Michael Fassbender

Macbeth

Macbeth (Michael Fassbender, l.) plagen Selbstzweifel. Foto: StudioCanal Filmverleih

(Kinostart: 29.10.) Machtgier und Verrat vor 1000 Jahren als zeitloses Polit-Drama: Regisseur Justin Kurzel verfilmt Shakespeare historisch präzise und extrem stilisiert – mit Michael Fassbender und Marion Cotillard als brillantem Tyrannen-Herrscherpaar.

Fair is foul, and foul is fair: Die Umwertung aller Werte bringen Shakespeares Hexen auf eine unvergessliche Stabreim-Kurzformel. Geschichte als Schleudertrommel, die das Unterste nach oben hebt, das Gemeinste auf den Thron hievt und Amoral triumphieren lässt. Allerdings nur auf Zeit: Das Verdrängte kehrt wieder, rächt sich und stellt die geschändete Ordnung wieder her. Das ist „Macbeth“. Wirklich?

 

Info

 

Macbeth

 

Regie: Justin Kurzel,

Min., Großbritannien 2015;

mit: Michael Fassbender, Marion Cotillard, David Thewlis

 

Website zum Film

 

Der ruchloseste Meuchelmörder der Weltliteratur ist 400 Jahre alt, sein historisches Vorbild im Schottland des frühen Mittelalters noch 600 Jahre älter, doch das Stück bleibt zeitlos. Machtgier, Intrige und Verrat gehören seit jeher zur Politik – manche sagen: Sie machen die Essenz von Politik aus. Auch wenn ihre Opfer nicht mehr im Schwertkampf hingemetzelt oder im Schlaf durchbohrt, sondern nur kaltgestellt und abserviert werden; im gnädigsten Fall samt Versorgungsposten oder Leibrente.

 

Gewalt als Kettenreaktion

 

Doch Macbeth ist nicht nur ein machthungriger Aufsteiger, der sich den Weg an die Spitze freimordet. Drei der fünf Akte handeln vom seelischen Preis seiner Schandtaten: Den Usurpator peinigen Ängste und Visionen. Er lässt Weggefährten und Mitwisser verfolgen und liquidieren, rottet zur Abschreckung ihre Familien aus und verliert dennoch letztlich alles. Gewalt als Kettenreaktion, die immer neue Gewalt gebiert, bis sie in Selbstzerstörung mündet.

Offizieller Filmtrailer


 

Monströse Untaten sensibler Charaktere

 

Insofern ist die Fabel hochmoralisch: Verbrechen lohnt sich nicht – doch würde der Titelheld nicht am Ende entmachtet, wäre das Stück nihilistisch. Denn seine Widersacher, die Recht und Moral repräsentieren, bleiben eher blass. Shakespeare konzentriert sich auf Macbeth und seine Lady, deren allmähliches Versinken in der Tyrannei er unerbittlich auskostet. Lange Monologe schildern ihre Zweifel, Schuldgefühle und Furcht vor jedem nächsten Schritt. Beide sind sensible Charaktere voller Skrupel; erst das macht ihre Untaten so monströs.

 

Diese Ambivalenz hat schon viele Filmregisseure gereizt. Am erfolgreichsten war Roman Polanski, der mit seiner Version von 1971 die Ermordung seiner Frau Sharon Tate verarbeitete. Am originellsten ist „Das Schloss im Spinnwebwald“ von Akira Kurosawa, der 1957 das Drama unter Samurais im alten Japan verlegte. Fügt dem der australische Regisseur Justin Kurzel eine neue Lesart hinzu?

 

Hierarchien + Rituale als einziger Luxus

 

Allerdings: mit Hyper-Realismus, der zugleich bis zum Äußersten stilisiert wird. Die Ausstattung ist authentisch historisch: Schottische Schlösser sind kahle und kalte Gemäuer, die Akteure in grobe Tuche gehüllt. Bei Gefechten treffen zerlumpte, vernarbte Gestalten aufeinander; die Schlachtszenen sind ein Furioso aus Gebrüll, Schlammspritzern und Knochenmühle – das lässt erahnen, wie unsäglich elend und brutal Leben und Sterben im 11. Jahrhundert gewesen sein muss.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ – hypernaturalistische Mittelalter-Parabel von Alexej German

 

und hier einen Bericht über den Film „Cäsar muss sterbenDoku-Drama über Shakespeare-Inszenierung im Gefängnis von Paolo + Vittorio Taviani, Berlinale-Siegerfilm 2012

 

und hier einen Beitrag über den Film “Anonymus” – Literatur-Thriller über Shakespeares Autorenschaft von Roland Emmerich.

 

Eine geräumige Kammer mit muffigen Decken war schon der Gipfel herrschaftlichen Komforts. Damalige Festmähler ähneln Imbissen in heutigen Biergärten. Der einzige Luxus, den diese bettelarme Gesellschaft kannte, waren ausgefeilte Hierarchien und Rituale: wer wann wem auf welche Weise seine Ehrerbietung und Treue zu erweisen hatte. Dieses adlige Ballett führt Regisseur Kurzel mit viel Freude an Girlanden vor.

 

Waschen blutiger Hände entfällt

 

Um sich dann, wie Shakespeare, mit Macbeth und seiner Gemahlin in ihre Privatgemächer zurückzuziehen. Michael Fassbender ist ein faszinierender Antiheld: von endlosen Waffengängen gezeichnet, grübelnd in sich gekehrt, entgleiten ihm zusehends die Züge und Zügel, je mehr er sich in seinen Blutrausch hineinsteigert.

 

Als Lady Macbeth erscheint Marion Cotillard zuerst wie eine Lichtgestalt in dieser tristen Welt aus Grobianen und Vetteln – bis sie ihrem Mann einflüstert, König Duncan (David Thewlis) zu beseitigen, und damit das Unheil in Gang setzt. Im Film ist ihr Part etwas kleiner als auf der Bühne; wahnhaftes Waschen blutiger Hände entfällt, doch bis zu ihrem Selbstmord hat Cotillard einen fabelhaften Auftritt.

 

Apocalypse now

 

Ansonsten bleiben alle wichtigen Elemente des Dramas erhalten, ebenso Shakespeares unsterbliche Verse. Wenn schließlich die Untergangs-Prophezeiung der Hexen eintrifft, weil sich der Wald von Birnam ‚bewegt‘, indem er in Flammen aufgeht, dann wird das zum überwältigenden Inferno – apocalypse now. Die Feuersbrunst reißt alles mit und wirbelt es in die Luft: Fair is foul, and foul is fair.


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