Yared Zeleke

Ephraim und das Lamm

Auf dem Dach Afrikas: Ephraim (Rediat Amare) genießt den Ausblick auf den Bale-Mountains-Nationalpark.Foto: Neue Visionen

(Kinostart: 26.11.) Kleiner Hiob auf dem Dach Afrikas: Der neunjährige Ephraim verliert alles, woran sein Herz hängt. Seine Verlusterfahrungs- Fabel entfaltet der äthiopische Regisseur Yared Zeleke als facettenreichen Bilderbogen vor atemberaubender Kulisse.

So mag man sich das Paradies vorstellen: sanft geschwungene Hügel, soweit das Auge reicht; dahinter verlieren sich mächtige Bergketten in bläulichem Dunst. Warmes Sonnenlicht spielt in unzähligen Schattierungen von Grün: Saftige Wiesen, Buschwerk und kleine Baumgruppen wechseln einander ab – wie in einer endlosen Parkanlage.

 

Info

 

Ephraim und das Lamm

 

Regie: Yared Zeleke,

94 Min., Äthiopien/ Frankreich/ Deutschland 2015;

mit: Rediat Amare, Kidist Siyum, Welela Assefa

 

Weitere Informationen

 

Der Eindruck eines Garten Eden täuscht. Zwar wurde dieser Film in einer der schönsten Regionen Äthiopiens gedreht: Der Bale-Mountains-Nationalpark im Süden des Landes erstreckt sich über die größte alpine Landschaft in ganz Afrika. Dort leben zahlreiche Tierarten, die nur hier vorkommen. Dennoch fristen die ansässigen Bauern des Oromo-Volkes ein hartes Dasein.

 

Alles hängt vom Regen ab

 

Ihre Felder sind klein und die Böden karg; die Arbeit mit einfachen Holzpflügen und Ochsen ist mühsam. Der Ertrag hängt ganz von der Niederschlagsmenge ab: Wenn die Regenzeit zu spät beginnt oder zu kurz ausfällt, droht Hunger. Während einer solchen Trockenperiode spielt „Ephraim und das Lamm“: Im Norden Äthiopiens herrscht Dürre, an deren Folgen Ephraims Mama gestorben ist.

Offizieller Filmtrailer


 

Familien-Spott über Zeitungslektüre

 

Also bringt sein Vater den Neunjährigen bei Angehörigen im Süden unter, um selbst in der Hauptstadt Addis Abeba nach Arbeit zu suchen. Ephraim (Rediat Amare) wird von seinen Verwandten mit gemischten Gefühlen empfangen. Sein Onkel Solomon hält ihn für einen Schwächling, der eher mit den Frauen am Herd kocht, als auf dem Acker zu schuften. Auch seine Tante Azeb ist vom jungen Neuankömmling wenig begeistert.

 

Dagegen achtet Großmutter Emama (Welela Assefa) zumindest darauf, dass der Knabe nicht untergebuttert wird. Ihm zeigt Cousine Tsion (Kidist Siyum) anfangs die kalte Schulter; lieber vertieft sie sich in Zeitungslektüre, über die ihre ganze Familie spottet. Später bemerkt die kluge Schülerin, dass sie in dem Jungen einen Verbündeten gegen die Ignoranz der Altvorderen hat – und hilft ihm aus der Klemme.

 

Lamm wandert auf fettere Weiden ab

 

Von seinem Vater zurückgelassen und fern der Heimat, findet Ephraim nur bei seinem Lamm Chuni Trost; beide sind unzertrennlich. Umso entsetzter ist er, als Onkel Solomon von ihm verlangt, das Lamm am Fest des Heiligen Kreuzes zu schlachten. Nun unternimmt Ephraim alles, um Chuni zu retten: Er backt Samosa-Teigtaschen nach Mutters Rezept und verkauft sie auf dem Markt – doch seine Einnahmen knöpft man ihm ab.

 

Mit Tsions Hilfe gibt er das Lamm in die Obhut eines Schäfers, aber das hilft nur kurzfristig. Als seine Cousine vor ihrem hartleibigen Vater in die Hauptstadt flieht, um dort zu studieren, bleibt Ephraim auf der Strecke. Zudem wendet sich sogar Chuni von ihm ab – angelockt von fetten Weiden und der Fürsorge einer einsamen Schäferin.

 

Vier Jahrzehnte lang Umwälzungs-Opfer

 

So widerfährt ihm ein Verlust nach dem anderen: Mutter, Heimat, Vater, Geld, schließlich sein geliebtes Haustier – alles, was Ephraim viel bedeutet, wird ihm weggenommen. Darin spiegeln sich Verlusterfahrungen sowohl des Regisseurs Yared Zeleke, der als Zehnjähriger in die USA auswandern musste, als auch die der äthiopischen Gesellschaft insgesamt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Das Mädchen Hirut – Difret“ – fesselndes Brautraub-Drama aus Äthiopien von Zeresenay Berhane Mehari

 

 und hier einen Bericht über den Film “Der Fluss war einst ein Mensch” – beeindruckendes Psycho-Drama über eine Odyssee in Afrikas Wildnis von Jan Zabeil

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film “Morgentau – Teza” – komplexes Biopic über einen Exilanten aus Äthiopien von Haile Gerima.

 

Der Sturz von Kaiser Haile Selassie 1975, die brutale Mengistu-Diktatur, die Hungersnöte der 1980er Jahre, Bürgerkrieg und Regimewechsel 1991 sowie der Krieg mit Eritrea 1998 bis 2000: All diese Umwälzungen verlangten Millionen von Menschen schwere Opfer ab. Zwar hat sich die politische Lage beruhigt, doch die autoritäre Regierung von Hailemariam Desalegn forciert einen Modernisierungskurs: Zehntausende von Bauern werden von ihrem Land vertrieben, um es ausländischen Investoren zu übertragen.

 

Tour d’horizon über Afrikas Dach

 

Offene Kritik daran würde der Staat sofort unterbinden. Also verpackt Regisseur Zeleke sie dezent als Fabel vom kleinen Hiob, der sich am Ende mit allen Schicksalsschlägen zu arrangieren weiß. In farbenfroher Ausstattung, die den Film trotz begrenzter Fähigkeiten seiner Laiendarsteller zum Augenschmaus macht: mit facettenreichen Einblicken in authentisches Landleben, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat.

 

Kochkünste und Markttreiben, koptische Religions-Riten und Familienfeste – all das kommt ausgiebig vor, ohne je in kitschige Ethno-Folklore abzugleiten. Und alles spielt sich vor der atemberaubenden Kulisse der Bale Mountains und ihrer unberührten Urwälder ab, in denen Ephraim ausgiebig herumstreift. Obwohl die Hauptfigur minderjährig ist, richtet sich der Film keineswegs nur an ein jugendliches Publikum: Er bietet eine tour d’horizon für alle, die wissen wollen, wie es auf dem Dach Afrikas zugeht.


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