Karlsruhe + Berlin

Bodenlos – Vilém Flusser und die Künste

Cyriak Harris: Chimpnology, 2014, © Cyriak Harris. Foto: ohe; Fotoquelle: ZKM, Karlsruhe

Prophet der Postmoderne: In den 1970/80er Jahren galt Vilém Flusser als ebenso gefeierter wie umstrittener Medientheoretiker. 25 Jahre nach seinem Tod würdigt ihn eine Schau im ZKM und der Akademie der Künste – konfuser und rätselhafter als alle seine Schriften.

Selten wurde eine Ausstellung so treffend benannt: „Bodenlos“ ist nicht nur der Titel der Autobiographie von Vilém Flusser (1920-1991), in der er sein Leben zwischen den Kontinenten und Kulturen schildert. Als 19-Jähriger floh der Prager Jude 1939 vor den Nazis nach London. 1940 emigrierte er mit seiner künftigen Frau Edith nach Brasilien; beide kehrten 1972 nach Europa zurück. „Bodenlos“ trifft auch den Charakter dieser Schau – wie in der Redewendung: „bodenlose Frechheit“.

 

Info

 

Bodenlos – Vilém Flusser und die Künste

 

14.08.2015 – 18.10.2015

mittwochs bis freitags

10 bis 18 Uhr,

samstags + sonntags

ab 11 Uhr im ZKM, Lorenzstraße 19, Karlsruhe

 

Begleitband 22 €

 

Weitere Informationen

 

19.11.2015 – 10.01.2016

täglich außer montags

11 bis 19 Uhr

im der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Sie verunglimpft denjenigen, den zu würdigen sie vorgibt. Damit hat Flusser hierzulande abermals Pech; schon zu Lebzeiten war er im deutschen Sprachraum viel später bemerkt worden als andernorts. Autodidaktisch hatte er sich die abendländische Philosophie- und Geistesgeschichte angeeignet; 1962 wurde er Dozent für Kommunikations-Theorie an der Uni von São Paulo. In den 1970er Jahren erschienen seine Schriften in den USA und Frankreich; von dort aus trat er regelmäßig ausgedehnte Vortragsreisen an.

 

Reich der Freiheit im Monitor

 

Erst 1983 erschien mit „Für eine Philosophie der Photographie“ sein erstes Buch auf Deutsch. Weitere folgten im Jahrestakt: Flusser verfasste unablässig Traktate, Essays und Artikel. Im Nu wurde er zum gefragten Gastredner bei Symposien und Konferenzen über die conditio humana in der Postmoderne. Neue Medien markierten für Flusser einen Epochenbruch: Eindimensionale Schrift werde von der „Nulldimensionalität“ elektronischer Bilder abgelöst, die keine Autorität mehr kontrollieren könne – durch den Monitor ins Reich der Freiheit.

Impressionen der Ausstellung


 

Alles hängt mit allem zusammen

 

Als sich die Dominanz von „Technobildern“ mit dem aufkommenden Internet gerade abzuzeichnen begann, starb Flusser bei einem Autounfall. So blieb ihm verwehrt, seine bis in die Anfänge der Menschheit zurückreichende Kommunikationstheorie mit virtual reality, big data und NSA-Totalüberwachung abzugleichen. Was diese Gedenkschau ebenso unterlässt wie jede Einführung in sein Gedankengebäude; sie setzt es offenkundig als bekannt voraus.

 

Stattdessen stehen Riesen-Wandtafeln zum „nomadischen Weg“ und „zur Genealogie des flusserschen Denkens“ herum, auf denen ein Linien-Netz zahllose Namen und Begriffe verbindet – versteht sich von selbst: Alles hängt mit allem zusammen. Ein Augenschmaus für Universalgelehrte: Wer mit Geistesgrößen wie Abraham A. Moles, Hendrik de Man, Oswald de Andrade, Roderick Seidenberg, Miguel Reale und Dutzenden weiteren bestens vertraut ist, wird diese Ausstellung mit Wohlgefallen betrachten.

 

Freihändig verteilte Exponate

 

Kurator Siegfried Zielinski tut das gewiss: Der Professor für Medientheorie an der Universität der Künste Berlin ist zugleich Direktor des dort beheimateten „Vilém Flusser Archiv“. Er und sein Stipendiat Baruch Gottlieb verteilen 70 Exponate freihändig über die dreiflügelige Ausstellungsfläche: Memorabilia aus Flussers bewegtem Leben, vergilbte Manuskripte, Video-Interviews und allerlei Arbeiten von Künstlern, die einst mit ihm Kontakt hatten oder sich von ihm inspiriert fühlten.

 

Ohne irgendwelche Erläuterungen oder erkennbare Zusammenhänge, mit allenfalls vager Chronologie: Es geht los mit Erinnerungen an Prag und Wien. In der Mitte ballen sich Reminiszenzen an Flussers Exil in Brasilien, als er die Biennale von São Paulo reformierte. Am Ende steht ein Sammelsurium aus kryptischer Konzept-Kunst, die für Initiierte auf topoi seiner Theoriebildung anspielen mag. Dazwischen vereinzelt sogar Verständliches wie „Hypertext“ auf Diskette von 1991: Sie erlaubte, einen Text zu lesen, den Autor zu hören und Anmerkungen oder Kommentare zu notieren – wie die meisten websites heute.

 

Hohepriester müssen unverständlich sein

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Digitalkunst-Festivals “Transmediale 2015 – Capture All” im Haus der Kulturen der Welt, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Vidéo Vintage 1963-1983“ über frühe Video-Kunst im ZKM, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Der Stand der Bilder” über die Medien-Pioniere Zbigniew Rybczyński + Gábor Bódy in Berlin + Karlsruhe

 

und hier einen Beitrag zur Ausstellung „ATLAS: How to Carry the World on One’s Back?“ über Ordnungssysteme von Künstlern, kuratiert von Georges Didi-Huberman, im ZKM, Karlsruhe.

 

Man könnte dieses Wirrwarr für die Weihestätte einer Wissenschafts-Sekte halten, die verhindern will, dass Uneingeweihte ihre Rituale begreifen. Oder für ein Mahnmal des hyperventilierenden Intellektuellen-Zirkus der Postmoderne, als im Quartalsrhythmus verwegene Thesen-Säue mit viel Wortgeklingel durchs akademische Dorf gejagt wurden. In der guten alten Zeit vor dem Bologna-Prozess, als man von Großdenkern noch Welterklärung erhoffte – und dafür gern auf Verständlichkeit verzichtete: Als Hohepriester galt, wem man kaum folgen konnte.

 

Jedenfalls wirkt dieses hermetische Arrangement in seiner souveränen Ignoranz gegenüber allen Formen von Wissensvermittlung so gestrig wie verblasste Flusser-Typoskripte in den Vitrinen. Offenbar ließ Hausherr Peter Weibel dem Kurator freie Hand: Immerhin publizierte Zielinski 2009 eine Festschrift zu dessen 65. Geburtstag. Worum es ihm bei seinem Debüt im Kunst-Gewerbe gehen könnte, erahnt man höchstens bei der Lektüre des Begleitbands mit mehr als 250 „Flusseriana“-Stichworten, verfasst von rund 100 Autoren.

 

Game over

 

Die Bodenlos-Schau grenzt im ZKM direkt an die Nachbar-Ausstellung „Global Games“ über „neueste Entwicklungen im Bereich der Computerspiele“; der Übergang ist fließend. Die meisten Besucher überschreiten ihn achtlos und merken erst nach einer Weile, dass sie auf einem ziemlich freudlosen level angelangt sind: sterilen Eierkopf-Spielchen in Bleiwüsten der 1970/80er Jahre. This game is over.


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