Raoul Peck

Mord in Pacot – Meurtre à Pacot

Andrémise (Lovely Kermonde Fifi) feiert in Abwesenheit ihres Freundes Alex eine Party. Foto: EZEF und Filmgalerie 451

(Kinostart: 17.9.) Flüchtlingskrise andersherum: Als nach dem Erdbeben 2010 in Haiti ein westlicher Helfer eintrifft, entladen sich Konflikte zwischen Opfern in Gewalt. Regisseur Raoul Peck inszeniert nüchtern die Dialektik von Hoffnung und Enttäuschung.

Ein Kammerspiel unter freiem Himmel: Haitis Hauptstadt Port-au-Prince ist zwar vom Erdbeben am 12. Januar 2010 verheert worden, aber von Trümmerwüsten oder Obdachlosen ist nichts zu sehen. Der Film beschränkt sich auf ein Villen-Grundstück, das er kaum verlässt; üppiges Grün suggeriert tropische Idylle.

 

Info

 

Mord in Pacot –
Meurtre à Pacot

 

 

Regie: Raoul Peck,

130 Min., Frankreich/ Haiti/ Norwegen 2014;

mit: Alex Descas, Thibault Vinçon, Lovely Kermonde Fifi

 

Weitere Informationen

 

Doch die halbe Villa ist eine Ruine; ihr Anbau blieb halbwegs verschont, zeigt aber bedenkliche Risse. Deshalb verlangt ein Inspektor schleunigst Reparaturen; sonst müsse auch dieser Teil abgerissen werden. Dann würden die früheren Bewohner endgültig alles verlieren. Das schwarze Paar schläft in einer Art Schuppen; Wasser holt die namenlose Frau (Joy Olasunmibo Ogunmakin) aus dem lecken swimming pool, gekocht wird im Freien.

 

Erst Job, dann Europa-Exil

 

Um an Geld zu kommen, vermietet der Mann (Alex Descas) den morschen Anbau an einen weißen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation (NGO). Alex (Thibault Vinçon) zieht mit seiner haitianischen Geliebten Andrémise (Lovely Kermonde Fifi) ein. Sie nennt sich Jennifer und will mehr als ein Dach über dem Kopf: Alex soll ihr einen Job bei seinem Arbeitgeber verschaffen und sie später nach Europa mitnehmen. Er flüchtet sich in Lippenbekenntnisse.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Leiche des Adoptivsohns im Keller

 

Andrémise hat eine Spürnase dafür, wo etwas faul ist: Sie riecht Verwesungs-Gestank aus dem Schutt am eingestürzten Haus-Flügel. Was der Mann schlicht leugnet, während es die Frau zu Tränen rührt. Dort liegt offenbar der verschüttete Leib ihres Adoptivsohns Joël. Sie bittet den früheren Hausangestellten Joseph, unter den Betonbrocken nach ihm zu graben – gegen den Willen ihres Mannes.

 

Damit nicht genug: Andrémise wirkt auch sehr anziehend auf alle. Ist Alex aus dem Haus, kommt ihr junger lover für ein Schäferstündchen – oder gleich ein Dutzend Freunde für eine Spontanparty. Deren Avancen widersteht die Ex-Besitzerin, doch bei der Neubewohnerin sucht sie die Zärtlichkeit, die ihr Mann ihr verwehrt. Er stellt Andrémise ebenfalls nach; mit fatalen Folgen, als sie ihn zurückweist.

 

„Teorema“ von Pasolini war optimistischer

 

Diese Personenkonstellation erinnert an den Autorenfilm-Klassiker „Teorema – Geometrie der Liebe“ von Pier Paolo Pasolini. Der italienische Regisseur schickte 1968 einen mysteriösen Gast in eine unglückliche Familie der Bourgeoisie. Er schlief mit allen Mitgliedern, öffnete ihnen damit die Augen – und stürzte sie in Verzweiflung, als er sie so abrupt wieder verließ, wie er erschienen war.

 

Wie immer man diese Parabel deuten mag – Eros begriff Pasolini als Medium, um versteinerte Verhältnisse aufzubrechen. Anders bei „Mord in Pacot“: Hier ist schon alles umgestürzt, die Katastrophe hat die Kluft zwischen Oben und Unten eingeebnet – aber die Aufräumarbeiten the day after befestigen wieder die üblichen Klassen- und Abhängigkeits-Verhältnisse: zwischen Villa- und Slumbewohnern, Einheimischen und Entwicklungshelfern.

 

Porträts gescheiterter Politiker

 

Diese pessimistische Diagnose stellt Raoul Peck in gewohnt unterkühlter Manier. Der international wohl bekannteste Regisseur aus der Karibik, der in Berlin an der dffb studiert hat, beschäftigt sich in seinen Filmen meist mit Krisen und Scheitern von Entwicklungsländern.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „N – Der Wahn der Vernunft“ – vielschichtiger Essayfilm über Culture Clash in Afrika von Peter Krüger

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Vodou – Kunst und Kult aus Haiti“ – exzellente Ausstellung der weltgrößten Voodoo-Sammlung im Übersee-Museum, Bremen

 

und hier einen Bericht über die Doku “Concerning Violence − Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self-Defence” – über Antikolonialismus im Afrika der 1960/70er Jahre von Göran Hugo Olsson.

 

Mal gelingt ihm ein beeindruckendes Epos wie „Lumumba“ (2000); darin schildert Peck nüchtern, welche fatale Kette von Ereignissen zur Ermordung des ersten kongolesischen Regierungschefs Patrice Lumumba 1961 führte, die seine Nation ins Chaos stürzte. Mal gerät das eher hölzern zum Brechtschen Lehrstück wie in „Moloch Tropical“ (2009), dem Porträt eines demokratisch gewählten Dritte-Welt-Präsidenten, der zum Diktator mutiert – wie Jean-Bertrand Aristide in Haiti ab 2001.

 

Verschwendete Erdbeben-Hilfe

 

Peck ist ein dezidiert politischer Filmemacher, aber kein Propagandist. Seine entschiedene, manchmal schneidende Kritik bleibt stets sachlich und fundiert. Schon im Dokumentarfilm „Haiti: Tödliche Hilfe“ (2012) prangerte er die Ineffizienz internationaler Geldgeber und NGOs an, die viele Mittel verschwendeten und zugleich Erdbeben-Opfer entmündigten. Auch in „Mord in Pacot“ teilt er gegen ausländische Experten aus, denen mehr an guter Presse und Karrierechancen als an effektiver Hilfe liegt.

 

Unter dem Eindruck des aktuellen Flüchtlings-Dramas tritt aber ein anderer Aspekt dieses so vielschichtigen wie ökonomisch inszenierten Films hervor: die Dialektik von Hoffnung und Enttäuschung. In der totalen Misere nach dem Desaster bietet das Auftauchen eines Westlers den einzigen Lichtblick.

 

Kurzer Prozess mit Dilemma

 

An ihn knüpfen sich alle Erwartungen: die des Bewohner-Paars auf sozialen Wiederaufstieg, die seiner Geliebten und ihrer Kleindealer-Kumpel auf rasches Entkommen ins Exil. Ihre hoch gespannten Wünsche kann Alex keinesfalls erfüllen, nicht einmal um den Preis der Selbstaufgabe. Mit seinem Dilemma macht der Regisseur sehr kurzen Prozess: durch rohe Gewalt.


Diesen Artikel drucken