Paolo Sorrentino

Ewige Jugend – Youth

Der Hotelpool als Jungbrunnen. Foto: Wildbunch Germany

(Kinostart: 26.11.) Zauberberg, zweiter Teil: In einem Schweizer Berghotel inszeniert Paolo Sorrentino mit hochkarätigem Star-Ensemble seinen Abgesang auf das alte Europa – voller Fantasie, Feingefühl und Ironie. Ein wunderbarer Film der Zufälle und Wunder.

Willkommen in einem Refugium außerhalb von Raum und Zeit! Das ehrwürdige Luxus-Hotel „Schatzalp“ oberhalb von Davos in Graubünden hat schon Thomas Mann fasziniert. Er machte das damalige Tuberkulose-Sanatorium zum Schauplatz seines „Zauberberg“-Romans; darin dämmert eine exklusive Klientel gepflegt untätig der Katastrophe des Ersten Weltkriegs entgegen.

 

Info

 

Ewige Jugend

 

Regie: Paolo Sorrentino,

118 Min., Italien/ Schweiz/ Frankreich 2015;

mit: Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Jane Fonda, Paul Dano

 

Website zum Film

 

Seither hat sich wenig verändert – nur medizinische und wellness-Ausstattung sind moderner. Täglich folgen betuchte Gäste den immer gleichen Ritualen: Sie schwitzen in der Sauna, planschen in Becken, entspannen in Ruhezonen, lassen sich massieren und mit Fango einschmieren. Eine ausgefeilte Choreographie hinfälliger Körper, malerisch beleuchtet wie auf Barock-Gemälden, untermalt von elegischen Orchesterklängen: Selten wurde welkes Fleisch so zärtlich vorgeführt.

 

Vier Filme über Alter + Vergehen

 

Damit kennt sich Paolo Sorrentino aus: Die letzten vier Filme des erst 45-jährigen Regisseurs handeln alle von Altern und Verfall. „Il Divo“ (2008) porträtierte fabelhaft den x-fachen Regierungschef Giulio Andreotti als zynisch kläglichen Strippenzieher der italienischen Politik. „Cheyenne – This must be the place“ (2011) schickte Sean Penn als ausgebrannten gothic rock star auf Nazi-Jagd in eine wirre Farce. „La grande bellezza – Die große Schönheit“ (2013) feierte das dolce far niente eines abgehalfterten Journalisten in Rom; die herrliche Hommage an Fellinis „La Dolce Vita“ wurde zurecht mit Filmpreisen überhäuft.

Offizieller Filmtrailer


 

Ruhestand oder Künstler-Testament

 

Nun also „Ewige Jugend“, der im Original lapidar „Youth“ betitelt ist. Jugendlich sind hier nur der Stil der Hotel-Einrichtung und das so fachkundige wie diskrete Pflegepersonal. Zwar springen auch ein paar Kinder durch die Anlage, und einmal hat die makellose „Miss Universe“ einen Kurzauftritt als schaumgeborene Venus am pool. Ansonsten bleibt Jugend das kollektive Fantasma der betagten Bewohner: Immer daran denken, nie davon reden.

 

Ihre Verdrängungsstrategien sind verschieden. Komponist Fred Ballinger (Michael Caine) hat sein Berufsleben hinter sich; seine populären „Simple Songs“ will er nicht einmal für die Queen erneut dirigieren, höchstens für die Kühe auf der Weide. Sein alter Freund, der renommierte Filmregisseur Mick Boyle (Harvey Keitel), will dagegen sein Werk mit einem „künstlerischen Testament“ krönen; an dessen Drehbuch feilt er seit Wochen mit fünf thirtysomethings-Autoren.

 

Maradona trägt Marx-tattoo

 

Schauspieler Jimmy Tree (Paul Dano) hat trotz faltenloser Züge seine besten Tage schon hinter sich: Berühmt wurde er mit einer Roboter-Rolle, in deren Kostüm er kaum zu erkennen war. Und Lena (Rachel Weisz) führte als Tochter und Assistentin ihres Komponisten-Vaters nie ein eigenes Leben; nun brennt auch noch ihr Mann mit einem Pop-Sternchen durch. Wenn schon verlassen, dann besser selbst: Hollywood-Diva Brenda Morel (Jane Fonda) fliegt eigens ein, um Mick zu eröffnen, dass sie keinesfalls in seinem neuen Film mitspielen wird.

 

Dann wäre da noch das gesetzte Paar, das beim Essen nie spricht, sich aber im Wald wortlos miteinander vergnügt. Oder der verfettete Latino samt entourage, der an Fußball-Superstar Diego Maradona erinnert: Auf seinem Rücken prangt ein Karl-Marx-tattoo, er gibt ständig Autogramme, aber nach ein paar Schwimmzügen braucht er seine Sauerstoff-Maske.

 

Neufassung der „Göttlichen Komödie“

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “La Grande Bellezza”  – herrliche Rom-Hommage von Paolo Sorrentino, prämiert mit dem Auslands-Oscar 2014

 

und hier einen Bericht über den Film “Mr. Morgan`s Last Love” – Melodram über spätes Liebes-Glück von Sandra Nettelbeck mit Michael Caine

 

und hier ein Beitrag über den Film “Und wenn wir alle zusammenziehen?” – charmante Rentner-WG-Komödie von Stéphane Robelin mit Jane Fonda

 

und hier eine Kritik des Films “Cheyenne – This Must Be The Place”  von Paolo Sorrentino mit Sean Penn als alterndem Rockstar.

 

Der zusammengewürfelten Schar stößt zufällig zu, was in all inclusive-Hotels eben so geschieht: Menschen kommen und verschwinden, Bekanntschaften werden geknüpft und gelöst, auf geistreiche Konversation folgt banales Geplapper, Gebirgs-Ausflüge begeistern, das abendliche show-Programm nervt, einsame Herzen geben sich post disaster sex hin, ergreifende Momente und Mahlzeiten-Routine wechseln einander ab. Bis zum Tag der Abreise.

 

Das alles inszeniert Regisseur Sorrentino mit so leichter Hand, dass man ewig in dieser Edel-Herberge verweilen möchte. Urlaub vom Dasein nehmen, während das Leben in allen Erscheinungsformen am Betrachter vorüberzieht: Alle Wechselfälle und Schicksalsschläge sind darin verwoben, von tiefgründigen Dialogen kommentiert, die zugleich vor esprit sprühen, als sei’s eine Neufassung von Dantes „Göttlicher Komödie“.

 

Mehr Altersweisheit war nie

 

Einmal lässt Mick seine Drehbuch-Schreiber durch ein Fernrohr schauen: „So sieht es aus, wenn man jung ist: Alles erscheint so nah. Das ist die Zukunft.“ Dann dreht er das Fernrohr um und lässt sie ins Objektiv blicken: „Und so sieht es aus, wenn man alt ist: Jetzt erscheint alles so weit weg. Das ist die Vergangenheit.“ Doch durch Sorrentinos Kamera erscheint sie ungemein plastisch und liebenswert – das ist die Kunst dieses Regisseurs.

 

Ein wunderbarer Film darf auch Wunder bemühen: Am Ende sieht Mick sein ganz privates Berg-Panorama. Auf einer Alm führen alle Frauenfiguren seiner Filme das Ballett seines Lebenswerks auf – schöner als jede Oscar-Verleihung. Was könnte danach noch kommen? Voller Fantasie und feinfühliger Ironie, ohne jede sentimentale Nostalgie arrangiert Sorrentino seinen Abgesang auf das alte Europa: mehr Altersweisheit eines Mittvierzigers war nie.


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