Daniel Brühl

Ich und Kaminski

Professor Mehring (Axel Neumann) und Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) mit einem Akt-Modell. Foto: X-Verleih (Warner)

(Kinostart: 17.9.) Kunstbetriebs-Satire mit perfektem Timing: Den Roman von Daniel Kehlmann verfilmt „Good Bye, Lenin!“-Regisseur Wolfgang Becker kongenial – indem er seinen mit Blindheit geschlagenen Protagonisten sachte die Augen öffnet.

Diese Hauptfigur macht keine Sympathiewerbung für unsere Zunft. Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) schimpft sich Kunstkritiker, hat aber von Kunst wenig Ahnung. Er findet kaum Abnehmer für seine Texte, ist dauernd blank und nun auch noch obdachlos – seine Freundin hat ihn aus ihrer Wohnung geworfen.

 

Info

 

Ich und Kaminski

 

Regie: Wolfgang Becker,

120 Min., Deutschland/ Belgien 2015;

mit: Daniel Brühl, Jesper Christensen, Geraldine Chaplin

 

Website zum Film

 

Was Zöllners aufgeblasenes Ego kaum anficht, denn er hat einen scoop in petto. Er will die ultimative Biografie über Manuel Kaminski schreiben; den letzten lebenden, aber halb vergessenen Großmeister der Klassischen Moderne. Ihm dichtet Regisseur Wolfgang Becker eine zentrale Rolle in der Kunst des 20. Jahrhunderts an – mit sagenhaftem Aufwand und unerhörter Liebe zum Detail.

 

Durchbruch mit Oldenburg-Bildtitel

 

In fünf Minuten läuft Kaminskis fiktiver Lebenslauf ab. Szenen im Sekundentakt, alle minutiös nachgestellt, zeigen ihn in Paris mit seinem Lehrer Matisse und Freunden wie Picasso, bis sein Augenlicht nachlässt. Später ist er in New York mit Andy Warhol und Claes Oldenburg zu sehen. Der sorgt für seinen Durchbruch, als er in einer Pop Art-Ausstellung ein Kaminski-Gemälde als „Painted by a Blind Man“ betitelt: Der vermeintlich blinde Maler wird zum Star.

Offizieller Filmtrailer


 

Spritztour nach Belgien

 

Doch Kaminski hat damals nur simuliert, behauptet Zöllner; er will ihn in seinem entlegenen Chalet in den Schweizer Bergen aushorchen. Dort erwartet den Flachlandtiroler eine bizarre entourage aus kauzigen Bewunderern, mürrischer Haushälterin, kontrollsüchtiger Tochter (Amira Casar) – und ein grantelnder Greis (Jesper Christensen), der die Schmeicheleien des Schreiberlings sichtlich genießt.

 

Beim Herumschnüffeln entdeckt Zöllner das bislang unbekannte Spätwerk, dessen deformierte Düsternis eines Francis Bacon würdig wäre. Als er mit Kaminski endlich allein ist, entführt er ihn zu einem Besuch bei seiner Jugendliebe Therèse, die er vor 50 Jahren das letzte Mal sah. Auf nach Belgien: Flugs wird aus dem Kammerspiel in den Alpen ein road movie mit schrägen Zufallsbekanntschaften und haarsträubenden Zwischenfällen. Kein Wunder, dass die Begegnung mit Therèse (Geraldine Chaplin) zur schaurig schönen Antiklimax gerät.

 

Extrem sorgfältige Vorbereitung

 

Diese wilde Mischung aus Kunstbetriebs- und Medien-Satire, Sittenkomödie und Generationen-Konfrontation jagt Daniel Kehlmann in seiner Romanvorlage durch etliche Schauplätze und Situationen. Wundersamerweise bringt es Regisseur Becker fertig, sie sämtlich auf die Leinwand zu übertragen und mit allerlei gimmicks und Aperçus anzureichern, ohne dass der Film zerfasert oder überladen wirkt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Die Augen des Engels” – intelligentes Medien-Psycho-Drama von Michael Winterbottom mit Daniel Brühl

 

und hier einen Bericht über den Film “Die Vermessung der Welt” – Verfilmung des Bestsellers von Daniel Kehlmann durch Detlef Buck

 

und hier einen Bericht über den Film “The Best Offer – Das höchste Gebot” – Psycho-Thriller im Kunsthandel von Giuseppe Tornatore mit Geoffrey Rush.

 

Seit seinem Welterfolg „Good Bye, Lenin!“ sind zwölf lange Jahre vergangen, in denen Becker nur zwei Kurzfilme gedreht hat. Mit welcher Sorgfalt er an „Ich und Kaminski“ gefeilt hat, merkt man jeder Einstellung an: Bildsprache, Dialoge und timing sind einfach grandios. Wo andere Regisseure nur den plot abspulen, bringt Becker bei jeder Gelegenheit hübsche Ideen oder skurrile Nebenfiguren unter – und wahrt doch stets die Balance zwischen turbulenter Tragikomik und existentiellen Fragen, um die es eigentlich geht.

 

Zuneigung für duo infernale

 

Blindheit ist eine altehrwürdige Großmetapher für Selbsttäuschung und -betrug. Damit sind beide Protagonisten reichlich geschlagen: Der nassforsche Jung-Feuilletonist schmeißt sich an alle schamlos ran, verspricht ihnen alles, hält nichts – aber sich für einen gerissenen Durchblicker.

 

Sein betagter Beifahrer spielt seine Sehschwäche skrupellos aus, trampelt auf seinem heimischen Hofstaat herum, gibt den ausgekochten Zyniker, klammert sich jedoch hartnäckig an Illusionen. Ein denkbar unleidliches duo infernale, sollte man meinen – doch Becker gelingt, dass man sie trotzdem ins Herz schließt.

 

Indem er ihre Macken sachte, aber stetig aneinander reiben lässt, bis sie sich allmählich abschleifen. Wie die Kiesel am Meeresstrand, über den die Beiden am Ende so ernüchtert wie gelassen schlendern – vor dem vielleicht schönsten, bestimmt aber kunstsinnigsten Abspann der Filmgeschichte.


Diesen Artikel drucken