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Verloren in grauer Vorzeit: Leonid Yarmolnik (li.) als Don Rumata. Foto: Bildstörung Filmverleih

Es ist schwer, ein Gott zu sein


(Kinostart: 3.9.) Mittelalter als Mega-Materialschlacht: Mit irrwitzigem Aufwand verfilmte Regisseur Alexej German einen Science-Fiction-Roman. Er starb vor Fertigstellung – und hinterlässt ein Spektakel voller visueller Wucht als Monument des Weltekels.


Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein. Damit hadert der Wissenschaftler Anton (Leonid Yarmolnik), der sich zu reinen Beobachtungszwecken zwischen die Bewohner des technologisch wenig entwickelten Planeten Arkanar gemischt hat. „Nicht eingreifen!“ lautet – wie bei Star Trek – die oberste Regel, die ihm seine Auftraggeber auf der Erde mit auf den Weg gegeben haben.

 

Info

 

Es ist schwer, ein Gott zu sein 

 

Regie: Alexej German,

177 Min., Russland 2013;

mit: Leonid Yarmolnik, Aleksandr Chutko, Yuriy Tsurilo

 

Website zum Film

 

Getarnt als „Don Rumata“ soll er Zeuge werden, wie eine Gesellschaft aus dem finsteren Mittelalter in ihre Renaissance aufbricht. Doch es ist ihm verboten, seine überlegenen Kenntnisse einzusetzen, um die Bewohner von Arkanar auf diesen Weg zu bringen. Daran verzweifelt unser Beobachter, der in dieser Welt immerhin den Rang eines Edelmannes inne hat, zusehends: Jeder Keim von Aufklärung wird von der klerikal-feudalen Oberschicht in den Dreck getrampelt.

 

Von Vorlage bleibt nur Skelett

 

Diese Geschichte erzählen die russischen science fiction-Autoren Arkadi und Boris Strugatzki in ihrem Roman „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ von 1964 – doch in Alexei Germans Verfilmung ist sie höchstens noch als Skelett zu erkennen. Vielmehr scheint es, als hätte der 2013 verstorbene Regisseur für sein letztes Werk nur einen Anlass gesucht, filmisch noch einmal in die Vollen zu gehen.

Offizieller Filmtrailer


 

Kamera bohrt sich durch Biomasse

 

Mit einem gigantischen set, einer ebenso detailgetreuen Ausstattung und einem unbarmherzig schweifenden Kamerablick lässt er eine Vision des Mittelalters aufleben, die den Maler Hieronymus Bosch und Regisseur Terry Gilliam gleichermaßen stolz gemacht hätte. Die Kamera taumelt durch eine nicht enden wollende Reihe von tableaus, auf denen die unwürdige conditio humana in immer neuen Variationen ausgestellt wird.

 

Es ist eine Welt aus Dreck, Regen, Matsch, Rotz, Speichel, Pisse, Kot, Blut, Eiter, Alkohol, Krankheit, Deformation und schnellem Tod. Zwei Stunden lang bohrt sich die Kamera in langen Einstellungen durch diesen Haufen Biomasse, ihre Ausscheidungen und Absonderungen. An diesem Blick auf die Menschheit lässt sich der ganze, von innen nach außen gestülpte Ekel der Hauptfigur ablesen. All das wird nur wenig abgemildert durch graustufenreiches Schwarzweiß.

 

Deutsch-russischer Vorgänger von 1990

 

Der Stoff der Strugatzkis, die auch die Vorlage für „Stalker“ von Andrej Tarkowski schrieben, wurde bereits einmal verfilmt: Der deutsche Regisseur Peter Fleischmann („Jagdszenen aus Niederbayern“, 1969) drehte 1990 zu Perestroika-Zeiten auf der Krim den leicht trashigen, aber durchaus unterhaltsamen science fiction-Film „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ mit vielen Komparsen, Spezialeffekten und dröhnender Synthesizer-Musik.

 

Während Fleischmann den plot in eine generische fantasy-Welt kleidete und natürlich auch die Beobachter im Raumschiff zeigte, die aus dem Weltall Anton alias Don Rumata beobachten, bleibt diese Ebene bei German ausgesperrt und die Handlung fast unscheinbar. Das Eigengewicht seines Films scheint jede Entwicklung zu verhindern.

 

Regisseur starb vor Vollendung

 

Alles dreht sich im Kreis: die Charaktere in ihren Rollen, die Macht in ihrer Willkür, Don Rumata in seiner Ohnmacht, die Kamera bei ihren Fahrten durch die Hölle des Daseins. Dass Regisseur German dem Zuschauer am Ende die Katharsis verweigert, ist dann keine Überraschung mehr. „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ zählt zu den Filmen, die man aushalten muss; so wie „Die 120 Tage von Sodom“, die De-Sade-Interpretation von Pier Paolo Pasolini.

 

Bleibt die Frage: Lohnt sich das? Ist Germans letzter Film mehr als ein Manifest der Misanthropie? Die Dreharbeiten dauerten sechs Jahre, die Postproduktion weitere fünf. Der Regisseur erlebte die Vollendung seines Werks nicht mehr; seine Frau Svetlana Karmalita und sein Sohn Aleksei jr. schnitten aus dem gedrehten Material eine Version, die seiner Vision, soweit sie sie kannten, am meisten entsprach.

 

Größte Modelleisenbahn der Welt

 

Der russisch-deutsche Autor Wladimir Kaminer äußerte im Frühjahr bei der Berliner Premiere dieses schwer verdaulichen Brockens schmunzelnd die Vermutung, German habe diesen Film gar nicht fertig stellen WOLLEN; schließlich sei er gestorben, bevor es dazu kam. Hat also der Regisseur wie ein störrischer Greis die größte Modelleisenbahn der Welt gebaut und menschliche Versuchsobjekte im Kreis fahren lassen, nur aus Weltekel – und weil er es eben konnte?

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Leviathan" – fesselndes Drama über Korruption in Russland unter Putin von Andrej Swjaginzew 

 

und hier einen Bericht über den Film “Stille Seelen – Ovsyanki” – elegisches Road Movie über Begräbnis- Riten in Nordrussland von Alexej Fedorchenko

 

und hier einen Beitrag über den Film “How I ended this summer” – brillantes Psycho-Duell auf russischer Polarstation von Alexej Popogrebsky, prämiert mit drei Silbernen Bären bei der Berlinale 2010.

 

Dreierlei spricht dafür, dass seine Angehörigen nicht vergeblich monatelang im Schneideraum saßen: Die Annahme, andere Gesellschaften müssten sich analog zur eigenen entwickeln, wenn auch zeitversetzt, ist einer der großen historischen Irrtümer des Westens. Er wird bis heute weiter gepflegt; etwa in den Aufforderungen an die muslimische Welt, doch endlich mal mit der Aufklärung zu beginnen.

 

Handwerklich schön unzeitgemäß

 

Nun könnte man weiterfragen: Wie definiert sich überhaupt Fortschritt? Wie weit ist die Welt eigentlich in den letzten 30 Jahren fortgeschritten? Oder in den letzten 300? Unzeitgemäß ist der Film, bei allem Pessimismus, also keineswegs – außer auf der handwerklichen Ebene, aber auch das spricht eher für ihn.

 

Zu den Opfern des Postkommunismus in Russland zählt auch das dortige Kino. Ein Rinnsal aus eher depressiven Autorenfilmen für Festival-Publikum behauptet sich mühsam neben CGI-überfrachteten action-, Kriegs- und Knalleffekt-Filmen, bei denen man gar nicht erst versucht, sie im Westen auf den Markt zu bringen.

 

Kommt und seht selbst

 

Dagegen hat German noch einmal eine russische Großproduktion von altem Schrot und Korn gedreht: ein Spektakel voller visueller Wucht, das in einer Reihe steht mit Werken von Sergej Eisenstein, Tarkowski und Mosfilm-Klassikern wie dem Antikriegsfilm „Komm und sieh“ (1985) von Elem Klimow. Kommt und seht selbst. 

 



Von Eric Mandel, veröffentlicht am 01.09.2015





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