Kurt Langbein

Landraub – Die globale Jagd nach Ackerland

In Äthiopien erntet Arbeiterin Almengema Alemayoh Tomaten im Gewächshaus des Gemüsebauers Jan Prins. Foto: Movienet

(Kinostart: 8.10.) Von Indonesien bis Sierra Leone: Regisseur Kurt Langbein jagt Agrarkapitalisten hinterher, die armen Kleinbauern ihr Land wegnehmen. Dazu verfolgt er ein halbes Dutzend anderer Öko-Themen – ein schwer verdaulicher Betroffenheits-Eintopf.

Wie sich die Bilder gleichen – ob in Kambodscha, Äthiopien oder Sierra Leone: In Monokulturen wachsen Pflanzen in endlosen Reihen; aufwändig aus der Luft gefilmt, damit es noch eindrucksvoller aussieht. Dann kommen riesige Landmaschinen, Sprenkler-Anlagen oder Mähdrescher; sie nebeln die Plantagen ein oder ernten alles ab. Anschließend treten Kleinbauern auf, die lethargisch herumlungern, weil sie ihr Ackerland und damit ihre Ernährungsgrundlage verloren haben.

 

Info

 

Landraub – Die globale Jagd nach Ackerland

 

Regie: Kurt Langbein,

95 Min., Österreich 2015;

mit: Martin Häusling, Felix Prinz zu Löwenstein

 

Website zum Film

 

Nun das Kontrast-Programm: Alerte Manager-Typen schwärmen von immensen Profiten. Agrar-Ingenieure erklären den technischen Aufwand, mit dem sie industrielle Landwirtschaft betreiben. Damit dekadente Reiche Delikatessen schlemmen können: Ein Chefkoch in Dubai erzählt, wie oft und schnell für sein Luxushotel Austern eingeflogen werden – „frischer geht’s nicht!“.

 

Nahrungsmittel-Nachfrage wächst

 

Worum geht es hier eigentlich? Um so genanntes land grabbing – Aufkauf oder Aneignung von Agrarböden in großem Stil durch Investoren aus dem In- und Ausland. Dieses Phänomen soll seit der Finanzkrise 2008 stark zugenommen haben: Seither sind die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel deutlich gestiegen, die Nachfrage nach ihnen wächst sowieso unaufhörlich.

Offizieller Filmtrailer


 

Ausverkauf des Ackerlandes

 

Daher wird immer mehr Kapital in großflächige Agrarproduktion gepumpt; vor allem in Entwicklungsländern mit günstigem Klima, billigen Arbeitskräften – und ohne Arbeitnehmer-Organisationen oder Rechtssicherheit. Die Einwilligung dortiger Entscheider, oft mit Schmiergeld erkauft, reicht aus, um ganze Landstriche in Besitz zu nehmen. Schon kann die Produktion lukrativer cash crops beginnen; meist für den Export. Vom Geldsegen komme bei der Bevölkerung kaum etwas an, so die These von Regisseur Kurt Langbein.

 

Er dekliniert sie an einigen Beispielen durch. Ein Senator in Kambodscha betreibt eine Zuckerrohr-Plantage, auf der ehemalige Bauern als Tagelöhner arbeiten, die früher diesen Boden bestellten. Der Zucker wird zollfrei in die EU eingeführt. Andernorts vertreibt ein vietnamesisches Unternehmen Khmer-Kleinbauern mit Gewalt und lässt ihre Hütten anzünden.

 

Äpfel mit Birnen vergleichen

 

In Äthiopien züchtet ein Niederländer in Gewächshäusern Tomaten; seine Pflückerinnen verdienen zu wenig, um sich das Gemüse leisten zu können. In Indonesien werden Palmöl-Plantagen mit paramilitärischer Disziplin geführt; eine Investition von 100 Millionen US-Dollar soll sich schon nach fünf Jahren amortisieren. In Rumänien erhält ein Großgrundbesitzer aus Österreich hohe EU-Subventionen, während für regionale Landwirte wenig abfällt.

 

Vier Länder, drei Kontinente, ein Schema: Agrarkapitalisten bereichern sich auf Kosten kleiner Leute. Regisseur Langbein schert wenig, dass er Äpfel mit Birnen vergleicht. Mal sind die Betreiber einheimische Granden, mal ausländische Konzerne. Mal werden Dörfler brutal enteignet, mal entschädigt, mal wird Brachland urbar gemacht. Mal entstehen mehr, mal weniger Jobs für die Bewohner.

 

Mit Zahlen ohne Kontext jonglieren

 

Nur in einer Passage wird diese Landraub-Vogelschau konkreter. In Sierra Leone baut die Firma „Addax“ aus der Schweiz Zuckerrohr zur Ethanol-Herstellung an. Ihr Leiter sagt: Verträge seien mit lokalen chiefs ausgehandelt worden, Abgaben kämen der Region zugute, umgesiedelte Kleinbauern erhielten Hilfen für ertragreicheren Ackerbau. Die Betroffenen widersprechen: Geld fließe spärlich, das Hilfsprogramm sei weltfremd und sauberes Wasser werde knapp. Allein eine Köchin freut sich, dass sie mehr Mittagessen verkauft.

 

Um dieses anekdotische Potpourri zusammenzubinden, werden summarische Daten ohne Kontext eingeblendet: Seit 2001 hätten Ausländer weltweit 220 Millionen Hektar Land gekauft oder gepachtet – das wäre mehr als Europas gesamte Anbaufläche. Dass es sich um eine bloße Schätzung der Entwicklungsorganisation „Oxfam“ handelt, unterschlägt der Film.

 

Superproduktive Kleinbauern

 

Oder: Industrielle Agrarproduktion verbrauche zehn Mal mehr Energie, als sie erzeuge, heißt es: Kleinbauern würden aber zehn Mal mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Woher kommen solche Zahlen? Wie können Agrarfabriken enorme Renditen abwerfen, wenn sie so viel Energie fressen, die in Drittwelt-Staaten oft sehr teuer ist? Und warum sollen ausgerechnet Kleinbauern superproduktive Energie-Erzeuger sein? Darüber schweigt sich Regisseur Langbein aus. Sein leichtfertiges Jonglieren mit solchen Angaben lässt sich von Demagogie kaum unterscheiden.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Doku „La Buena Vida − Das gute Leben“ über Indio-Vertreibung in Kolumbien von Jens Schanze

 

und hier einen Beitrag über die Doku „Viel Gutes erwartet uns − Good Things Await“ über Bio-Landwirtschaft in Dänemark von Phie Ambo

 

und hier einen Bericht über den Film “Sushi – The Global Catch” über die Überfischung der Weltmeere von Mark S. Hall.

 

Als Gewährsleute dienen ihm zwei Kronzeugen: der Grünen-Politiker Martin Häusling, MdEU, sowie der Agrarökonom und Bio-Bauer Felix Prinz zu Löwenstein. Beide schneiden diverse Nebenaspekte an: von Fehlanreizen bei EU-Subventionen und Importzöllen oder Ressourcen-Raubbau durch Agrarfabriken bis zur Ineffizienz von Ethanol als Bio-Sprit.

 

Industrielle Revolution reloaded

 

Dann besucht Löwenstein sein Musterländle im Norden von Äthiopien, wo Kleinbauern ihre Ernten durch Kompostdüngung und Mischkulturen steigern. Dass die Regierung in Addis Abeba zugleich massiv ausländische Investoren anlockt und lokalen Widerstand rücksichtslos bricht, bleibt unerwähnt.

 

Dieser Film hat von allem zuviel: zu viele Schauplätze, Akteure, Sujets und Erzählstränge. Doch ihm fehlt ein klares Konzept, um das abstrakte und komplexe Phänomen land grabbing anschaulich aufzubereiten. In vielen Weltregionen läuft derzeit ab, was in Europa während der industriellen Revolution geschah: Kapitalakkumulation konzentriert und mechanisiert die Landwirtschaft. Selbstständige Bauern werden ausgebeutete Arbeiter; ihnen droht Verelendung, derweil korrupte Eliten im In- und Ausland den Rahm abschöpfen.

 

Arme Bauern-Opfer

 

Zugleich verbessern sich Infrastruktur, Technologie und know-how. Je nachdem, wie sie eingesetzt werden, nützen oder schaden sie Lebensstandard und Umwelt. Ob und wie der Einzug moderner Agrarproduktion die regionale Entwicklung fördert oder hemmt, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Sie in 90 Minuten aufzuschlüsseln, wäre schwierig genug. Sie mit allerlei anderen Öko-Themen zu vermengen, rührt nur einen schwer verdaulichen Betroffenheits-Eintopf zusammen: total gemein, dass arme Bauern nix mehr zu futtern haben!


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