Katja Riemann

Er ist wieder da

Da geht's lang: Der Führer (Oliver Masucci) weist die Marschrichtung. Foto: © 2015 Constantin Film Verleih

(Kinostart: 8.10.) Hitler feiert ein strahlendes Comeback: zuerst als TV-Star, dann bei der schweigenden Mehrheit. Timur Vermes‘ Bestseller verfilmt Regisseur David Wnendt virtuos als ätzende Satire – alles Polit-Gequassel versendet sich folgenlos.

Franz Josef Strauß selig soll einmal gesagt haben, eine gut organisierte neofaschistische Partei könnte in Deutschland auf Anhieb 20 bis 30 Prozent der Wählerstimmen bekommen. Romanautor Timur Vermes, der die Drehbuch-Vorlage lieferte, und Regisseur David Wnendt machen die Probe aufs Exempel.

 

Info

 

Er ist wieder da

 

Regie: David Wnendt,

110 Min., Deutschland 2014;

mit: Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Maria Herbst, Katja Riemann

 

Website zum Film

 

Adolf Hitler (Oliver Masucci) wacht in einem Berliner Hinterhof auf; im Hier und Heute. Er ist nicht das von Drogen zerfressene Wrack, das sich acht Tage vor Kriegsende mit 56 Jahren eine Kugel in den Kopf schoss. Auch nicht der Führer und Reichskanzler, der ab 1933 die braunen Massen zu Begeisterungsstürmen hinriss und Europa das Fürchten lehrte – obwohl er Uniform und Parteiabzeichen trägt.

 

Erstmal im Kiosk Zeitung lesen

 

Sondern eher der junge Hitler, der ab 1920 als „Trommler“ für die frisch gegründete NSDAP durchs Deutsche Reich tourte und seine Zuhörer mit feuriger Rhetorik für sich einnahm. So auch jetzt; der Gröfaz fängt noch einmal von vorne an. Regisseur Wnendt kennt sich mit Nazis bestens aus: Sein hoch gelobter Debütfilm „Kriegerin“ spielte unter rechtsradikalen Jugendlichen. Er lässt klugerweise Hitlers Wiederaufstieg ganz sacht beginnen: Erst einmal kriecht der Führer in Lars Rudolphs Kiosk unter und bringt sich mit Tagespresse auf den heutigen Stand.

Offizieller Filmtrailer


 

Selfies mit dem Führer knipsen

 

Dort wird er vom erfolglosen Filmemacher Fabian Sawatzki (Fabian Busch) entdeckt; der will mit ihm eine Reportage-Reihe für den Privatsender „my tv“ drehen. Beide reisen im Blumen-Transporter von Sawatzkis Mutter kreuz und quer durch die Bundesrepublik – dabei gedrehte Szenen zählen zu den am meisten bemerkenswerten, die im deutschen Kino der letzten Jahre entstanden sind.

 

Regisseur Wnendt lässt sein duo infernale auf ganz normale Bürger los – und die meisten freuen sich sichtlich über die Wiederkehr des Führers. Ob die Würstchenbuden-Verkäuferin, Hundezüchter, eine Herrenrunde im Edelrestaurant auf Sylt oder ausgelassene Fußballfans: Alle wollen zumindest ein selfie mit ihm knipsen, und etliche vertrauen ihm ihre Sorgen an. Die vielen Ausländer müsse man endlich rauswerfen, sonst gehe die Reinheit der Rasse verloren; wenn doch bloß endlich jemand durchgreifen würde! Man kennt das.

 

Karriere-Knick durch Köter-Erschießung

 

Die Szenen sind dokumentarisch; manche Gesichter wurden verpixelt, und in Bayreuth beschwert sich ein Passant lautstark über solche Geschmacklosigkeit. Doch Zustimmung überwiegt: beste Voraussetzungen für eine Fernsehkarriere bei „my tv“. Hitler bekommt einen Auftritt im comedy-Format „Krass, Alter!“, da die neue Programmchefin Katja Bellini (Katja Riemann) einen Quotenknüller braucht; der Führer begeistert sein Publikum mit Tiraden gegen schwachsinnige Koch-shows, während das deutsche Volk dem Untergang entgegen gehe.

 

Los geht’s mit dem Medien-hype: Ein talk show-Auftritt jagt den nächsten, social media blogger tippen sich die Finger wund, die BILD-Zeitung berichtet in Balkenlettern. Bis Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ einen Video-Schnipsel einspielt, in dem Hitler einen kleinen Hund erschießt. Süße Haustiere abmurksen geht gar nicht; der Wiedergänger wird zur Unperson.

 

Teigige Bürohengste bei der NPD

 

Also verlegt er sich auf politische Basisarbeit. Die Schnapsdrosseln im „Deutschen Haus“ zollen ihm aufrichtige Bewunderung. Stramme deutsche Jungs, die seine Leibgarde bilden wollen, sind allerdings nicht fit genug. Und der Besuch in der NPD-Parteizentrale gerät zum Fiasko: Anstelle einer schlagkräftigen Organisation findet Hitler teigige Bürohengste, denen nicht einmal zündende Wahlkampf-Parolen einfallen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films Kriegerin  über rechtsradikale Jugend in Ostdeutschland von David Wnendt

 

und hier einen Bericht über den Film “Feuchtgebiete” – brillante Verfilmung des Bestsellers von Charlotte Roche von David Wnendt

 

und hier einen Beitrag über die Nazi-Science-Fiction-Trash-Komödie “Iron Sky” von Timo Vuorensola mit Udo Kier als Hitler-Nachfolger

 

und hier eine kultiversum-Kritik über den Film „Mein Kampf“ von Urs Odermatt nach George Taboris Theaterstück mit Tom Schilling als jungem Hitler.

 

Erstaunlich an „Er ist wieder da“ ist kaum das Stammtischgerede der üblichen Verdächtigen, die sich dabei bereitwillig filmen lassen. Es gibt hierzulande – noch – keine erfolgreiche rechtspopulistische Partei wie Front National in Frankreich, Lega Nord in Italien oder die österreichische FPÖ, die solchen Ressentiments eine Plattform bieten würden; so machen sie sich bei Pegida-Demonstrationen oder am Kneipentresen Luft.

 

Spätsowjetische Entpolitisierung

 

Verblüffend ist vielmehr, wie nahtlos sich dieser Hitler-Doppelgänger in die hochtourig laufende Unterhaltungs-Maschine einfügen lässt. Nicht nur in comedy-Witzeleien – seine Auftritte bei angeblich seriösen Sendungen wie „Hart aber fair“ oder „Thadeusz“ könnten problemlos im Abendprogramm versendet werden. Und natürlich verwandelt er seine Popularität in bare Münze: Hitler schreibt „Er ist wieder da“ und landet einen bestseller.

 

Politik scheint zum unaufhörlichen Quassel-Marathon auf allen Kanälen mutiert zu sein, mit wöchentlich wechselnden Aufreger-Themen, so brandaktuell wie folgenlos – während die Technokraten der Vierfünftel-Koalition die Staatsverwaltung erledigen; durchaus effizient, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Diese spätsowjetisch anmutende Entpolitisierung hat Angela Merkel als gelernte FDJ-Funktionärin mit ihren Küchenkabinetten erfolgreich vorangetrieben.

 

Heilsbringer aus Österreich

 

Wobei sie im direkten Rededuell Oliver Masucci wohl hoffnungslos unterlegen wäre. Der Burgtheater-Schauspieler gibt einen fantastischen Führer ab: Schon seine schiere Präsenz flößt Ehrfurcht ein. Unnachahmlich fein dosiert er seine Redegewalt – mit diabolischem Charme gewinnt er alle Sympathien, bevor er mit markigen Worten die Marschrichtung vorgibt. Sollte sich Deutschland einem Diktator unterwerfen, dann bitte Masucci; immerhin kommt er aus Österreich.


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