Michael Fassbender

Steve Jobs

Steve Jobs (Michael Fassbender) auf der großen Bühne. Foto: Universal Pictures

(Kinostart: 12.11.) Götterdämmerung für die Apple-Gemeinde: Regisseur Danny Boyle demontiert den Technik-Guru als Kontrollfreak mit missionarischem Sendungsbewusstsein und skrupelloser Machtgier. Dieser Film sollte als App auf jedem iPhone laufen.

Einst wurden Könige, Kriegsherren oder Heilige als Lichtgestalten verehrt. Später waren es Dichter, Künstler oder Wohltäter der Menschheit. Dann kamen Schauspieler und Rockstars an die Reihe. All diese Helden haben mehr oder weniger ausgedient; wenn in unseren prosaischen Zeiten noch jemand die Massen in Verzückung versetzt, dann die Bosse großer Computer-Konzerne.

 

Info

 

Steve Jobs

 

Regie: Danny Boyle,

122 Min., USA 2015;

mit: Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Jeff Daniels

 

Website zum Film

 

Bill Gates von Microsoft, Sergey Brin und Larry Page von Google oder Mark Zuckerberg von Facebook sind berühmter als alle Regierungschefs und Nobelpreisträger zusammen. Doch keiner genoss so überragendes Renommee wie Steve Jobs: Bis zu seinem Tod 2011 galt der Mitgründer von Apple Inc. als Kopf und Gesicht der Firma. Für die Öffentlichkeit war Jobs gleichbedeutend mit Apple und umgekehrt – als würden Computer von einem einzigen Menschen konstruiert.

 

Philosophie, lifestyle + Vaterfigur

 

An diesem Mythos hat Jobs zu Lebzeiten kräftig mitgestrickt. Apple sollte nicht irgendein Hersteller von Rechenmaschinen sein, sondern eine Welt für sich samt eigener Philosophie und lifestyle; quasi eine Vaterfigur, die ihre bedürftigen user mit allem versorgt, was sie brauchen. Dafür bezahlen sie willig etwa doppelt so viel wie für ähnlich leistungsfähige Geräte der Konkurrenz: Wie ehedem bei Tempelopfern oder Ablasshandel bemessen sich Treue und Hingabe in klingender Münze.

Offizieller Filmtrailer


 

Schlüsselszenen wie Trinitätslehre

 

Gemessen an der Zahl seiner Anhänger rangiert Apple unter den größeren Glaubensgemeinschaften der Erde. Wie ist Jobs das gelungen? Diese Frage zu stellen, bedeutet, nach den Qualitäten eines Religionsstifters zu fragen. Der britische Regisseur Danny Boyle, der mit „Trainspotting“ (1996) und „Slumdog Millionär“ (2008) zwei so originelle wie anspruchsvolle Welthits landete, beantwortet sie brillant plausibel – mit drei Schlüsselszenen, die eigentlich eine einzige sind, wie in der Trinitätslehre.

 

Dazu konzentrieren sich Boyle und Drehbuchautor Aaron Sorkin auf drei der legendären Produkt-Präsentationen von Apple. Jobs inszenierte sie stets als glamouröse shows mit ausgefeilter Dramaturgie: Er wirbelte allein auf einer riesigen Bühne umher – ein Hohepriester des Digital-Kults, der die Firmen-Aktionäre zu Begeisterungsstürmen hinriss. Nie wurde die parareligiöse Selbststilisierung von Apple so drastisch deutlich wie in diesen Momenten.

 

Screwball tragedy mit IT-Zirkus-Dompteur

 

Doch nicht die Liturgie dieser Messfeiern interessiert Regisseur Boyle, sondern die hektischen Absprachen und Handgriffe unmittelbar zuvor. Da liegen die Nerven blank, Charaktere prallen aufeinander, lose Sprüche und unbedachte Gesten entstellen sie zur Kenntlichkeit. Zwischen Tür und Angel lernen die lieben Kollegen einander gründlich kennen – und die Zuschauer ihren Chef.

 

In endlosen Wortkaskaden: Skript-Autor Sorkin hat eine aberwitzig rasante screwball tragedy verfasst, die vor esprit und Situationskomik nur so funkelt – mittendrin ein fantastischer Michael Fassbender als peitschenknallender Dompteur dieses IT-Zirkus. Er charmiert hier und droht dort, quetscht aus seinen Leuten Höchstleistungen heraus oder vernichtet mit zwei Sätzen Existenzen – und muss sich nebenbei noch um seine Tochter Lisa kümmern, die er 1978 mit einer Geliebten gezeugt hat, was er beharrlich leugnet.

 

Macintosh konnte nicht „Hallo“ sagen

 

Dabei erfährt man einiges über seinen Führungsstil: Bei der Vorstellung des ersten Macintosh 1984 soll der PC unbedingt „Hallo“ sagen, aber die software läuft nicht. Jobs zwingt Apple-Chefentwickler Steve Wozniak (Seth Rogen) zum Betrug; der Effekt wird extern eingespielt.

 

Da Jobs auf die falschen Produkte setzt, drängt ihn Geschäftsführer John Sculley (Jeff Daniels) 1985 aus dem Unternehmen. Er gründet die Firma „NeXT“, lässt einen makellos schönen Computer anfertigen, der völlig überteuert ist – und 1996 diesen spin-off von Apple aufkaufen, womit er triumphal an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt.

 

Offene vs. geschlossene Systeme

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über den Film “Citizenfour” – Oscar-prämierte Doku über den Überwachungs-Enthüller Edward Snowden von Laura Poitras

 

und hier eine Besprechung des Films “Trance – Gefährliche Erinnerung”  – Psycho-Thriller über Kunstraub unter Hypnose von Danny Boyle

 

und hier einen Bericht über den Film  “The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben” – Biopic über das Informatik- Genie Alan Turing von Morten Tyldum mit Benedict Cumberbatch.

 

Zwei Jahre später stellte er den iMac vor; mit dem bonbonfarbenen Gerät konnte man leicht im Internet surfen. Damit trieb Apple den Siegeszug des World Wide Web voran – Jobs hätte behauptet: Seine Firma ermöglichte ihn erst. Gottlob erspart Regisseur Boyle dem Publikum sämtlichen tekkie talk; Computer-Modelle dienen nur als Aufhänger, um Psychogramme der Figuren zu entwerfen.

 

So zieht sich ein Grundkonflikt der beiden Apple-Gründer durch alle Szenen und Phasen der Firmengeschichte. Der menschenfreundliche Wozniak wollte offene Computer entwickeln, die jeder Anwender nach Belieben ergänzen und erweitern könnte – wie bei DOS-Rechnern. Er scheiterte an Jobs‘ Veto: Der Kontrollfreak bestand auf geschlossenen Systemen, die alle Käufer an das Hersteller-Sortiment fesselten.

 

Mehr wert als ganz Russland

 

In dieser Weichenstellung spiegelt sich der Gegensatz zwischen zwei Weltanschauungen: dem humanistischen hippie spirit der 1970/80er Jahre, der auf hierarchiefreie Kooperation setzte und Elektronik als Werkzeug zur Weltverbesserung begriff, und den tendenziell totalitären Welteroberungs-Fantasien des Turbokapitalismus, der auf Profitmaximierung als absolutem Wert fixiert ist.

 

Heute ist Wozniak allenfalls in der hacker-Szene populär, während für Jobs schon Denkmäler errichtet wurden. Der Name „Apple“ – auf den er kam, als er sich zeitweise nur von Früchten ernährte – gilt als wertvollste Marke, die AG des angebissenen Apfels als teuerstes Unternehmen der Welt: Es soll gemäß Marktkapitalisierung mehr wert sein als alle russischen Firmen zusammen. Nur am Rande: Dieser Text wurde auf einem DOS-laptop geschrieben.


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