Berlin

Der Löwen-Kuhnert – Afrikas Tierwelt in den Zeichnungen von Wilhelm Kuhnert

Wilhelm Kuhnert: Verdächtiges Geräusch. Öl auf Leinwand, 37 x 53 cm. Privatbesitz. © Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Nationalgalerie / Andres Kilger

Der Grzimek der Malerei: Wilhelm Kuhnert brachte den Deutschen Afrikas exotische Tierwelt nahe. An den zu Lebzeiten berühmten, heute fast vergessenen Künstler erinnert zum 150. Geburtstag die Alte Nationalgalerie mit einer originellen Kabinettschau.

Bildliche Darstellungen exotischer Tiere sind ideale Projektionsflächen eines Fernwehs, in dem sich Lust und Angst mischen. Vor 100 Jahren gehörte das vielbändige Standardwerk „Brehms Tierleben“, das in die Fauna heimischer wie weit entfernter Weltgegenden einführt, in jedes bildungsbürgerliche deutsche Bücherregal.

 

Info

 

Der Löwen-Kuhnert – Afrikas Tierwelt in den Zeichnungen von Wilhelm Kuhnert

 

18.09.2015 – 06.12.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Alten Nationalgalerie, Bodestraße, Berlin

 

Katalog 14,95 €

 

Weitere Informationen

 

In der dritten Auflage von 1890 sowie der vierten, die 1911 bis 1918 erschien, stammten die prächtigen Farbabbildungen von Wilhelm Kuhnert (1865-1926); sein Geburtstag jährte sich Ende September zum 150. Mal. Der Berliner Maler und Zeichner war zu Lebzeiten weithin berühmt und erfolgreich; in Deutschland ist er heute so gut wie vergessen. Dagegen erzielen seine suggestiven Großgemälde aus der afrikanischen Savanne, die ihm den Beinamen „Löwen-Kuhnert“ einbrachten, im angelsächsischen Raum noch immer Höchstpreise.

 

Weniger Kino, mehr Kleinformate

 

Nun wird dieser ungewöhnliche Künstler in der Alten Nationalgalerie mit einer originellen und erlesenen Kabinettausstellung gewürdigt; sie umfasst 36 Zeichnungen und drei Gemälde. Für Direktor Philipp Demandt liegt Kuhnerts Bedeutung weniger im großen malerischen Kino als vielmehr in seinen kleinen Arbeiten auf Papier.

Impressionen der Ausstellung


 

Verpflegung für 80 Träger erlegen

 

Wer die realistische Zeichenkunst eines Adolph von Menzel bewundert, wird Kuhnerts Studienblätter lieben. Hier wie dort geht es nicht um Wunschbilder, sondern um obsessives Hinschauen. Nur das Sujet ist ein anderes: Saugt sich Menzels Blick am kalten Glanz polierter Waffen oder der Morbidität preußischer Generalsuniformen fest, ergründet Kuhnert in virtuosen Bleistiftstudien die stolze Kopfhaltung einer Grant-Gazelle, das voluminöse Gehörn des Kaffernbüffels oder das muntere Treiben von Elefantenspitzmäusen.

 

Wie er das gemacht hat, bleibt ein Rätsel – das Kuhnert auch in den launigen Texten seines 1918 erschienenen Buchs „Im Lande meiner Modelle“ über seine Reisen nur teilweise lüftet. Viermal war der Künstler zwischen 1891 und 1912 in Nord- und Ostafrika; meist mit großem Gefolge von bis zu 80 einheimischen Lastenträgern, für deren Ernährung er mit dem Jagdgewehr sorgte.

 

Zeuge von Grausamkeiten in Ostafrika

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Afrika mit eigenen Augen“ über Facetten der kolonialen Sicht auf Afrika im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Kader Attia: Reparatur – 5 Akte“ mit Installationen zu Europas Kolonialgeschichte im KW Institute for Contemporary Art, Berlin

 

und hier ein Bericht über die Ausstellung „Raden Saleh (1811–1880): Ein javanischer Maler in Europa“ – auf Tierbilder spezialisierter indonesischer Maler im Lindenau-Museum, Altenburg.

 

Das Verhalten und die typischen Bewegungen seiner „Modelle“ mit den Augen des Malers zu studieren und die Tiere danach waidmännisch zu erlegen, war oft nur eine Sache von wenigen Minuten. Ein Foto zeigt Kuhnert mit Tropenhelm vor der Staffelei, während zu seinen Füßen drei Jagdgewehre liegen.

 

Auch in anderer Hinsicht blieb er kein unschuldiger Beobachter. Bei drei seiner Expeditionen nutzte er die Infrastruktur der militärischen Stützpunkte im erst vor kurzem besetzten Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania; dort erlebte er die grausame Härte der deutschen Kolonialherren mit.

 

Emphatische Blicke auf Mensch + Tier

 

Sein Verhalten blieb ambivalent: Als in Berlin 1895 die Verbrechen von Carl Peters untersucht wurden, des „Reichskommissars für das Kilimandscharogebiet“, sagte Kuhnert gegen den Angeklagten aus. Als während seiner zweiten Expedition 1905 ein bewaffneter Aufstand gegen die deutschen Besatzer losbrach, meldete er sich jedoch spontan als Freiwilliger und nahm an Gefechten mit den Rebellen teil.

 

Lässt sich das Verhalten eines Künstlers, das aus heutiger Sicht moralisch angreifbar erscheint, von seinem künstlerischen Lebenswerk trennen? Darstellungen von Menschen fallen im riesigen Œuvre Kuhnerts, das fast 7000 Arbeiten umfasst, kaum ins Gewicht. Im Katalogheft sind ein paar Beispiele abgebildet, die in der Ausstellung fehlen. Sie legen eines nahe: Sein Blick auf fremde Menschen war genauso respektvoll, ja emphatisch wie der auf exotische Tiere. Die Faszination des Unbekannten liegt im Moment des Wiedererkennens.


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