krimineller benutzt einen Journalisten, um einen Freispruch zu erwirken, und scheitert damit – so what?


Diesen Artikel drucken