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Electra (Aomi Muyok) und Murphy (Karl Glusmann) haben fantastischen Sex. Foto: Alamode Filmverleih

Love (3D)


(Kinostart: 26.11.) Den ultimativen Amour-Fou-Film wollte Skandal-Filmer Gaspar Noé drehen: Liebe und Sex in nie gesehener Verschmelzung. Das misslingt: Der eigentliche Hauptdarsteller dieses Hardcore-Dramas ist das aufgeblähte Ego des Regisseurs.


Bad news are good news: Der argentinische Regisseur Gaspar Noé wurde schlagartig berühmt, als die Premiere seines Dramas „Irreversibel“ beim Festival in Cannes 2002 für einen Skandal sorgte. In der zentralen Szene des Films wird die bildschöne Monica Bellucci minutenlang brutal vergewaltigt; anschließend zerschlägt der Täter aus reinem Sadismus ihr Gesicht.

 

Info

 

Love (3D)

 

Regie: Gaspar Noé,

134 Min., Frankreich 2015;

mit: Aomi Muyock, Karl Glusman, Klara Kristin

 

Website zum Film (engl.)

 

Derart perfide Brutalität hatte man noch nie im arthouse-Kino gesehen; 200 der 2400 Premiere-Gäste verließen vorzeitig den Saal. Andererseits beeindruckte, wie kunstvoll der Regisseur die einzelnen Passagen seiner in umgekehrter Chronologie erzählten Geschichte durch exzentrische Kameraführung miteinander verknüpfte.

 

Seelentrip im Neonlicht floppte

 

Seither gilt der in Frankreich lebende Gaspar Noé als radikaler Provokateur, aber auch als begnadeter Stilist. Sein dritter Langfilm „Enter the Void“ (2009) über das Rotlichtviertel von Tokio aus Sicht eines Toten fiel noch gewagter und experimenteller aus. Doch der Seelentrip im Neonlicht war ein finanzieller Misserfolg, so das Noé bei „Love“ mit geringem Budget auskommen musste.

Offizieller Filmtrailer


 

Seitensprung + Schwangerschaft

 

Der Film erzählt – ähnlich wie „Irreversible“ im Rückblick – die Geschichte des jungen bohème-Paars Murphy (Karl Glusman) und Electra (Aomi Muyock). Murphy ist US-Amerikaner und Filmstudent, Electra eine talentierte Künstlerin; beide wohnen in Paris. Ihr Leben scheint nur aus leidenschaftlichem Sex, wilden Partys und exzessivem Drogenkonsum zu bestehen.

 

Eines Tages laden beide ihre teenager-Nachbarin Omi (Klara Kristin) zu einem flotten Dreier ein. Später trifft Murphy Omi heimlich in Electras Abwesenheit; als Omi schwanger wird und das Kind will, führt das zum Eklat. Electra verlässt ihren untreuen Freund und versinkt tief in der Drogensucht, während sich Murphy in Selbstmitleid suhlt; soweit die überschaubare Handlung.

 

Pornografie durch Überdeutlichkeit

 

„Love“ startet mit einer offenherzigen Sex-Szene und bereitet damit das Publikum auf 135 Minuten hardcore-Liebesspiel in 3D vor. Murphy und Electra sitzen nackt auf dem Bett und masturbieren sich gegenseitig, bis sie gut sichtbar zum Höhepunkt kommen: eine sehr zärtliche Veranschaulichung des Ausdrucks „Liebe machen“.

 

Genau diesen Anspruch verfolgt Regisseur Noé überdeutlich; er lässt sein alter ego Murphy sagen, sein größter Traum sei, einen Film zu drehen, in dem Liebe und Sex zu einer noch nie gesehenen Einheit verschmelzen. Mit dieser Art von Überdeutlichkeit wird „Love“ zu einem eindeutig pornografischen Film: Das Wesen der Pornografie ist, alles zu zeigen, während die Erotik das Eigentliche verbirgt und damit sein Geheimnis bewahrt.

 

Film-Sohn heißt wie Regisseur

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Die unerschütterliche Liebe der Suzanne" - ergreifendes Amour-Fou-Melodram von Katell Quillévéré

 

und hier einen Beitrag über den Kompilations-Film "7 Tage in Havanna" - abwechslungsreiches Porträt der Hauptstadt Kubas von u.a. Gaspar Noé.

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film “Enter the Void” – radikaler Experimentalfilm aus Sicht eines Toten von Gaspar Noé.

 

Allerdings ist Hauptdarsteller Murphy ein egozentrisches Ekel. Wie sein Leben an seiner Selbstsucht zerbricht, breitet der Film episch aus: mit Murphys unaufhörlichem innerem Monolog auf der Tonspur, während er sich vor der Kamera wortlos in seelischen Qualen windet. Sein emotionales Vakuum versucht Regisseur Noé mit jeder Menge Sex, viel behaupteter Bedeutung und noch mehr Gaspar Noé aufzufüllen.

 

Um die meist in leeren Wohnungsräumen spielenden Szenen bedeutungsvoll aufzuladen, hängt an jeder Zimmerwand mindestens ein Kinoplakat, das große Filmkunst suggeriert – bevorzugt mit Sinnsprüchen, die das Offensichtliche kommentieren. Einmal erscheint auch ein Modell des love hotels aus „Enter the Void“ im Bild. Überhaupt kann Noé scheinbar nicht genug von Noé bekommen: So heißt der Sohn von Murphy und Omi selbstverständlich Gaspar.

 

2,5-Stunden Dauer-Onanie

 

Bei soviel penetranter Selbstbespiegelung könnte man diesen Film glatt für eine zweieinhalbstündige Dauer-Onanie des Filmemachers halten. Dazu passt der markanteste 3D-Effekt von „Love“: ein cumshot in Großaufnahme direkt ins Publikum hinein.



Von Gregor Torinus, veröffentlicht am 23.11.2015





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