Josh Brolin

Everest (3D)

Rob Hall (Jason Clarke) versucht, seine Bergsteiger-Kunden mit Sicherungs-Seilen auf den Gipfel zu bringen. Foto: Universal Pictures

(Kinostart: 17.9.) Den höchsten Gipfel sehen und sterben: 1996 kamen auf einen Schlag zwölf Bergsteiger ums Leben. Ihre Tragödie verfilmt Regisseur Baltasar Kormákur in epischer Breite – ohne zu beleuchten, warum Menschen sich das freiwillig antun.

Inflation des Extremtourismus: Als 1953 Edmund Hillary mit seinem Sherpa Tenzing Norgay erstmals den Mount Everest bestieg, hätte er sich wohl nicht träumen lassen, dass ihm wenige Jahrzehnte später alljährlich Hunderte folgen würden. 1993 erreichten erstmals mehr als 100 Bergsteiger den Gipfel auf 8848 Metern, 2007 waren es schon 604.

 

Info

 

Everest (3D)

 

Regie: Baltasar Kormákur,

121 Min., USA 2015;

Mit: Josh Brolin, Jason Clarke, Jake Gyllenhaal, Keira Knightley

 

Website zum Film

 

Dieser Massenansturm auf den höchsten Berg der Welt führte 1996 zu zwölf Todesopfern. Der Journalist Jon Krakauer hat die Tragödie zwei Jahre später in seinem Sachbuch-Bestseller „In eisige Höhen“ beschrieben; es diente als Vorlage für den Katastrophen-Film „Everest“ von Baltasar Kormákur.

 

Schiffbrüchiger überlebt im Atlantik

 

Mit Menschen, die den Naturgewalten ausgesetzt sind, kennt sich der isländische Regisseur aus: „The Deep“ (2012) handelte von einem Fischer, der als einziger seiner Besatzung das Sinken ihres Schiffes im Atlantik überlebt. Gleich zu Beginn setzt Kormákur das Himalaya-Massiv prächtig in Szene – gedreht wurde on location in Nepal, aber auch in den Alpen.

Offizieller Filmtrailer


 

Zehntausende US-Dollar Teilnahme-Gebühr

 

Leise fallende Schneeflocken geben den Blick auf das Ehrfurcht gebietende Gipfel-Panorama frei; da ahnt man schon, dass der Berg das letzte Wort haben wird. Dieses Wissen versucht Expeditionsleiter Rob Hall (Jason Clarke) seinen Schützlingen zu vermitteln: Der Neuseeländer, Familienmensch mit schwangerer Frau (Keira Knightley), gilt als Erfinder des professionellen Hochgebirgs-Tourismus.

 

Warum nehmen Freizeit-Bergsteiger solche Strapazen freiwillig auf sich? Dazu bietet der Film nur dürftige Antworten. Am ersten Abend räsonieren die Expeditions-Teilnehmer über den Sinn ihres Unterfangens und kommen zum lakonischen Schluss: „Weil der Berg da ist“. Da haben sie bereits pro Nase Zehntausende US-Dollar ausgegeben, um sich in dünner Luft bei eisigen Temperaturen auf den Gipfel zu quälen, was der Film drastisch zeigt.

 

Ehe mit Satelliten-Telefon retten

 

Dabei sind ihre Motive ganz unterschiedlich: Die Japanerin Yasuko Namba hat bereits sechs Achttausender bestiegen; der Everest fehlt noch in ihrer Sammlung. Postbote Doug Hansen war schon einmal kurz vor dem Gipfel; mit seinem zweiten Anlauf will er sich und der Welt beweisen, dass auch ein underdog höchste Höhen erreichen kann. Der texanische Haudegen Beck Weathers (Josh Brolin) hingegen fühlt sich nur ganz oben frei von allen Zwängen – versucht aber während des Aufstiegs, mit Satellitentelefon-Anrufen seine Ehe zu retten.

 

Die Truppe von Hall konkurriert mit der Seilschaft des US-Amerikaners Scott Fischer (Jake Gyllenhaal). Er nimmt es mit den Aufnahme-Kriterien nicht sonderlich genau; mit seinem Rübezahlbart und langer Mähne würde er eher an einen Surfer-Strand passen. Seine Leute haben teilweise noch nie ein Steigeisen in der Hand gehabt; nun sollen sie binnen vier Wochen für den Aufstieg fit gemacht werden.

 

Sauerstoff + Spannseile fehlen

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance”Extrembergsteiger-Doku von Thomas Dirnhofer

 

und hier einen Bericht über den Film “The Loneliest Planet” – Globetrotter-Drama in der Bergwelt des Kaukasus von Julia Loktev

 

und hier einen Beitrag über den Film „Höhere Gewalt“ – Familien-Drama im alpinen Hochgebirge von Ruben Östlund.

 

Bei solchen Expeditionen, wie der Film deutlich macht, kommt es auf die teamplayer-Qualitäten jeden Einzelnen an. Das erklärt die Ursachen des Desasters: Teilnehmer der beiden Gruppen, die dieselbe Route benutzen müssen, sind keineswegs gut Freund miteinander. Was beim Aufstieg zu Drängelei an engen Passagen führt; zudem werden Absprachen schlampig getroffen oder missachtet. Sauerstoff-Flaschen sind nicht am vereinbarten Platz, Seile nicht gespannt, und man sagt nicht Bescheid, wenn Gruppen-Mitglieder zurückbleiben.

 

Obwohl jeder Bergsteiger für das Überleben der ganzen Gruppe mitverantwortlich ist, wie der Film eindrücklich vorführt. Fehlentscheidungen können tödliche Folgen haben: Halls entschließt sich nach erfolgreichem Aufstieg, noch den Nachzügler Hansen auf den Gipfel zu schleifen, während bereits eine gefährliche Sturmfront aufzieht. Das kostet nicht nur ihm das Leben.

 

Stars zu Statisten degradiert

 

Dieses Szenario entfaltet der Film mit epischer Breite. Regisseur Kormákur versucht, allen Charakteren auch Kontur zu geben, was schon an ihrer Zahl scheitern muss; damit degradiert er bekannte Schauspieler wie Emily Watson als Leiterin des Basis-Camps oder Sam Worthington als Manager zu Statisten am Funkgerät.

 

Im Zentrum stehen dagegen die Qualen der Teilnehmer, die mit zunehmender Höhe immer unerträglicher werden, und ihr hastig improvisierter Abstieg. Dabei war Sturm selten dröhnender und Schnee plastischer im Kino zu erleben als bei diesem 3D-Film. Allerdings fragt man sich die ganze Zeit: Warum tun sich Menschen das bloß an?


Diesen Artikel drucken