Tobias Moretti

Therapie für einen Vampir

Graf Geza von Közsnöm (Tobias Moretti) ist in Lucy (Cornelia Ivancan) verliebt. Foto: MFA Film

(Kinostart: 10.9.) Szenen einer ewigen Ehe: Die Gräfin giert endlos nach Komplimenten, der Graf nach jungem Blut – da helfen weder Freuds Psychoanalyse noch Lacans Theorie. Angenehm altmodische Untoten-Komödie voller Charme von Regisseur David Ruehm.

Der Mensch ist für das ewige Leben einfach nicht geschaffen. Selbst wenn er als Vampir über Superkräfte verfügt: Nach ein paar hundert Jahren wird jedes Dasein allmählich fad. Man hat alles gesehen, alles gemacht, war schon überall – und die Jagd nach frischem Blut bietet auch keinen kick mehr.

 

Info

 

Therapie für einen Vampir

 

Regie: David Ruehm,

87 Min., Österreich/ Schweiz 2014;

mit: Tobias Moretti, Jeanette Hain, Karl Fischer

 

Website zum Film

 

So geht es jedenfalls Graf Geza von Közsnöm (Tobias Moretti). Er will Anfang der 1930er Jahre in Wien seine erloschenen Lebensgeister wieder wecken lassen – ausgerechnet von Sigmund Freud (Karl Fischer). Außerdem läuft es auch in seiner Ehe nicht mehr rund: Gräfin Elsa (Jeanette Hain) hat eine Obsession für ihr Aussehen entwickelt.

 

Lebensmüde auf Freuds Couch

 

Als Untote kann sie sich ja nicht selbst betrachten, weil kein Spiegel ihr Bild reflektiert; dazu ist sie auf Beschreibungen ihres Ehemanns angewiesen, womit sie ihn auf  Dauer reichlich überfordert. Um es ganz platt zu sagen: Die Alte nervt! Also legt sich der lebensmüde Geza auf Freuds Couch und redet sich allen Überdruss vom Leib.

Offizieller Filmtrailer


 

Rosenkrieg im nächtlichen Wien

 

Sein ennui hat sich über Jahrhunderte angesammelt, was der inzwischen schon etwas schusselige Begründer der Psychoanalyse nicht bemerkt. Dagegen entgeht ihm die plötzliche Belebung seines Patienten nicht: ausgelöst durch die junge Kellnerin Lucy, die Freundin von Freuds Mitarbeiter Viktor.

 

In Lucy glaubt der Graf seine erste Liebe wieder zu erkennen; nun will er sie unbedingt zurückerobern, was jene zunächst wenig beeindruckt. Doch Gräfin Elsa bleiben die Abwege ihres Gatten nicht verborgen: Bald tobt ein verbissener Rosenkrieg auf den nächtlichen Straßen von Wien, der für einen Ehepartner mit dem finalen Sonnenbad am Morgen endet.

 

Psychoanalyse in Praxis + Theorie

 

Natürlich ist dieses Psycho-Drama mit beschränktem Budget nicht besonders ernst gemeint; schon dadurch hebt es sich wohltuend von vielen high tech– Blutsauger-Sagas der letzten Jahre ab. Der österreichische Regisseur David Ruehm orientiert sich eher an der Tradition von Horror-Komödien der 1950/60er Jahre, etwa „Tanz der Vampire“ von Roman Polanski.

 

Mit solchen bewährten Muster jongliert Ruehm sehr unterhaltsam. Wobei er zugleich ein wenig psychoanalytische Praxis einschmuggelt, etwa indem Graf Közsnöm seinem Psychiater allnächtliche Besuche abstattet und diesen bis in seine Träume hinein verfolgt. Zudem erinnert die Frustration seiner Angetrauten, dass sie ihr Bild nicht sehen kann, an die Spiegeltheorie von Jacques Lacan (1901-1981): Ihm zufolge nehmen sich Kleinkinder erstmals bewusst als Person war, wenn sie sich vollständig im Spiegel erblicken. Kein Wunder also, dass Gräfin Elsa unter Selbstentfremdung leidet und darüber außer sich gerät.

 

Wenn kein Tod je scheidet

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Only Lovers Left Alive” – satirische Vampir-Liebesgeschichte von Jim Jarmusch mit Tilda Swinton

 

und hier einen Beitrag über den Film „5 Zimmer Küche Sarg“Vampir-Doku-Komödie von Jemaine Clement + Taika Waititi

 

und hier einen Bericht über den Film “Eine dunkle Begierde” von David Cronenberg über die Entstehung der Psychoanalyse aus der Rivalität zwischen Sigmund Freud + C.G. Jung.

 

Neben solchen vergnüglichen Anspielungen auf Klassiker der Psychologie amüsieren viele kleine Details. Wie etwa der radikal ungarische k.u.k-Name Geza von Közsnöm, den sich im Film niemand merken kann; Tobias Moretti spielt den Grafen mit viel geschmeidigem Schmäh und antiquiertem Augenrollen. Oder die Schlaftabletten, die sich Freud irgendwann einwirft: Sie sind im Jahr 1900 abgelaufen, als sein epochales Werk „Die Traumdeutung“ erschien.

 

Dabei dekliniert der Film alle Stadien einer Paarbeziehung in unterschiedlichen Konstellationen durch: vom frischen Verliebtsein bei Lucy und Freund Viktor und ihrem ersten Streit bis zur grantelnden Gewöhnung der alten Vampir-Eheleute aneinander. Beide kennen alle Marotten des anderen, aber sie müssen scheinbar bis in alle Ewigkeit zusammenbleiben.

 

Viel Charme + Herzblut

 

Alles ist mit einigem slapstick, viel Wortwitz und schön pointierten Dialogen garniert; das lässt vergessen, dass Spezialeffekte mitunter recht handgemacht aussehen und die Dramaturgie etwas holpert. Perfektion darf man nicht erwarten, doch viel Charme und Herzblut sind in diesem im besten Sinne altmodischen Film allerorten zu spüren. Das können keine noch so teuren Computer-Effekte mithalten.


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