Berlin

Radikal Modern: Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre

Der Sozialismus als Ferienparadies blieb ungebaute Utopie: Josef Kaiser: Großhügelhaus, Collagierte Perspektive: Dieter Urbach, 1971, © Michael Kaiser, Dieter Urbach. Fotoquelle: Berlinische Galerie

Von Meilenstein-Bauwerken zu Arbeiter-Schließfächern: Berliner Stadtplanung in Ost und West spiegelt Glanz und Elend der Beton-Ära. Die Berlinische Galerie zeichnet sie nach – und strickt an der Legende, Plattenbau-Architekten hätten nur das Beste gewollt.

„Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“: Dem Text der DDR-Nationalhymne folgten in den 1960er Jahren die Stadtplanungen in beiden deutschen Teilstaaten. Nirgends trat das so deutlich zutage wie in der ehemaligen Reichshauptstadt. Aus dem „Schutthaufen bei Potsdam“, wie Bertolt Brecht Berlin nach Kriegsende nannte, war in den 1950er Jahren ein Brennpunkt des Systemwettstreits zwischen Ost und West geworden.

 

Info

 

Radikal Modern: Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre

 

29.05.2015 – 26.10.2015

täglich außer dienstags

10 bis 18 Uhr

in der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, Berlin

 

Katalog 29,80 €

 

Weitere Informationen

 

Der Mauerbau 1961 zementierte das im Wortsinn: Fortan waren beide Stadthälften voneinander getrennt – und sollten als Schaufenster fungieren, um der anderen Seite die Überlegenheit des eigenen Gesellschaftssystems vorzuführen. Jetzt baute man munter drauflos: Binnen weniger Jahre entstanden in Ost- und Westberlin zahlreiche landmark buildings, die das Stadtbild bis heute prägen.

 

Fein austarierte Exponate-Auswahl

 

Das zeichnet das Berliner Landesmuseum nach: mit 250 Plänen, Modellen und Fotos wichtiger Bauten der 1960er Jahre. Die Auswahl der Exponate ist fein austariert und wird abwechslungsreich präsentiert; ohne zuviel Flachware oder endlose Fotostrecken, die das Publikum durch Monotonie ermüden würden.

Interview mit Direktor Thomas Köhler und Impressionen der Ausstellung


 

Vergangenheitsbewältigung in Beton gießen

 

Diesen Fehler begingen etliche Bauprojekte jener Jahre, wie Trabantensiedlungen allerorten zeigen. So wird die Ausstellung über die Stadtgrenzen hinaus bundesweit relevant: als Chronik von Glanz und Elend des deutschen Wiederaufbaus. Wobei um 1960 bereits die Kriegstrümmer abgeräumt und die ärgsten Wohnungsnöte gemildert worden waren; nun wollte eine hochfliegende Stadtplanung alles Bisherige überwinden.

 

Als in Beton gegossene Vergangenheitsbewältigung: Der Monumental-Klassizismus des NS-Regimes war gründlich diskreditiert – obwohl er im Osten als stalinistischer Zuckerbäckerstil bis Mitte der 1950er Jahre fortlebte. Doch neue Werkstoffe und Fertigungsmethoden erlaubten kühne Entwürfe für radikal veränderte Stadtlandschaften mit Großbauten aus Stahl, Glas und Beton. Sie sollten repräsentativ und transparent sein, benutzerfreundlich und pflegeleicht – und von allen Seiten mit dem Auto erreichbar.

 

Systemübergreifender International Style

 

Schon früher hatte man von ganz anderen Städten geträumt: wie französische Baumeister nach 1789, russische nach 1917, Bauhaus-Lehrer oder Le Corbusier. Aber die Architekten-Generation der 1960er Jahre hatte erstmals die technischen Mittel dazu. Vorbildlich wirkte Brasilia; die brasilianische Hauptstadt wurde von Oscar Niemeyer und Lúcio Costa zwischen 1957 bis 1964 am Reißbrett entworfen und aus dem Urwaldboden gestampft.

 

Autogerechte Städte für eine lichte Zukunft, die bessere Menschen hervorbrächte: Der utopische Glaube an die weltverändernde Kraft der Baukunst einte Planer in Ost und West. Weswegen sich ihre Entwürfe nur in Nuancen unterschieden: Die Berlinische Galerie macht sehr anschaulich, dass sich die Architekturen beider Stadthälften im Lauf des Jahrzehnts immer stärker anglichen. Die Dogmatik des International Style wirkte systemübergreifend verbindlich.

 

Gebautes Manifest für Sozialismus-Sieg

 

Das gemeinsame Ziel zeitigte unterschiedliche Ergebnisse. Bis heute geschätzt wird Egon Eiermanns Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (1957/61): Die alte Ruine blieb als Mahnmal stehen, eingeklammert vom achteckigen Kirchenschiff und sechseckigen Glockenturm mit insgesamt 20.000 Buntglasfenstern. Ähnlich anerkannt sind die Philharmonie von Hans Scharoun (1956/63) und, schräg gegenüber, die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe (1965/8); das dazwischen geplante Kulturforum blieb jedoch ein Torso und Ärgernis – bis heute.

 

Dagegen machte die DDR am Alexanderplatz tabula rasa: Hier sollte ein gebautes Manifest für den Sieg des Sozialismus entstehen. Nach einigem Hin und Her entschied man sich für den Fernsehturm und den Wolkenkratzer „Interhotel Stadt Berlin“ als optisches Gegengewicht, flankiert von Centrum-Kaufhaus, Haus des Lehrers, Kongresszentrum und diversen Hochhäusern – ein so weitläufiges und einschüchterndes Ensemble wie in Moskau beim großen Bruder.

 

Festung Gottes im Brutalismus-Stil

 

Neben solchen „städtebaulichen Dominanten“, wie es im Fachjargon heißt, stellt die Schau eine Reihe weniger prominenter Gebäude vor. Etwa die Westberliner Akademie der Künste (1958/60) von Werner Düttmann; er entwarf auch die inzwischen entweihte St. Agnes-Kirche (1965/66) in Kreuzberg. Mit fensterloser Betonfassade und massivem campanile-Turm wirkt sie so schroff abweisend, dass diese Festung Gottes jedem Schauer einflößt.

 

Ihr „Brutalismus“-Stil wird zwar von Rohbeton („beton brut“) abgeleitet, doch man kommt nicht umhin, an „brutal“ zu denken. Wie bei allerlei ehrgeizigen Planungen der Epoche, die gottlob nie umgesetzt wurden; genüsslich breitet die Schau ein Panorama des Schreckens aus. Georg Kohlmeier und Barna von Sartory wollten den Oranienplatz in ein Autobahnkreuz umwandeln oder rollende Gehsteige in Röhren über dem Kurfürstendamm installieren.

 

Planungs-Delirien unter Drogen-Einfluss

 

Ralf Schüler und Ursula Schüler-Witte, die Erfinder des „Bierpinsels“ in Steglitz, hätten gern die gesamte Avus-Strecke mit einer „Bandstadt Grunewald“ überbaut. Engelbert Kremser schwebte ein organisch wucherndes Europa-Center vor, das Dekonstruktivismus wie Legosteine aussehen lässt. Ihre Ost-Kollegin Uli Eisel bastelte an einer fliegenden Häuserfabrik namens „Autoimme“, die automatisiert Wohntürme hochziehen sollte.

 

Solche Delirien legen den Verdacht nahe, die Architekten hätten von damals modischen psychedelischen Drogen gekostet. Dafür war kein Geld da; es floss stattdessen in Großsiedlungen mit Serienbauweise. Da der DDR-Plattenbau erst in den 1970er Jahren florierte, konzentriert sich die Ausstellung auf das Märkische Viertel und die Gropiusstadt in Westberlin.

 

Fickzellen mit Fernheizung

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Zoom! Architektur und Stadt im Bild“ über aktuelle Architektur-Fotografie in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Coop Himmelb(l)au – Frankfurt Lyon Dalian“ – Werkschau des dekonstruktivistischen Büros im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt/Main

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Lina Bo Bardi 100 – Brasiliens alternativer Weg in die Moderne“ – erste deutsche Werkschau der Architektin des International Style in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Kultur:Stadt“ – über wegweisende zeitgenössische Kulturbauten in Berlin + Graz.

 

Dabei fertigt sie die allgemeine Abneigung gegen solche Retorten-Quartiere mit zwei Sätzen ab: „Ab Mitte der 1960er Jahre kritisierte eine intellektuelle Minderheit die ‚Glätte‘, nachbarschaftliche ‚Anonymität‘ und ‚Unwirtlichkeit‘ dieser neuen Bauweise. Ihre Haltung prägt die Debatte um dieses Bauerbe bis heute.“ Soll heißen: Eine ‚Minderheit‘ aus Eierkopf-Querulanten machte diese tolle Bauweise mies, und die dusslige Mehrheit fiel darauf herein.

 

Obwohl doch wohlmeinende „Experten sich bemühten, abwechslungsreiche Gebäude-Varianten zu entwickeln. Die Mehrzahl ihrer Alternativentwürfe blieb jedoch unrealisiert.“ Warum wohl? Weil Abwechslung teuer ist, aber möglichst billige Behausungen für die malochenden Massen gefragt waren: „Arbeiter-Schließfächer“ und „Fickzellen mit Fernheizung“ hat sie der Ostberliner Dramatiker Heiner Müller genannt.

 

Verhängnisvolle Schuhschachtel-Stapel

 

Architekten verbreiten seit jeher die Mär, sie lieferten stets optimale Entwürfe – die leider von ignoranten und knausrigen Bauherren so abgespeckt würden, dass nur fader Einheitsbrei herauskäme. Diese Lebenslüge der Zunft ist so psychologisch verständlich wie irreführend; ein staatliches Museum sollte sich nicht dazu hergeben, sie wiederzukäuen.

 

Baumeister wollen bauen; je mehr, desto besser. Sind sie nicht so berühmt, dass man ihnen signature buildings abkauft, dann stapeln sie eben Schuhschachteln: Masse statt Klasse. Das Verhängnis einer damit vollgerümpelten Welt nahm in den 1960er Jahren seinen Anfang.

 

Gretchenfrage: Alt- oder Neubau?

 

Seine aktuelle Variante ist Investoren-Architektur aus uniformen Kisten mit Schießscharten-Fenstern; ihr eintöniges Gitterstäbe-Fassadenraster stellt klar, dass es sich um Riesen-Käfige für Büromäuse handelt. Jedes Individuum mit Selbstachtung flieht sie. Wie der Lackmustest beweist – man frage einfach Architekten: Wohnen Sie selbst im Alt- oder Neubau?


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