Joshua Oppenheimer

Als ob die Nazis noch an der Macht wären

Regisseur Joshua Oppenheimer. Foto: © WOLF Consultants

Mit „The Act of Killing“ enthüllte Joshua Oppenheimer, dass Massenmörder in Indonesien straffrei leben; in „The Look of Silence“ porträtiert er die Opfer. Ein Gespräch über Prahlerei zur Verdrängung von Schuld und Geister der Toten in jeder Film-Einstellung.

Mr. Oppenheimer, warum haben Sie dieses Thema aufgegriffen und jahrelang daran gearbeitet?

 

Während meines Aufenthalts in Indonesien bekam ich den Eindruck, dass alle Überlebenden der Massaker durch Furcht gezeichnet und davon traumatisiert waren. Dann wurde ich mit den Prahlereien der Täter konfrontiert und begriff, dass sie eine Folge ihrer Straffreiheit waren.

 

Info

 

The Look of Silence

 

Regie: Joshua Oppenheimer,

103 Min., Indonesien/ Dänemark 2014;

 

Website zum Film

 

Als wären 40 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland immer noch die Nazis an der Macht, und als hätte die übrige Welt dem Völkermord begeistert zugestimmt, als er geschah weswegen die Täter weiter schamlos davon erzählen würden. Mir schien nichts wichtiger, als diese Straffreiheit zu thematisieren. Deshalb widmete ich mich dieser Angelegenheit, um so lange wie nötig daran zu arbeiten.

 

Zweieinhalb Stunden Fiebertraum

 

Nach ein paar Monaten entschied ich mich, darüber zwei verschiedene Filme zu drehen: einen über die Lügen, Fantasien und Geschichten, die die Täter einander erzählen, so dass sie mit ihrer Vergangenheit leben und der Gesellschaft ihre Version aufnötigen können. Auf dem director’s cut von „The Act of Killing“ auf DVD, der zweieinhalb Stunden lang ist, wird das zu einer Art überhitzten Fiebertraum, der den surrealen Schrecken des Ganzen einfängt.

 

Außerdem wollte ich einen zweiten Film drehen, der den ersten ergänzt genauer: beide Filme ergänzen sich wechselseitig. Er handelt davon, was es für Menschen bedeutet, 50 Jahre lang in Angst zu leben und darüber schweigen zu müssen. Deshalb heißt der Film „The Look of Silence“.

Auszüge des Interviews auf Englisch mit Joshua Oppenheimer


 

Western als Völkermord-Verherrlichung

 

Am meisten verstört in beiden Filmen, dass die Massenmörder sich ihrer Untaten weiterhin rühmen; in „The Act of Killing“ drehen sie darüber sogar einen Spielfilm. Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?

 

Entscheidend ist, dass die Straftäter in Indonesien an der Macht blieben. Meine Filme behandeln nicht die Massaker, sondern diese Straffreiheit: Was passiert, wenn die Täter weiter an der Macht sind? Das westliche Publikum mag es erstaunlich finden, dass diese Verbrecher sich weiterhin mit ihren Taten brüsten, aber das ist es nicht.

 

Hollywood hat ein ganzes Kino-Genre namens Western geschaffen, in dem es letztlich um die Verherrlichung eines Völkermords geht: das Abschlachten der Indianer. Wir machen das also auch; ich glaube, dass überall auf der Welt Täter so handeln, wenn sie straffrei bleiben.

 

Massenmorde als Heroismus umdeuten

 

Warum sprechen die Mörder gern und ausführlich über die grässlichen Einzelheiten, aber nicht über ihre persönliche Schuld oder moralische Verantwortung? Sie benutzen solche Prahlerei als Ausflucht, um verzweifelt die Frage nach individueller Schuld und Verantwortung zu verdrängen; das zwingt sie, über die scheußlichen Details zu reden.

 

Lassen Sie mich erläutern: Alle Täter, die ich filmte, werden wohl von Schuldgefühlen oder Alpträumen gequält. Da sie aber noch an der Macht sind, deuten sie als Sieger der Geschichte die Vergangenheit in eine Version um, die ihre Taten feiert. Das würden wir alle tun, wenn uns die Regierung für unsere Leistungen belohnen und ehren würde.

 

Wie Vögel, die Gefieder spreizen

 

Es ist eine Art Zensur: Sie reden ihre bitteren Erinnerungen schön mit einer verklärenden Version der Vergangenheit, die ihre Taten verherrlicht. Das erklärt, warum sie weiter über die schlimmsten Details der Massaker sprechen, die sie verharmlosen müssen, aber nicht über ihre eigene Schuld.

 

So ist ihre Prahlerei kein Zeichen von Stolz, sondern von Schuld. Wie in gewisser Weise jede Großspurigkeit: Wenn wir uns für etwas schämen, es aber nicht zugeben wollen, dann brüsten wir uns damit, um unsere Unsicherheit zu kompensieren. Wie Vögel, die ihr Gefieder spreizen, um größer und eindrucksvoller zu wirken, als sie sind. Die Täter wissen, wie jämmerlich sie sind und deshalb prahlen sie.

 

Riesen-Fisch als Meeresfrüchte-Restaurant

 

In „The Act of Killing“ wählen die Mörder für die Verfilmung ihrer Taten Kulissen, die auf westliche Zuschauer kitschig und exotisch wirken; etwa einen riesigen, begehbaren Fisch. Dagegen ist „The Look of Silence“ sehr nüchtern gehalten und konzentriert sich auf eine einzelne Familie – warum?

 

Die von den Tätern ausgewählte Symbolik ist nicht exotisch, sondern eher geheimnisvoll. Der Riesen-Fisch in „The Act of Killing“ ist tatsächlich ein Meeresfrüchte-Restaurant; dessen design ist in Indonesien genauso ungewöhnlich wie im Westen. Solche Bilder sind mit ganz persönlichen Erinnerungen an Träume und Alpträume verknüpft wie bei jedermann. In „The Look of Silence“ wollte ich dagegen das Gegenteil darstellen.

 

Tote wurden nie begraben

 

In der Langversion von „The Act of Killing“ enden die Szenen, in der die Mörder ihren Film einstudieren, mit abrupter Stille als einer Art geisterhafter Landschaftsaufnahme. So wechselt der Film die Perspektive: von den Tätern zu den abwesenden Opfern und Toten die in jeder einzelnen Einstellung lauern könnten, hoffe ich.

 

In „The Look of Silence“ soll der Zuschauer in diese geisterhaften Landschaften eintauchen, damit er einen Eindruck erhält, was es bedeutet, in solchen Gegenden zu leben. Sich dort ein neues Leben aufbauen zu müssen: in diesen Trümmern, dieser Stille, umgeben von Geistern der Toten, die nie begraben und angemessen betrauert worden sind. Was wird dadurch der Erinnerung, einer Familie oder allgemeiner: unser Fähigkeit zu leben angetan?


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