Berlin

Berlin Art Week 2015: abc – art berlin contemporary + Positions Berlin Art Fair

Robert Heinecken | Capitain Petzel Compromised Magazine/B + W/Cut, 1994, © Robert Heinecken. Fotoquelle: artberlincontemporary

Mit neuer Bescheidenheit zurück zur Natur: Die beiden wichtigsten Kunstmessen der Berlin Art Week zeigen sich aufgeräumt, pragmatisch und besucherfreundlich. Die abc-Messe steht im Zeichen des Kreuzes, die Positions verzichtet auf Effekthascherei.

Function follows form: Im vierten Jahrgang wird die „Berlin Art Week“ endlich mehr als ein Sammelsurium von Einzelveranstaltungen, die ohnehin stattfinden, und Adabeis. Unter dem Motto „STADT/BILD“ eröffnen vier Institutionen Ausstellungen, die sich den Sorgen ihres Standorts annehmen: Nichts bewegt die Hauptstadt derzeit mehr als Immobilien-Spekulation, Wohnraum-Mangel und Gentrifizierung.

 

Info

 

abc – art berlin contemporary

 

17.09.2015 – 20.09.2015

Donnerstag 16 bis 21 Uhr, Freitag + Samstag 12 bis 19 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr

in der Station-Berlin,
Luckenwalder Strasse 4—6

 

Website zur Messe

 

Positions Berlin Art Fair

 

17.09.2015 – 20.09.2015

Donnerstag 18 bis 22 Uhr, Freitag + Samstag 13 bis 20 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr

in der Arena, Eichenstr.4, Berlin 

 

Website zur Messe

 

Allerdings beschäftigen sich nur zwei davon explizit mit Stadtentwicklung: Die Berlinische Galerie holt 500 Gebäude-Modelle aus dem Fundus, die bei Architektur-Wettbewerben unrealisiert geblieben sind. Und das KW – Institute for Contemporary Art (Ex-KunstWerke) lädt mit „Welcome to the Jungle!“ zur Foto- und Video-Safari durch diverse Großstadt-Dschungel weltweit ein.

 

Eisblock-happening neu inszeniert

 

Dagegen ist „Xenopolis“ in der Deutsche Bank KunstHalle eine profillose mixed media-Parade. Und die Nationalgalerie steuert nur Flüchtiges bei: Sie lässt das happening „Fluid“ von Allan Kaprow, der 1967 in Los Angeles Räume aus Eisblöcken errichtete, von heutigen Künstlern neu inszenieren. Doch immerhin: Erstmals ersinnt die „Berlin Art Week“ ein Kooperations-Projekt, das nicht nur wie ein Feigenblatt fürs Geschäft mit der Kunst erscheint.

 

Das steht im Zentrum der beiden wichtigsten Kunstmessen. Die „abc – art berlin contemporary“ präsentiert sich in der achten Ausgabe wohltuend verschlankt. Sie hat die Teilnehmerzahl leicht auf rund 100 Galerien reduziert und ihr allmählich ausuferndes Beiprogramm aus performances, Projekt-Präsentationen, Gesprächsrunden usw. deutlich abgespeckt.

Impressionen der art berlin contemporary 2015


 

Privatsammler füllen eine Halle

 

In der „Station-Berlin“, vormals ein Postbahnhof aus der Kaiserzeit, sorgt ein cleverer Kunstgriff für Verdichtung: Eine Sonderschau mit sparsam verteilten Leihgaben namhafter Privatsammler füllt nun die so genannte „Bananen-Halle“. Was allen zugute kommt: Die Sammler fühlen sich geehrt, die Messe-Leitung muss weniger Fläche bewirtschaften – und den Besuchern bleibt ein Drittel des bisherigen Pflicht-Parcours erspart. Die meisten durcheilen diese Halle im Laufschritt.

 

Für klare Aufteilung in den beiden anderen Hallen sorgen nun „Raumkreuze“: Die markieren nur Wandecken, lassen sich aber zu Zonen oder Kojen erweitern und sorgen auch für jene weitläufige Transparenz, die den Ausrichtern lieb und teuer ist. Sie haben allerlei Eigenheiten in den letzten Jahren sukzessive aufgegeben; Galeristen können sich nun einfach bewerben wie andernorts auch – doch irgendwie mehr als eine profane Verkaufsmesse will die abc immer noch sein.

 

Schluss mit Materialschlachten

 

Das Kreuzecken-Raster hat einen segensreichen Nebeneffekt: Großspurig auftrumpfende Riesen-Installationen werden rar. Wo in den Vorjahren komplette Müllcontainer, Zuschauer-Tribünen oder aus Straßenlampen verschweißte Kronleuchter durch ihr schieres Volumen eine Bedeutung beanspruchten, die sie kaum einlösen konnten, finden sich nur noch wenige Auftritte im Mega-Format. Zumindest bei den Ausmaßen herrscht neue Bescheidenheit.

 

Am meisten Platz beansprucht Ai Weiwei: Er setzt erneut auf Überwältigung durch Masse. Sein Eisenplatten-Mosaik „Iron Grass“ ist aus 500 Elementen zusammengefügt, die entfernt an Grasbüschel oder Reis-Setzlinge erinnern. Wie diese identischen, seriell gefertigten Objekte Individuen repräsentieren sollen, bleibt das paradoxe Geheimnis des jüngst in Berlin eingetroffenen Großkünstlers (neugerriemschneider/ Magician Space, Beijing).

Impressionen der Positions Berlin Art Fair 2015


 

Asteroide des Maschinen-Zeitalters

 

So raumgreifend ist sonst nur noch das Triptychon von Peter Buggenhout: „The Blind leading the Blind“ (Galerie Konrad Fischer) besteht aus drei aufgeständerten Vitrinen mit amorphen Skulpturen. Die Konglomerate scheinen aus Technik-Schrott verbacken, der vor Schmutz starrt, als hätte der Künstler ihn soeben aus dem Schlick oder von einer Müllkippe gezerrt – tatsächlich ist er sorgfältig bearbeitet und mit Dreck bestäubt: zu monströsen Asteroiden des Maschinen-Zeitalters.

 

Es läuft nur dank Erdöl wie geschmiert; daran erinnert Lydia Ouramahne mit zwei Dutzend leeren Ölfässern. Sie hat auf der Export-Route algerischen Rohöls dabei entstehende Geräusche aufgenommen und lässt sie nun als Klangcollage in den Fässern ertönen: industrial music aus den Arterien der Weltwirtschaft (Ellis King, Dublin)

 

Bronze für Deutschland bei Goldreserven

 

Solche düsteren Gegenwarts-Kommentare formieren sich gleichsam zum vielstimmigen Klagechor. Toni Schmale konstruiert Nonsense-Maschinen aus Käseschneidern und Stahlrohren (Christine König, Wien). Wilhelm Mundt verklumpt Atelier-Abfall zu mannshohen „Trashstones“ (Buchmann). Alicja Kwade rechnet die Pro-Kopf-Goldreserven von 97 Nationen in Ketten-Schmuck um und ordnet ihn nach Gewicht an: Deutschland liegt auf Platz drei, hinter der Schweiz und dem Libanon (König).

 

Wenige Arbeiten sind so glänzend ausgeführt; viele begnügen sich mit Gutmenschen-Gesinnung in schlichter Aufmachung. Jeanno Gaussi flaggt den Hilferuf „Save our Souls“ an einem Fahnenmast mit Hasstiraden gegen Ausländer – aus Facebook entnommen – samt beiliegenden Informations-Karten (Galerie koal). Der 78-Jährige Jan Voss füllt eine Wand mit seiner Weltsicht im art brut-Stil: bad bank, factory, no work und poor – alles verbunden durch buntes Gekritzel (Georg Nothelfer).

 

UN-Mission als Kinder-Karussell

 

Alice Creischer erinnert mit ihrer verspielt zusammengebastelten Version einer „Augsburger Puppenkiste“ an Karl Marx und den Frühsozialisten Proudhon (KOW). Und Marcelo Viquez verulkt Friedensmissionen mit einem Karussell-Wagen samt UN-Signet für Kleinkinder: Wirft man eine Euromünze ein, ruckelt das Plastikauto quietschend (Kewenig).


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