Wien

Viennale – Vienna International Film Festival 2015

Viennale-Eröffnung im Gartenbaukino. Foto: Robert Newald, Fotoquelle: Viennale

Vergangenheits-Seligkeit im Kino: Österreichs größtes Festival blickt sehr weit zurück. Mit Retrospektiven für Regisseure der Jahrgänge 1908 und 1918, der Gala für eine 85-Jährige und Genrefilmen der 1960/70er. Kein Wunder: Sein Präsident ist 91 Jahre alt.

Wien ist nicht nur die Heimat von Heurigem und Kaiserschmarrn, Sissi und Walzerseligkeit. Die Donaustadt beherbergt auch eine der ältesten Filmfestspiele im deutschen Sprachraum: Sie wurden erstmals 1960 als „Wiener Filmwoche“ ausgerichtet. Seither hat sich die Viennale zum größten Festival Österreichs gemausert, das alljährlich rund 100.000 Karten absetzt.

 

Info

 

Viennale –
Vienna International Film Festival 2015

 

22.10.2015 – 05.11.2015

an diversen Spielstätten in Wien

 

Website zum Festival

 

Mit vier ganz unterschiedlichen Traditionskinos bietet das Festival allen Vorführungen ein prachtvolles historisches Ambiente. Das Spektrum reicht vom 1893 eröffneten „Metro-Kino“, einem Schmuckkästchen in rotem Plüsch, bis zum „Künstlerhaus am Karlsplatz“ mit allegorischen Wandgemälden aus den 1940er Jahren.

 

Retro für Tiere auf der Leinwand

 

Zudem hat das Festival 2002 eine eigene Spielstätte erworben: Das 1960 eröffnete „Gartenbaukino“ ist eines der letzten großen Einsaal-Kinos mit mehr als 700 Plätzen. Dazu kommt der Kinosaal des Filmmuseums. Es zeigt seit langem in Kooperation mit der Viennale eine vierwöchige Retrospektive; sie war in diesem Jahr Tieren auf der Leinwand gewidmet.

Offizieller Viennale-Trailer 2015: "Xiao Kang" von Tsai Ming-Liang


 

Retro für 106-Jährigen, Gala für 85-Jährige

 

Festival-Leiter Hans Hurch, der bereits seit 1997 amtiert, bemüht sich in den Programmreihen um die Konfrontation von aktuellen und historischen, populären und experimentellen Filmen – ohne Rücksicht auf externe Vorgaben. Diese künstlerische Freiheit kann sich das Festival erlauben, weil es auf den so genannten A-Status und den Premieren-Zwang verzichtet, der damit einhergeht: Alle Filme wurden zuvor schon andernorts aufgeführt.

 

Dagegen blickt die Viennale gern weit zurück: Neben Retrospektiven für Manoel de Oliveira, den im April mit 106 Jahren verstorbenen Altmeister des portugiesischen Films, und den argentinischen Regisseur Raúl Perrone wurde auch die Schauspielerin Tippi Hedren geehrt. Die 85-Jährige reiste eigens zur Galavorstellung von „Marnie“ an, in dem sie 1964 unter der Regie von Alfred Hitchcock die Hauptrolle gespielt hatte.

 

Bigamie 1953 + Mini-Mädchen 1964

 

Von den vier so genannten Specials war eines Griechenland gewidmet. In einem anderen wurde das Werk von Ida Lupino (1918-1995) vorgestellt. Die Regisseurin und Produzentin war eine der wenigen Frauen im Hollywood der 1950er Jahre, die zunächst vor der Kamera stand und dann den Seitenwechsel schaffte. Bravourös klopfte sie etwa in „The Bigamist“ (1953) eine amouröse Dreiecks-Konstellation mit damals unerhörter Nüchternheit auf dahinter liegende Interessen ab.

 

Ein weiteres Special-Programm präsentierte unter der zupackenden Devise „Aus Fleisch und Blut“ österreichische Genre-Filme des 20. Jahrhunderts, etwa „Das Mädchen mit dem Mini“ (1964) von Paul Milan oder „Der Killer von Wien“ (1971) von Sergio Martino – solche Titel sprechen für sich.

 

Festival-Leiter will nicht weichen

 

Doch auch aktuelle Themen finden auf der Viennale ihr Forum, vor allem in österreichischen Dokumentarfilmen. Beispielsweise „Lampedusa im Winter“ von Jakob Brossmann: Jenseits journalistischer Aktualität entfaltet er eine vielschichtige Bestandsaufnahme samt Soziogramm der süditalienischen Insel. Roter Faden ist ein Streik von Fischern gegen das Monopol eines korrupten, lokalen Fähren-Betreibers.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Festival-Bilanz „Jahres-Hauptversammlung der Berlinale AG“ über die 65. Berliner Filmfestspiele 2015

 

und hier eine Besprechung des Dokumentarfilms „Das große Museum“ über das Kunsthistorische Museum Wien von Johannes Holzhausen

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die „Viennale 2010“ – das jährliche Film-Festival in Wien.

 

Allerdings wird auch Kritik an der Megalomanie laut, mit der Leiter Hurch das Festival jedes Jahr weiter aufbläst. Tatsächlich platzt die Viennale mittlerweile in bunter Überfülle so sehr aus den Nähten, dass die einzelnen Programm-Reihen sich gegenseitig kannibalisieren. Zugleich wirft man Hurch vor, an seinem Amt zu kleben: Im Sommer hatte er eine weitere Vertrags-Verlängerung bis 2018 ausgehandelt.

 

Präsident war jahrelang abwesend

 

Dafür übernahm Festival-Präsident Eric Pleskow in einem Interview mit der Zeitung „Der Standard“ die Verantwortung: Er sei aus Gesundheitsgründen mehrere Jahre lang nicht in Wien gewesen. Was bei einem 91-Jährigen verständlich ist – fragt sich nur, welchen Beitrag er in diesem gesegneten Alter zur Viennale leisten kann.

 

Außer, internationales Renommee beizusteuern: Der gebürtige Wiener floh als Sohn jüdischer Eltern 1938 in die USA. Dort stieg er zum Chef des „United Artists“-Konzerns auf und produzierte mehrere Oscar-prämierte Filme; etwa „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) und „Amadeus“ (1984), beide unter der Regie von Milos Forman.

 

Eine Frau soll es werden

 

Pleskow wünscht sich als Hurch-Nachfolger an der Spitze der Viennale eine Österreicherin: entweder Barbara Pichler, die zuletzt das nationale österreichische Filmfestival „Diagonale“ leitete, oder ihre Vorgängerin Christine Dollhofer. Sie ist mittlerweile zum Festival „Crossing Europe“ in Linz gewechselt.


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