Myroslav Slaboshpytskiy

The Tribe

Liebesnest im Heizungs-Keller: Anna (Yana Novikova) und Sergey (Hryhoriy Fesenko) treffen sich heimlich. Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 15.10.) Wie man schlagkräftiger Homo Sovieticus wird: Regisseur Slaboshpytzkiy zeigt die postsowjetische Wolfsgesellschaft am Beispiel eines Internats für Gehörlose. Dort fällt kein Wort, doch die Gebärdensprache des Faustrechts ist universell.

Jugend kann sehr grausam sein; insbesondere im Internat. Der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytzkiy hat einen denkbar radikalen Film über das Heranwachsen gedreht: „The Tribe“ heimste bereits zahlreiche Preise ein – obwohl er 130 Minuten lang ganz ohne Worte auskommt.

 

Info

 

The Tribe

 

Regie: Myroslav Slaboshpytskiy,

132 Min., Ukraine/ Niederlande 2014;

mit: Hryhoriy Fesenko, Yana Novikova, Roza Babiy

 

Weitere Informationen

 

Hauptfigur ist der junge Sergey (Hryhoriy Fesenko), der in ein Internat für Gehörlose aufgenommen wird. Eigentlich ein netter Junge, weiß sich der Neuling zu behaupten: Er wird Mitglied einer gang, die das Leben der älteren Schüler mit eiserner Disziplin regelt. Gewalt und Schikane dominieren; die Jüngeren müssen nach den Schulstunden nutzlosen Krimskrams auf der Straße und in Zügen verkaufen. Ältere Mädchen ziehen nachts als Prostituierte los; die Halbstarken klauen.

 

Verbotene Liebe im Internat

 

Sergey fügt sich ein, geht mit auf Raubzüge oder passt wie ein Zuhälter auf die Mädchen beim Anschaffen auf. So steigt er schnell in der Hierarchie auf, bis er sich in seine Mitschülerin Anna (Yana Novikova) verliebt. Er versucht, sie zu beschützen; damit verstößt er gegen alle “Stammes“-Regeln im Internat und wird sofort aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Auf sich allein gestellt, greift er zum einzigen Mittel, das die Bandenführer verstehen: rohe Gewalt.

Offizieller Filmtrailer


 

In scheinbar stiller + autarker Welt

 

Dieser plot ist an sich beinahe konventionell; die Meisten dürften als Kind oder teenager die Erfahrung gemacht haben, aus einer Gruppe ausgestoßen zu werden, und jeder kennt das Bestreben um Zugehörigkeit und Anerkennung. Doch Regisseur Slaboshpytzkiy setzt dieses Sujet in seinem Debütfilm mit beeindruckender Radikalität um; dabei greift er auf eigene Erfahrungen aus seiner Schulzeit zurück.

 

Zur außergewöhnlichen Seherfahrung wird der Film durch seine Wortlosigkeit: Die Protagonisten kommunizieren ausschließlich in Gebärdensprache ohne Untertitel. So wird der Zuschauer hineingeworfen in eine scheinbar stille, autarke Welt, in der Menschen nur wild gestikulieren und grimassieren. Hörbar sind nur Außengeräusche wie Straßenlärm oder Schritte.

 

Wie ein Ethnologe genau hinsehen

 

Was gesagt, also mit Gebärden ausgedrückt wird, muss man sich erschließen – es ist, als wäre man auf fremdem Territorium, in dem man weder die Landessprache noch Sitten und Gebräuche kennt. Das zwingt dazu, wie ein Ethnologe genau hinzusehen, um aus Mimik und Gestik wenigstens ansatzweise die Gesprächsinhalte zu erahnen.

 

Da jeder Dialog fehlt, der ablenken könnte, wird das Auge umso mehr geschärft für unsentimental eingefangene Ausschnitte einer anderen Realität, die sonst eher im Dokumentarfilm zu sehen ist. Die unbarmherzige Wirklichkeit, in der sich die Jugendlichen bewegen, beschleunigt ihr Erwachsenwerden enorm.

 

Dreh in Kiew während Maidan-Unruhen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Leviathan” – fesselnde Tragödie über Rechtlosigkeit in Russland unter Putin von Andrej Swjaginzew

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „The Ukrainians“ – politische Gegenwartskunst aus der Ukraine in der daadgalerie, Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film “Shopping Girls – Galerianki” von Katarzyna Rosłaniec über Teenie-Prostitution in Polen.

 

Dadurch ist „The Tribe“ weit mehr als nur eine Milieustudie über eine kleine, behinderte Minderheit: Das Thema jugendliche Selbstbehauptung verleiht dem Film universelle Wucht. Wobei der Schauplatz Ukraine – gedreht wurde in Kiew während der Maidan-Unruhen – dieses coming of age zusätzlich verkompliziert: Die Verrohung von Menschen in postsowjetischer Verarmung und Verelendung wird mit schonungsloser Direktheit vorgeführt.

 

Regisseur Slaboshpytzkiy hat seine jugendlichen Laiendarsteller meist von der Straße weg engagiert; alle stammen aus schwierigen Verhältnissen. Sie kennen die gezeigten Konflikte und Gewalt aus eigener Erfahrung, was ihrem Spiel sagenhafte Authentizität gibt; eine Art fiebriger Getriebenheit und Kraft. Sie geben sich mit Vehemenz preis und entblößen sich im direkten wie übertragenen Sinn.

 

Ein echter Stummfilm

 

Das verfolgt man mit einer Mischung aus staunender Faszination, Mitgefühl und Unbehagen, denn ihr Schicksal scheint von vorneherein entschieden. Im Internat ist nicht nur Sergey völlig sich selbst überlassen. Alle Erzieher suchen rücksichtslos nur ihren eigenen Vorteil, auch auf Kosten ihrer Zöglinge.

 

Unter den Jugendlichen regiert das Faustrecht, unter den Erwachsenen schranken- und skrupelloser Egoismus; beides trifft scheinbar Wehrlose am härtesten. Das macht „The Tribe“ zu einem ebenso ungeschönten wie brutalen Film, komplett in winterlichem Graublau mit statischer Kamera in schmucklosen Räumen gedreht – obendrein zum echten Stummfilm. Erst am Ende führt aus totaler Hoffnungs- und Ausweglosigkeit eine Tür nach Draußen.


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