Frankfurt am Main

Roots – Indonesian Contemporary Art + Beyond Transisi – Contemporary Indonesian Photography

Eko Nugroho: Ausstellungsansicht, Foto: N. Miguletz. Fotoquelle: Frankfurter Kunstverein

Indonesien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse, aber die Kultur des größten Staats in Südostasien hierzulande kaum bekannt. Das ändern zwei Ausstellungen im Kunstverein und Fotografie Forum: eine erstklassige Einführung in einen exotischen Kunst-Kosmos.

Indonesien, der unbekannte Riese: Seine 17.000 Eilande erstrecken sich über 5000 Kilometer, so weit wie von Frankfurt nach Teheran. Mit rund 250 Millionen Einwohnern ist das Inselreich die viertgrößte Nation der Welt – und die größte muslimische. Nach der niederländischen Kolonialzeit und dem linksnationalistischen Kurs von Staatsgründer Sukarno öffnete Militärdiktator Suharto Indonesien ab 1966 für westliche Einflüsse. Seit seinem Sturz 1998 hat die Demokratisierung eine vitale Kulturszene hervorgebracht – die hierzulande kaum wahrgenommen wird.

 

Info

 

Roots – Indonesian Contemporary Art

 

26.09.2015 – 10.01.2016

täglich außer montags

11 bis 19 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

im Frankfurter Kunstverein, Römerberg, Markt 44, Frankfurt/ Main

 

Katalog 5 €

 

Weitere Informationen

 

Beyond Transisi – Contemporary Indonesian Photography

 

01.10.2015 – 15.11.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

im Fotografie Forum, Braubachstraße 30–32, Frankfurt/ Main

 

Katalog 15 €

 

Weitere Informationen

 

Das wollen der Frankfurter Kunstverein und das Fotografie Forum mit zwei Ausstellungen ändern, die sich hervorragend ergänzen. Der Kunstverein präsentiert unter dem Titel „Roots. Indonesian Contemporary Art“ drei Künstler und ein dreiköpfiges Kollektiv. Keiner ist älter als 40 Jahre, und alle scheuen vor großen Gesten nicht zurück: Ihre ausladenden Rauminstallationen lassen den Betrachter in eine fremde Bilder- und Lebenswelt eintauchen.

 

Bambus-Baum wächst an Fassade

 

Joko Avianto hat sich die Hausfront des Kunstvereins vorgenommen: Mächtige Bambusstäbe sind zu dicken organischen Wülsten gebogen, die zu fließen, quellen oder gar zu pulsieren scheinen. Sie überlagern die strenge Fassade am „Steinernen Haus“ aus dem 15. Jahrhundert wie ein organischer Bewuchs und erinnern zugleich an mächtige Bäume: „Big Trees“ heißt diese Mammut-Skulptur.

 

Die robusten Bambusrohre macht Avianto geschmeidig, indem er sie längs einkerbt: Dadurch kann er sie wie Schilf oder Stroh flechten. Nach dem Vorbild von Techniken in seiner Heimatregion auf der Insel Java, wo diese Tradition allerdings zunehmend von der Industrialisierung verdrängt wird.

 

Frauenköpfe in Schleier-Röhren

 

Hinter der eigenwilligen Fassadengestaltung trifft man im Kunstverein-Foyer auf großflächige Malereien im Graffiti-Stil, die Eko Nugroho direkt auf die Wände aufgetragen hat. Ein buntes Tentakel-Wesen oder eine vielköpfige Wächter-Gestalt könnten science fiction comics entsprungen sein, trügen sie nicht mehrdeutige Parolen wie „Democracy anyone?“ oder „Nicht Politik sondern Schicksal“. Oder wären da nicht merkwürdige Details wie Frauenköpfe, die aus schleierartigen Röhren herausgucken: Islam meets street art.

Impressionen der Ausstellung "Roots – Indonesian Contemporary Art"


 

Demo aus Kopfhauben + Plastikhänden

 

Den Raum im Erdgeschoss dominiert eine Fiberglas-Skulptur mit sechs großen Schnäbeln, die auf den ersten Blick an ein surreales Vogelwesen von Max Ernst erinnert. Das Gebilde entpuppt sich jedoch als sackartige Verkleidung einer Figur, die mit mehreren Gesichtern aus dem Umhang hervorlugt. Nugroho sieht darin eine Allegorie des modernen Medienmenschen: Er schnattere zwar über soziale Netzwerke im Internet überall mit, isoliere sich aber zugleich in seinem Kokon.

 

Im ersten Stock sind Stickereien mit Alltagsmotiven aufgehängt; Nugruho lässt sie anfertigen, um dieses Kunsthandwerk vor dem Aussterben zu bewahren. Dahinter wartet ein Demonstrations-Zug: Seine Bestandteile wie rote Fahnen, Megafone, Mopedlenker und Kopfhauben lässt Jompet Kuswidananto frei im Raum schweben. Sie sind leere Hüllen; Plastikhände klatschen mechanisch im Takt, aus Lautsprechern quäken slogans von Wortführern – politische Mobilisierung als inhaltsloses Ritual.

 

Mit „Good Morning“-Handtuch zum Erfolg

 

Nebenan wird wirtschaftlicher Aufstieg losgetreten. Das Künstlerkollektiv Tromarama hat etliche Handtücher der chinesischen Billig-Marke „Good Morning“ per Hand bestickt und damit einen Animationsfilm im Stopptrick-Verfahren gedreht. Da spurtet ein Mann in Arbeitskleidung eine endlose Treppe hinauf, während eine Digitaluhr läuft: Zeit ist Geld, und der Weg zum Erfolg beginnt bei der richtigen Morgentoilette. Die Auswahl an Tüchern, die auf Wäscheleinen hängen, ist groß.

 

Alle diese Beiträge zeugen von Skepsis gegenüber Fortschrittsglauben und Rückbesinnung auf kulturelle Traditionen – kaum verwunderlich bei einem Land, das sich in den letzten 15 Jahren schneller und stärker verändert hat als je zuvor. Dafür nutzen diese Künstler allerdings Formensprachen, die sich deutlich von den im Westen üblichen unterscheiden: sinnlich, drastisch, manchmal grell – und zugleich so vieldeutig, dass sie nicht leicht zu erschließen sind.

Impressionen der Ausstellung "Beyond Transisi – Contemporary Indonesian Photography"


 

Metropole mit 30 Millionen Einwohnern

 

Diese Kunst der Andeutung in gefälliger Verpackung sticht auch bei den Arbeiten von neun Fotografen ins Auge, die im Fotografie Forum gezeigt werden. Kuratorin Celina Lunsford hat ein Panorama des heutigen Indonesien zusammengestellt, das viele Aspekte abdeckt, ohne beliebig zu wirken. Weder inhaltlich noch formal: Alle Aufnahmen sind kunstvoll komponiert – aus der Hüfte knipst niemand.

 

Der Rundgang beginnt mit Impressionen aus der Hauptstadt Jakarta, Wohnort von 30 Millionen im Ballungsraum. Ihre skyline mit Wolkenkratzern und Stadtautobahn-Trassen, deren austauschbare Anonymität Paul Kadarisman auf menschenleeren Bildern festhält, unterscheidet sich kaum von sonstigen asiatischen Metropolen. Das Lebensgefühl scheint aber leichter zu sein als anderswo, wie Fanny Octavianus mit Details in kunstvollem Schwarzweiß vorführt: fantasievolle Wandmalereien, junge Stelzenläufer oder exzentrische Mode-accessoires.

 

Ex-Weltzentrum der Muskatnüsse

 

Wobei auch hier die globale Konsumkultur längst angekommen ist: Octa Christi porträtiert 17-Jährige in ihren Schlafzimmern – umgeben von street wear, pop paraphernalia und elektronischen gadgets wie überall auf der Welt. Andi Ari Setiadi lichtet einfach die Handelswaren ab, die er kauft und verbraucht.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Look of Silence“ – Doku über Opfer + Nachfahren der Massaker in Indonesien 1965/6 von Joshua Oppenheimer

 

und hier ein Interview mit Joshua Oppenheimer über “The Look of Silence“ + die aktuelle Lage in Indonesien

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “ASIA: Looking South” mit zeitgenössischer Kunst aus Indonesien + Werken von Eko Nugruho in der Galerie ARNDT, Berlin.

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “ID – Contemporary Art Indonesia” im Künstlerhaus Bethanien, Berlin.

 

Doch immer noch ist das Inselreich vor allem Natur: ein unübersehbares Konglomerat von Eilanden und Küsten, Tropenwald und Reisfeldern. Eine Bilderserie Muhammad Fadlis entführt auf das abgelegene Banda-Archipel der Molukken; einst ein hotspot der Weltwirtschaft, weil nur dort die begehrte Muskatnuss angebaut wurde. Dann schmuggelte man die Baumsetzlinge in die Fremde, und die Inselchen gerieten in Vergessenheit: Auf Fadlis Fotos wirken sie praktisch unberührt.

 

Malerische Apokalypse

 

Währenddessen entstehen andernorts massive Schäden: Kemal Jufri dokumentiert, wie Palmöl-Plantagen und Kohlebergwerke Raubbau an der Umwelt betreiben. Noch zerstörerischer wirken Naturkatastrophen; in Indonesien gibt es rund 100 mehr oder weniger aktive Vulkane. Für seine spektakulären Aufnahmen vom Ausbruch des Mount Merapi erhielt Jufri 2011 einen World Press Photo Award.

 

Das schlimmste Desaster in neuerer Zeit war der Tsunami 2004: Er verwüstete die Uferzonen der Provinz Aceh im Norden Sumatras. Ihren Anblick hielt Oscar Motuloh mit der Kamera fest. Seine Bilderserie „Soulscape Road“ wird als musikalisch untermalte Schwarzweiß-Projektion vorgeführt: ein elegisches Panoptikum des Schreckens. Selbst die Apokalypse erscheint malerisch; offenbar wollen indonesische Künstler und Fotografen auf ästhetische Qualität unter keinen Umständen verzichten. Eine gute Voraussetzung, um künftig auf dem internationalen Kunstmarkt zu reüssieren – auch ohne Buchmessen-Rückenwind.


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