Peter Strickland

Duke of Burgundy

Evelyn (Chiara D’Anna, vorn) und Cynthia (Sidse Babett Knudsen) sind ein seltsames Liebespaar. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart: 3.12.) Mitteleuropa ohne Männer: Isoliert im Herrenhaus leben zwei Insekten-Forscherinnen ihre sadomasochistischen Fantasien aus. Der stilvolle Psychothriller von Regisseur Peter Strickland steckt voller Referenzen an B-Movies der 1970er Jahre.

Mit seinen ersten beiden Langfilmen „Katalin Varga“, einem Rache-Drama in Siebenbürgen, und „Berberian Sound Studio“ über die Vertonung eines Italo-Horrorstreifens hat sich Peter Strickland einen Namen als kluger und unberechenbarer Regisseur gemacht. Seine Filme sind an der Oberfläche nüchtern und unprätentiös, dabei aber voller Anspielungen und Referenzen an die Filmgeschichte.

 

Info

 

Duke of Burgundy

 

Regie: Peter Strickland,

106 Min., Großbritannien 2014;

mit: Sidse Babett Knudsen, Chiara D’Anna, Eugenia Caruso

 

Weitere Informationen (engl.)

 

Sein intellektuelles Spiel mit Zeichen erinnert an Stanley Kubrick, seine Liebe zu abseitigen Nebenströmungen des europäischen Kinos an Quentin Tarantino. Doch beim Graben im trash italienischer und spanischer B-movies der 1970er Jahre holt Strickland nicht die Schock- und exploitation-Effekte heraus. Er begeistert sich eher für die Farbpalette, Bildeffekte, Tonspur und den Einfallsreichtum der Inszenierung dieser Genrefilme.

 

Vertonungs-Studio komplett nachgebaut

 

In „Berberian Sound Studio“ war das deutlich zu sehen: Strickland baute ein komplettes historisches Vertonungs-Studio nach, wie sie für italienische giallo-Horrorfilme Verwendung fanden. Der fiktive Film, an dessen zynischer Grausamkeit der britische Protagonist verzweifelt, ist dabei niemals zu sehen.

Offizieller Filmtrailer


 

Welt ohne Computer, Autos oder Telefone

 

In „Duke of Burgundy“ bezieht sich Strickland abermals auf europäische B-movies, doch er übernimmt wieder nur bestimmte Farben und Kamera-Einstellungen, um herbstliche Stimmung und eine entschleunigte Bildsprache zu etablieren. Außerdem verpflanzt er seine story in ein zeitloses Mitteleuropa ohne Computer, Autos oder Telefone – und ohne Männer.

 

„Duke of Burgundy“ ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen. Damit begibt sich Strickland in die Gesellschaft einer Reihe von Regisseuren, die sich in den letzten Jahren für eine Form von Sexualität interessierten, von der sie selbst als Männer ausgeschlossen sind. Etwa Abdellatif Kechiche mit „Blau ist eine warme Farbe“, der 2013 in Cannes die Goldene Palme gewann, oder Julio Médem mit „Room in Rome“ (2010) über eine one night love affair.

 

Entomologin mit Haushalts-Sklavin

 

Darin ließ Médem einen Voyeur auftreten: als komplizenhaften Nachtportier, der gerne mitspielen will, aber abgewiesen wird. Strickland sperrt – noch etwas cleverer – Männer ganz aus, setzt aber wie selbstverständlich weibliche Mannequins an einer Stelle ein. Zugleich verzichtet er auch auf explizite Szenen und nackte Haut.

 

Die beiden Liebenden sind die Insektenforscherinnnen Cynthia (Sidse Babett Knudsen) und Evelyn (Chiara D’Anna). Im prachtvollen Herrenhaus, das sie bewohnen, herrscht eine klare Rollenverteilung. Während Cynthia gewissenhaft forscht, verrichtet die devote Eveyln allerlei erniedrigende Arbeiten, wird für Unachtsamkeiten bestraft – und hat ihre Freude daran.

 

Sadomaso-Arrangement zerbricht

 

Im Folgenden zeigt Strickland gleichsam in Zeitlupe, wie dieses Arrangement einen Sprung bekommt und die gegenseitige Liebe, die es erforderte und gleichzeitig ermöglichte, für immer zerbricht. Mit dem Blick eines Insektenforschers berücksichtigt er dabei die Fragilität jeder sadomasochistischen Vereinbarung, was mitunter zu komischen Momenten führt. Aber wer einmal erlebt hat, wie eine Beziehung stirbt, spürt dabei auch einen Kloß im Hals.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Berberian Sound Studio” – Mystery-Thriller als „Giallo“-Hommage von Peter Strickland

 

und hier einen Bericht über den Film „The Strange Colour of Your Body’s Tears“Experimental-Psychothriller von Hélène Cattet + Bruno Forzani

 

und hier eine Rezension des Films “Blau ist eine warme Farbe”Liebesdrama junger Lesben von Abdellatif Kechiche, Cannes-Sieger 2013

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Bewusste Halluzinationen – Der filmische Surrealismus“ im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt/Main.

 

Dabei zeichnen sich vor allem im Gesicht von Sidse Babett Knudsens quasi kleine Risse ab, die den Zerfall der Beziehung ankündigen. Das hiesige Publikum kennt sie als dänische Ministerpräsidentin in der erfolgreichen TV-Serie „Borgen“. Hier spielt sie eine ganz andere Facette von Herrschaft aus, während Chiara D’Anna beängstigend diabolische Wahrhaftigkeit ausstrahlt.

 

Schlüsselblumen-Würfelfalter im Titel

 

Das verzweifelt gegen innere Stimmen ankämpfende Paar wird von einer grandiosen Tonspur unterstützt. Peter Strickland gilt als music hipster unter den Autorenfilmern; er arbeitet gern mit insider bands wie dem Trio „Broadcast“, das seine Platten auf dem britischen electronica label „Warp Records“ veröffentlichte, oder wie in diesem Fall mit dem Duo „Cat’s Eyes“ zusammen.

 

Fesselnde Bilder liefert die Kamera, wenn sie an ledernen Buchrücken entlangfährt oder sich an präparierten Insekten festsaugt, die ebenfalls eine tragende Rolle spielen: Beim „Duke of Burgundy“ handelt es sich um eine Schmetterlings-Art, die auf Deutsch „Schlüsselblumen-Würfelfalter“ genannt wird.

 

Begehren + unerfüllte Wünsche

 

Gegen Ende des Films entgleitet die ohnehin skelettöse Handlung schließlich in eine Montage aus Insekten, Menschen, Räumen und dazwischen schwingenden Begehrlichkeiten und unerfüllten Wünschen; die letzten Augenblicke bleiben unaufgelöst. In den vorangehenden 100 Minuten ist wahrhaftig nicht viel passiert – aber es war lange nicht mehr so spannend, dabei zuzusehen.


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