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Paolo Woods & Gabriele Galimberti: Jetpack Demonstration (neue Trend-Sportart) auf den Kayman-Inseln. Fotoquelle: 6. Fotofestival

6. Fotofestival „7 Orte, 7 Prekäre Felder“


Wie Sie sehen, sehen Sie wenig: Die größte deutsche Fotoschau in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg will sieben wichtige Zeitprobleme bebildern – und übernimmt sich. Deutlich wird, wie schwierig es ist, die Wirklichkeit noch im Bild festzuhalten.


Diese Zahlen-Symbolik greift weit aus: Sieben Kontinente, sieben Weltwunder, sieben Todsünden – und alles, was dazwischen liegt. In der sechsten Ausgabe nimmt sich das Fotofestival, das alle zwei Jahre ausgerichtet wird, nichts Geringeres vor als eine Bestandsaufnahme der wichtigsten Gegenwarts-Tendenzen: in sieben "prekäre Felder" geordnet, auf sieben Einrichtungen in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg verteilt.

 

Info

 

6. Fotofestival
„7 Orte, 7 Prekäre Felder“

 

18.09.2015 - 15.11.2015

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

 

in Mannheim:
in der Kunsthalle, Friedrichsplatz 4 + im ZEPHYR - Raum für Fotografie, C 4, 9 +
im Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstraße 25-27
 


in Ludwigshafen:
im Wilhelm-Hack-Museum, Berliner Str. 23 + im Kunstverein, Bismarckstraße 44-48


 
in Heidelberg:

im Kunstverein, Hauptstraße 97 + in der Sammlung Prinzhorn, Voßstraße 2

 

Katalog 25 €

 

Website zur Ausstellung

 

Damit will Kurator Urs Stahel, Leiter des Fotomuseums Winterthur in der Schweiz, der digitalen Bilderflut begegnen: Nie wurde mehr fotografiert als heute. Allgegenwärtige Schnappschüsse seien wie "Aerosole, die uns die Augen verkleben", so Stahel: Dagegen helfe nur die Konzentration auf kunstvoll komponierte und aussagekräftige Einzelbilder.

 

Konkrete Anschauung verflüchtigt sich

 

Doch beim Rundgang zeigt sich: So ehrenwert die Absicht klingt, so schlecht lässt sie sich umsetzen. Die von Stahel formulierten Schlagworte mögen drängende Probleme bezeichnen – aber kaum einem Fotografen gelingt es, sie einzufangen. Konkrete Anschauung verflüchtigt sich in der Globalisierung und Digitalisierung. Außenansichten mutieren zu Simulationen oder Propaganda; das Eigentliche findet anderswo statt oder entzieht sich in Abstraktionen.

 

Das dürfte erklären, warum unter den Beiträgen von 50 Künstlern ungewöhnlich – oder: ungebührlich – viele Video-Arbeiten zu finden sind. Ihre Schöpfer wollen mit bewegten Bildern das Wesentliche von Prozessen enthüllen, die Einzelaufnahmen nur punktuell fixieren. Was jedoch dem Selbstverständnis einer Fotoschau widerspricht: Dafür gibt es etliche Festivals für Film und Videokunst.

 

Konsumenten bei der Stange halten

 

Eine andere Strategie gegen die "Agonie des Realen", die der postmoderne Vordenker Jean Baudrillard schon 1978 diagnostizierte, sind Serien. Thematische Reihen sollen oft dazu herhalten, Konsumenten bei der Stange zu halten; sei es durch Produktlinien, Abonnements oder die neuerdings so beliebten TV-Serien – immer heißt es: Bleiben Sie dran! Nun auch beim Fotofestival: Die meisten Teilnehmer steuern nicht ein paar Bilder, sondern gleich einen ganzen Stapel bei.

Impressionen der Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum: "High Tech, Logistics & Migration"

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Ausdruckslose neue Technologien

 

Das hat für alle Beteiligten Vorteile: Der Kurator muss weniger Werke sichten und auswählen, um alle Räume zu füllen. Den Künstlern reicht eine Grundidee, um sie in zahlreichen Variationen durchzuspielen. Ihr Wiedererkennungs-Wert entlastet das Publikum: Es braucht sie nur kursorisch wahrzunehmen – ideal bei kurzer Aufmerksamkeits-Spanne. Doch es sollte nicht erwarten, dass die gezeigten "44 Werkgruppen" einen Überblick über aktuelle zeitgenössische Fotografie bieten: Jede größere Einzelausstellung hat mehr Exponate.

 

All diese Einschränkungen werden schon im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum deutlich: "High-Tech, Logistik & Migration" zitiert drei Mega-Trends des Turbokapitalismus herbei. Die neuen Technologien, die Lewis Baltz um 1990 und Henrik Spohler 2002/8 abgelichtet haben, erscheinen auf ihrer Schauseite völlig ausdruckslos.

 

Zur Biographie einer Streubombe

 

Ein unentzifferbares Gewirr geometrischer Formen und Linien mit dem diskreten Charme von Schaltkreisen: Keiner Elektro-Kiste sieht man an, was in ihr gespeichert oder umgewandelt wird. Lukas Einsele versucht sich an der Biographie einer Streubombe vom Entwurf bis zur Explosion: Seine Fundstücke, die eine ganze Wand bedecken, bleiben fragmentarisch.

Impressionen der Ausstellung im Heidelberger Kunstverein: "Kommunikation & Kontrolle"

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Tausende Kühe-Punkte

 

Daher konzentriert sich Henk Wildschut bei seinen Stippvisiten in der Lebensmittel-Industrie auf dort arbeitende Menschen – sofern sie in ihrer Schutzkleidung überhaupt erkennbar sind – und Tiere: Küken, Geflügel und Schweine. Seine Horrorbilder von überfüllten Ställen und Legebatterien sind geläufig; daraus geht aber nicht hervor, wie industrielle Fleischproduktion abläuft. Ihre Ausmaße veranschaulicht nur Mishka Henner mit Luftaufnahmen von US-Rindermastfarmen: Darauf wimmeln Tausende winziger Punkte – jeder eine Kuh.

 

Die Unmöglichkeit, komplexes Zeitgeschehen zu visualisieren, zeigt sich auch beim Thema der Migration von Menschen. An Mittelmeerstränden lichtet Ad van Denderen Urlauber und illegale Einwanderer ab: Dass sie sich auf demselben Terrain bewegen, bleibt bloße Behauptung. Jim Goldberg knipst zahllose sozial Benachteiligte: Seine riesige Konterfei-Sammlung reduziert alle Porträtierten zu snapshot-Objekten.

 

Effektive Überwachung bleibt unerkennbar

 

Um beliebige Bildermassen einerseits und willkürliche Einzelaufnahmen andererseits zu vermeiden, nutzt Jules Spinatsch ein aufwändiges Verfahren: Computergesteuerte Kameras tasten stundenlang eine bestimmte Einstellung ab. Aus fast 800 Einzelbilder setzt Spinatsch sieben wandfüllende Mosaik-Panoramen zusammen: eines für jeden Ausstellungsort. Die Motive schillern vor Lichteffekten und Detailfülle, bleiben aber trivial: etwa eine Fabrikhalle im Hack-Museum, ein Verkaufsraum in der Kunsthalle Mannheim oder eine Diskothek im Heidelberger Kunstverein.

 

Dort geht es um "Kommunikation & Kontrolle" – was noch undurchsichtiger ausfällt. Trevor Paglen müht sich redlich, die Infrastruktur von Geheimdiensten zur Totalbeobachtung dingfest zu machen: Abhör-Stationen, Aufklärungs-Satelliten, Raketen und Drohnen. Mit diffusem Ergebnis: In menschenleeren Gegenden stehen Verwaltungsgebäude oder Antennen-Anlagen herum; am Sternenhimmel zeichnen sich schwache Lichtpunkte oder -streifen ab. Überwachung, die effektiv sein will, bleibt unerkennbar.

 

Wenn die Qualitäts-Kontrolle aussetzt

 

Immerhin weiß Paglen, was er sucht. Dagegen hält Marco Poloni einfach nur drauf: Seine Anzugträger und Damen im Kostümchen an Nicht-Orten wie Hotellobbys und Bürotürmen könnten irgendwer sein – sogar Träger von Macht, wie er versichert. Und Melanie Gilligan verabschiedet sich aus der Realität mit einer totalitären Spielfilm-Fantasie; da setzt die Qualitäts-Kontrolle des Kurators aus.

Impressionen der Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim: "Geld & Gier"

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Banknoten-Farbe als Kokain schnupfen

 

Realitätsgesättigter soll "Urbanismus & Real Estate" im Mannheimer ZEPHYR-Raum sein: so fest einbetoniert wie Neubauten. Die lichtet Ai Weiwei en gros ab; seine Megalomanie entspricht den Dimensionen von Chinas Bauboom und lässt ebenso frösteln. Wie die Plattenbau-Collagen von Frank van der Salm: Folterkammern aus Rasterfassaden weltweit. Solche Materialschlachten baut Hiroko Komatsu in der Ausstellung nach: Ihre Müllhalde aus Fotos von asiatischen Baustellen löst geradezu Abscheu aus.

 

Den sollen wohl auch die Arbeiten zu "Geld und Gier" in der Kunsthalle Mannheim hervorrufen. Wobei die Ausbeuter-Lebenswelt bei Paolo Woods und Gabriele Galimberti idyllisch anmutet: In Steuerparadiesen begegnen sie Superreichen vor Luxusherbergen, mit Trendsport-gadgets oder beim Entspannen im rooftop pool. Ähnlich vergnüglich konsumiert Glenda Léon Geld als Droge: Sie kratzt Druckfarbe von einem Dollar-Schein und schnupft sie, als sei es Kokain.

 

Geldsegen für Hans im Glück

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Zoom! Architektur und Stadt im Bild" mit Fotografie über aktuelle Stadtentwicklung in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Supermarket of the Dead" über Konsumismus + Vermögensvernichtung in China im Residenzschloss, Dresden

 

und hier einen Bericht über das hervorragende
4. Fotofestival 2011 unter dem Motto "The eye is a lonely hunter: Images of humankind" an sieben Orten in der Rhein-Neckar-Region.

 

Doch die meisten Beiträge scheitern an der Immaterialität von Kontoständen: Polly Bradens Momentaufnahmen aus der Londoner City wirken nichtssagend. Gaëlle Boucand lässt einen Neureichen langatmig über seine Verlustängste schwadronieren. Stefanos Tsivopoulos pflastert einen kompletten Raum mit Beispielen für alternative Zahlungsmittel – von Inflations-Notgeld bis zu hell money für chinesische Brandopfer.

 

Zugleich erzählen Video-Filme von unverhofftem Geldsegen: Eine reiche, alte Frau faltet Euro-Banknoten zu Papierblumen, die in der Abfalltonne landen. Dort findet sie ein junger, armer Schwarzer, der nach verwertbarem Altmetall sucht, und wird im Nu zum Hans im Glück. Wunschdenken, so alt wie Bargeld – hier in Dolby Surround.

 

Keine Welterklärungs-Enzyklopädie

 

Mit dieser Flucht ins Märchenhafte demonstriert Tsivopoulos, wie wenig der Wirklichkeit von Finanzkrise und Flüchtlingsströmen mit Fotografie beizukommen ist. Sie taugt eher zur Bebilderung von Tagträumen und Denunziation vermeintlicher Sündenböcke. Doch die tektonischen Verschiebungen der Gegenwart entgehen jeder Kamera: Da sie an Oberflächen klebt, fällt sie als Medium zur Aufklärung über solche Tiefenströmungen aus.

 

Trotzdem bleiben jede Menge Phänomene übrig, die sich fotografisch erfassen lassen. Nicht die Megatrends der Weltgesellschaft, aber alles, was dem Leben Farbe und Reiz verleiht. Darauf sollte sich das nächste Fotofestival beschränken, anstatt eine Welterklärungs-Enzyklopädie ausbreiten zu wollen: Nachschlagewerke im Internet sind längst besser.



Von Bela Akunin, veröffentlicht am 28.10.2015





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