Berlin

Gehorsam – Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke & Peter Greenaway

Caravaggio: Die Opferung Isaaks (Detail), ca. 1603. Videomapping auf Repro, © bpk | Scala. Fotoquelle: Jüdisches Museum Berlin

Das Jüdische Museum bestellt eine Ausstellung über Abrahams Opferung von Isaak bei Peter Greenaway. Der Filmregisseur inszeniert sie als überladene „Ein Herz für Kinder“-Familienfeier – und lässt Gehorsam nur in seinem Privatleben durchschimmern.

Am Anfang aller Geschichte steht ein versuchter Kindsmord. Auf Geheiß Gottes schickt sich Abraham an, seinen Sohn Isaak zu opfern. Doch ein Engel fällt ihm in den Arm, lobt seinen Gehorsam, lässt ihn stattdessen einen Widder schlachten und prophezeit ihm gesegnete Nachkommenschaft, so „zahlreich wie die Sterne am Himmel“.

 

Info

 

Gehorsam – Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke & Peter Greenaway

 

22.05.2015 – 15.11.2015

täglich 10 bis 20 Uhr,

montags bis 22 Uhr

im Jüdischen Museum, Lindenstr. 9-14, Berlin

 

Katalog 30 €

 

Weitere Informationen

 

Diese bizarre Episode ist eine Urszene für alle drei Buchreligionen, die Abraham als Stammvater ansehen. Das Judentum nennt sie „Bindung Isaaks“, weil das Menschenopfer nicht vollzogen, aber der Bund Gottes mit seinem Volk besiegelt wird. In der christlichen Bibel heißt sie „Opferung Isaaks“, da sie auf die spätere Kreuzigung Jesu hindeutet.

 

Der eigenen Schlachtung zustimmen

 

Im Koran wird der Sohn – hier ist es Ismael – vom Vater eingeweiht und stimmt ergeben seiner Schlachtung zu: „Tu, was Dir befohlen wird. Du wirst mich, so Allah will, standhaft finden.“ Unterwerfung und Selbstaufopferung über alles.

Impressionen der Ausstellung


 

Wann schlägt Autorität in Tyrannei um?

 

Dennoch bleibt der Vorgang ungeheuerlich: Gott verlangt von seinem Geschöpf, sein eigen Fleisch und Blut zu opfern. Erst als Abraham zur Tat schreitet, bewahrt ihn der Herr vor absoluter Grausamkeit – auch gegen sich selbst. Dieser Schlüsselmoment spitzt den Gegensatz zwischen Fremd- und Selbstbestimmung aufs Äußerste zu.

 

Wieviel Gehorsam kann eine Autorität verlangen? Darf sie totale Unterwerfung fordern – sogar um den Preis eigener Selbstaufgabe und -vernichtung? Oder schlägt sie dann in Tyrannei um, gegen die Widerstand nicht nur erlaubt, sondern auch geboten ist?

 

Ungehorsam durch Übererfüllung

 

Man kann Abrahams Verhalten als unbedingte Gottesfurcht auffassen, die alle Menschen ihrem Schöpfer schulden – so haben es mainstream-Theologen der drei abrahamitischen Religionen meist getan. Oder sie haben das Barbarische an Gottes Forderung ins Symbolische umgedeutet.

 

Abrahams Handeln lässt sich aber auch ganz anders interpretieren: Indem er scheinbar auf Gottes entsetzlichen Befehl eingeht, der seiner Güte und Gnade völlig widerspricht, zwingt er Gott, seine Weisung zurückzunehmen, um sich nicht selbst zu verleugnen. Damit wäre Abraham letztlich ungehorsam, weil er die Initiative an sich reißt und seinen Herrn zur Gegenreaktion nötigt.

 

Prophet eines postmodernen Kinos

 

In jedem Fall ist diese Szene ein Ur- und Sinnbild für alle Machtverhältnisse in extremis. Daher bietet sie sich als Sujet für das Jüdische Museum Berlin (JMB) an: Wie ist diese alttestamentarische Geschichte zu verstehen? Was bedeutet Gehorsam – was umfasst er, und wie weit darf er reichen?

 

Um diese komplexe Fragestellung in die Form einer Ausstellung zu bringen, hat das (JMB) den Filmregisseur Peter Greenaway beauftragt. Er scheint angesichts seines Werks dazu berufen wie kaum ein anderer: In den 1980er Jahren wurde Greenaway als Prophet eines postmodernen Kinos berühmt.

 

Von Film- zur Bühnen-Regie mit Ehefrau

 

Seine Filme wie „Der Bauch des Architekten“ (1986), „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ (1989) oder „Prosperos Bücher“ (1991) jonglierten so intelligent wie raffiniert mit originellen Bilderfindungen, Zitaten der abendländischen Kunstgeschichte und intellektuellen Spielereien. Mit Stilmitteln wie überbordendem Dekor, split screens und waghalsigem Illusionismus verdichtete er die Möglichkeiten des Kinos wie niemand zuvor.

 

Ab Mitte der 1990er wurden seine Filme immer ausgeklügelter und verrätselter; diese Kopfgeburten fanden keinen deutschen Verleih mehr. Greenaway verlegte sich auf Theater- und Operninszenierungen sowie Installationen – an der Seite seiner Ehefrau Saskia Boddeke, einer niederländischen Bühnenregisseurin und Multimedia-Künstlerin. Beide treten stets unzertrennlich auf.

 

Eltern-Ängste als Ausstellungs-Thema

 

Wer Greenaway engagiert, bekommt nun Boddeke gratis mitgeliefert. So auch bei dieser Schau, die das Thema auf den Kopf stellt: Anstelle von Abrahams Gehorsam stellt sie Isaak als Opfer in den Mittelpunkt. Das Kuratoren-Duo interessiert nicht das Machtgefälle zwischen Befehlsgeber und -empfänger, sondern elterliche Angst um ihren Nachwuchs: Sie wird in 15 Räumen mit allen Schikanen durchgespielt.

 

Der technische Aufwand ist enorm, die Botschaft simpel: Töten schafft Leiden. Da sagen etliche Kinder in die Kamera: „Ich bin Isaak“ – also: „Wir sind alle potentielle Opfer“. Derselbe Satz wird in vielen Sprachen und Schriften wiederholt: Alle Menschen sind gleich. Der „Engelraum“ hängt voller Fotos gefalteter Hände: Glauben macht stark. Im „Widderraum“ hängen 136 Widderhörner an der Wand; vor einem Widder-Aquarium von Damien Hirst, während lebende Exemplare über die Leinwand laufen.

 

250 Familien-Fotos, 300 Hieb- + Stichwaffen

 

Im Stil verschwenderischer Redundanz geht es weiter: Die Masse macht’s. 250 Mama-Papa-Kind-Fotos stehen für Familienglück, ein Waffenarsenal für dräuendes Unheil: 300 Schwerter und Messer baumeln von der Decke. Mit video mapping werden berühmte Barock-Gemälde animiert: Caravaggios „Opferung Isaaks“ (1603) geht in Flammen auf, das gebundene „Agnus Dei“ von Zurbarán (1640) atmet elektronisch.

 

Schauen und staunen wie im Bibel-Themenpark: An jeder Ecke lauern andere Knalleffekte. Sie lassen illuminierte Manuskripte, Grafiken und Skulpturen aus acht Jahrhunderten blass und veraltet aussehen: video killed the history star. Die Rolle lustiger comic-Figuren, die in Disneyland das Publikum durch alle Stationen begleiten, übernimmt hier eine Truppe Ausdruckstänzer: In effekthascherischen Hochglanz-Filmsequenzen spielen sie den Opfergang nach.

 

Rundgang durch UNICEF-Kinderpostkarten

 

Bis zum melodramatischen Finale mit 19 ausgestopften Schafen und Videobildern lachender oder weinender Knirpse aus aller Welt. Dieser Betroffenheitskitsch reduziert die 4.000-jährige Wirkungsgeschichte des Abraham-Mythos samt aller theologischen und moralischen Probleme auf einen Rundgang durch monumentale UNICEF-Kinderpostkarten.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Ein Gott – Abrahams Erben am Nil“ über „Juden, Christen und Muslime in Ägypten von der Antike bis zum Mittelalter“ im Bode-Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Du sollst dir (k)ein Bild machen“ mit sakraler + profaner Kunst aus acht Jahrhunderten im Berliner Dom

 

und hier eine Besprechung des Films „Noah – Das Ende ist erst der Anfang“ über den biblischen Sintflut-Mythos von Darren Aronofsky mit Russell Crowe.

 

Was ihm großen Zuspruch sichern dürfte: Auch die alljährliche ZDF-Spendengala „Ein Herz für Kinder“ ist ein Quotenhit. So gewinnt die Ausstellung dem JMB eine neue, potentiell riesige Klientel: Alle, die sich wenig für religiöse oder kulturelle Artefakte begeistern, aber sehr für human interest, sobald er so pompös inszeniert wird wie aus musicals und TV shows gewohnt. Zudem passt diese multimediale Gefühlsduselei perfekt zum Familien-Kult im heutigen Neobiedermeier: Jeder ist Kind, die meisten auch Mutter oder Vater.

 

Sich Muttertier-Weltsicht unterordnen

 

Aber wo bleibt der Gehorsam? Er steckt vermutlich im Privatverhältnis der beiden Kuratoren. Man tut Peter Greenaway wohl kaum Unrecht mit der Annahme, dass er sich seiner Partnerin Saskia Boddeke bereitwillig unterordnet. Seine vor Anspielungen und enzyklopädischem Wissen strotzenden Filme sind so meilenweit entfernt von diesem eindimensionalen Familienbande-Spektakel, dass es sich nur durch ein sacrificium intellectus erklären lässt: Hier zelebriert vor allem Boddeke ihre schlichte Muttertier-Weltsicht.

 

Was auch bei der Pressekonferenz zur Eröffnung zu beobachten war: Jede Frage, die dem Regisseur gestellt wurde, reichte er mit den Worten „Vielleicht möchte Saskia dazu etwas sagen“ an sie weiter. Worauf seine Frau in beider Namen zu dozieren anhob, währenddessen Greenaway lächelnd schwieg. Eigenen Weltruhm altruistisch in den Dienst seiner Herzensdame zu stellen, die vor ihrer liaison kaum jemand kannte – das ist wahrer Gehorsam.


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