Burkhart Klaußner

Der Staat gegen Fritz Bauer

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Burghart Klaußner) will mit dem jungen Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) den früheren SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann finden. Foto: Alamode Film

(Kinostart: 1.10.) Er spürte Adolf Eichmann auf und brachte den ersten Auschwitz-Prozess ins Rollen: Dem eigenwilligen Juristen setzt Regisseur Lars Kraume ein Denkmal – merkwürdig verzerrt und verdruckst. Besser ist die Doku „Fritz Bauer – Tod auf Raten“.

Mehr als fünfzig Jahre nach dem ersten Auschwitz-Prozess (1963-1965) in Frankfurt/ Main wird der Mann, der die juristische Verfolgung von NS-Verbrechen wesentlich vorangetrieben hat, endlich angemessen gewürdigt: mit mehreren neuen Biografien und einer – nicht unumstrittenen – Wanderausstellung des 1995 gegründeten und nach ihm benannten Forschungsinstituts; sie wurde bislang in Frankfurt, Erfurt, Heidelberg und Tübingen gezeigt.

 

Info

 

Der Staat gegen Fritz Bauer

 

Regie: Lars Kraume,

105 Min., Deutschland 2015;

mit: Burkhart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg

 

Website zum Film

 

Im Vorjahr war Fritz Bauer (1903-1968) im Spielfilm “Das Labyrinth des Schweigens” von Giulio Ricciarelli noch zu einer Nebenrolle degradiert worden. Nun rückt Regisseur Lars Kraume den hessischen Generalstaatsanwalt von 1956 bis 1968 endlich als Hauptfigur ins Zentrum von “Der Staat gegen Fritz Bauer”.

 

Eichmann-Jagd als Landesverrat

 

Der Film fokussiert auf die mittleren Wirkensjahre des kämpferischen Gerechtigkeits-Fanatikers: 1957 bekam er einen Hinweis, dass sich der von ihm gesuchte Ex-SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Argentinien aufhielt. Da Bauer dem von Alt-Nazis infiltrierten BND misstraute, informierte er den israelischen Geheimdienst Mossad über Eichmanns Wohnort. Was starke Nerven erforderte: Als Beamter beging Bauer damit Landesverrat. 1960 entführten Mossad-Agenten Eichmann nach Israel.

Offizieller Filmtrailer


 

Astern für den Staatsanwalt

 

Dieses biopic ist eine Zeitreise in die frühe Bundesrepublik, deren Staatsapparat offiziell entnazifiziert, de facto aber noch von ehemaligen NS-Chargen und deren Gleichgesinnten durchsetzt war. Sie versuchten, Bauer mit falschen Fährten zu verwirren oder mit Drohbriefen einzuschüchtern. Andererseits gab es Leute wie den hessischen SPD-Ministerpräsidenten Georg-August Zinn: Er hatte Bauer in seine Position gehievt. Nach einer TV-Diskussion mit Jugendlichen schickte Zinn ihm einen Blumenstrauß als Glückwunsch.

 

Bauer war Sohn jüdischer Eltern, Atheist und Sozialdemokrat. 1933 hatten die Nazis ihn acht Monate lang inhaftiert, danach floh er nach Schweden. Nach seiner Rückkehr aus der Emigration warb der leidenschaftliche Jurist bei jungen Leuten eifrig für demokratische Werte. Ihn interpretiert Burkhart Klaußner körperbetont und angemessen eigensinnig mit schwäbischem Zungenschlag und zerrauftem Schopf – das intellektuelle Charisma des realen Bauer ist allerdings einer fast rumpelstilzchenhaften Erscheinung gewichen.

Trailer des Dokumentarfilms "Fritz Bauer - Tod auf Raten" von Ilona Ziok


 

Schwule Seilschaften in der Justiz?

 

Regisseur Kraume stellt Bauer den erfundenen jungen Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) als Mitstreiter zur Seite, der gerade seine schwules coming out durchlebt. Eine zweifelhafte Entscheidung – nicht etwa, weil damit auch Bauers Homosexualität thematisiert wird, was an seinem Nimbus kratzen könnte.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Hannah Arendt“ – faszinierendes Porträt der Philosophin während des Eichmann-Prozesses von Margarethe von Trotta

 

und hier einen Bericht über den Film „Elser“ – Biopic über den wenig bekannten Hitler-Attentäter von Oliver Hirschbiegel mit Burghart Klaußner

 

und hier einen Beitrag über den Film Der deutsche Freund” von Jeanine Meerapfel über Folgen der NS-Vergangenheit in Argentinien.

 

Finden Sie hier die Termine der Wanderausstellung „Fritz Bauer. Der Staatsanwalt“.

 

Problematisch ist eher, dass die enge und vertraute Zusammenarbeit zwischen Bauer und Angermann schwule Seilschaften im deutschen Justizwesen nahelegt. Außerdem lenkt dieser Nebenstrang der Handlung stark vom eigentlichen Sujets des Films ab. Dabei sollen erotische Szenen in der “Kokett”-Bar dem Film vermutlich nur Schauwerte verleihen, den Amtsstuben einfach nicht hergeben.

 

Auschwitz-Prozess nur im Abspann

 

Indem sich der Film auf Bauers heroische Jagd des Massenmörders Eichmann konzentriert, werden andere Leistungen des Staatsanwalts an den Rand gedrängt. Sein eigentliches Lebenswerk, das jahrelange Ringen um den Auschwitz-Prozess, taucht nur im Abspann auf. Und seinen Tod, der von Mord- und Suizid-Verdacht umweht ist, inszeniert Regisseur Kraume zu Beginn des Films merkwürdig verzerrt als Medikamenten-Unfall, den Bauer überlebt.

 

Auch sonst hat der Film etwas seltsam Verdruckstes; so wird Bauers Widersacher, der ehrgeizige Oberstaatsanwalt Kreidler (Sebastian Blomberg), mit bizarren accessoires wie Fistelstimme und Schoßhündchen ausgestattet. Generell erscheinen die alten Kameraden in BND-Führung und Staatsanwaltschaft so karikaturenhaft, dass es dem angeblich dumpfen Mief der Nachkriegsjahre zuwiderläuft.

 

Doku-Realität ist spannender

 

Da stellt sich die Frage, ob und wie man Zeitgeschichte ins Korsett eines konventionellen biopic zwängen sollte. Ungeglättete Wirklichkeit ist allemal aufschlussreicher, wie am Anfang des Films Archiv-Aufnahmen mit einer Ansprache des echten Fritz Bauer zeigen. Dass die Realität sogar spannender sein kann, beweist der gelungene Dokumentarfilm “Fritz Bauer – Tod auf Raten” (2010) von Ilona Ziok, der vor fünf Jahren viel zu kurz im Kino lief.


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