Sharon Maymon + Tal Granit

Am Ende ein Fest

Yehezkel (Ze’ev Revach) steht seiner Frau Levana (Levana Finkelstein), die mit ihrer Erkrankung kämpft, liebevoll bei. Foto: Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 24.9.) Sterbehilfe leicht gemacht: Ein Pensionär konstruiert eine Selbsttötungs-Maschine – und wird vom Erfolg überrollt. Herzerfrischend warmherzige Tragikomödie aus Israel, die trotz ihres Galgenhumors kein bisschen makaber ist.

Sterben müssen wir alle – aber keinesfalls von eigener oder fremder Hand. So lautet ein eherner Grundsatz des abendländischen Kulturkreises, der in Deutschland aus bekannten Gründen weiterhin uneingeschränkt gilt. Obwohl ihn Überalterung und Apparate-Medizin allmählich aushöhlen und ad absurdum führen, ist hierzulande die Debatte über Sterbehilfe hoffnungslos festgefahren: Hippokrates-Eid gegen das Recht auf Freitod.

 

Info

 

Am Ende ein Fest

 

Regie: Sharon Maymon + Tal Granit

93 Min., Israel/ Deutschland 2014;

mit: Ze’ev Revach, Levana Finkelstein, Aliza Rosen

 

Website zum Film

 

Da kommt ein israelischer Film daher, der die bleierne Schwere dieses Themas mühelos schultert, als wäre das ein Kinderspiel. Dabei spielt er fast nur im entrückten Ambiente von Altersheimen, das greise Schauspieler bevölkern; sie reden dauernd darüber, wie sie einander am Besten um die Ecke bringen können. Ein Film, der Sterbehilfe und alle damit verbundenen ethischen Probleme in eine – horribile dictu – herzerfrischende Tragikomödie verwandelt, ohne eine Sekunde lang makaber zu werden. Wie macht er das bloß?

 

Alt, aber zurechnungsfähig

 

Indem er seinem Personal einiges zutraut: Es ist betagt und körperlich mehr oder weniger hinfällig, aber absolut zurechnungsfähig. Yehezkel (Ze’ev Revach), der mit seiner Frau Levana (Levana Finkelstein) im Seniorenwohnsitz lebt, ist ein leidenschaftlicher Bastler und Tüftler. Als sein Freund Max unheilbar erkrankt, will er ihm helfen, aus dem Leben zu scheiden, was dessen Frau Yana (Aliza Rosen) schweren Herzens befürwortet.

Offizieller Filmtrailer


 

Fremde schüren Gewissenskonflikte

 

Das nötige Betäubungsmittel beschafft der Mitbewohner Dr. Daniel (Ilan Dar). Damit alles legal abläuft, konstruiert Yehezkel eine raffinierte Maschine – Selbsttötung auf Knopfdruck. Doch Israel ist ein kleines Land, und die geniale Erfindung spricht sich rasch herum: Im Nu tauchen fremde Altersgenossen auf, die ebenfalls darum bitten.

 

Was den Freundeskreis in Gewissenskonflikte stürzt: Kann man es verantworten, Unbekannte ins Jenseits zu befördern? Diese Frage spitzt sich für Yehezkel zu, als bei Levana die Alzheimer-Symptome immer stärker werden: Darf und soll er den Tod seiner geliebten Frau herbeiführen?

 

Metaphysischen Ballast ignorieren

 

Man sieht: Die Regisseure Sharon Maymon und Tal Granit drücken sich um den existentiellen Ernst des Sujets nicht herum. Es geht nicht um abstrakte Erwägungen zu aktiver und passiver Sterbehilfe, sondern ganz konkret um das körperliche Leid der Moribunden und das seelische ihrer Angehörigen. In diesem Film wird mehrmals realistisch gestorben und getrauert – ohne dass sich Trübsal einstellt. Im Gegenteil: Diese Alten, allesamt in Israel bekannte Komiker, bringen sich und ihr Publikum ständig zum Lachen.

 

Weil das Regisseur-Duo den ganzen metaphysischen Ballast, der mit Tod und Jenseits verbunden ist, souverän ignoriert. Gott kommt zwar öfter vor; aber nur als Hilfsinstanz, die für höchst irdische Zwecke herbeizitiert wird. Diese Charaktere sind in einem radikal existentialistischen Sinn mit sich und ihrem hinfälligen Leib allein – und deshalb fürsorglich füreinander da. Mitgefühl ist wichtiger als Regel-Befolgung; Menschenwürde zeigt sich in Selbstbestimmung.

 

Im Hort des sterilen Grauens

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Liebe – Amour“ – ergreifendes Drama über das Lebensende eines alten Ehepaars von Michael Haneke, Goldene Palme 2012

 

und hier einen Bericht über den Film “Und wenn wir alle zusammenziehen?” von Stéphane Robelin über eine Rentner-WG mit Jane Fonda + Daniel Brühl

 

und hier einen Beitrag über den Film Die Reise des Personalmanagers – israelische Tragikomödie über Leichen-Überführung von Eran Riklis.

 

Und da sich Menschen auch am Lebensende verplappern, dusslig anstellen oder nach Liebe und Zärtlichkeit sehnen, sprudelt der Film vor warmherziger Komik über – gern auf Kosten seiner Akteure, doch nie denunziatorisch. So erwägen Yehezkel und Levana, sie in einem Hospiz unterzubringen, damit sie dort besser versorgt werde.

 

Sie erwartet ein Hort des sterilen Grauens: Alles weiß und clean, kein Laut ist zu hören. Die Insassen starren aus den Fenstern und wirken völlig sediert. Yehezkel spricht eine Frau im Rollstuhl an, redet auf sie ein – keine Reaktion. Bis er seine Zigaretten hervorkramt, die Dame sich umdreht und ihn anherrscht: „Hier darf man nicht rauchen“. Kein Wunder, dass beide diesen freudlosen Ort fluchtartig verlassen.

 

„Honig im Kopf“ auf Nahost

 

Wer keine kleinen Freuden mehr kennt, ist schon so gut wie tot; und wer davor die Augen verschließt, kann sein Leben kaum genießen. Das wirksamste Mittel gegen die Angst vor dem Tod ist, sich über ihn zu amüsieren. Jede Filmnation nach ihrem Geschmack: die deutsche mit der Sentimentalität von „Honig im Kopf“, die israelische mit dem liebevollen Galgenhumor von „Am Ende ein Fest“.


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