Leipzig

Eugène Delacroix & Paul Delaroche: Geschichte als Sensation

Eugene Delacroix: Der Tod des Sardanapal (Ölstudie; Detail), 1826/27, 81 × 100 cm; Paris, Louvre. Fotoquelle: MdbK, Leipzig

Nackt massakrierte Konkubinen oder Napoleon als Wrack: Mit solchen Bildern schockierten Delacroix und Delaroche im 19. Jahrhundert. Das Museum der bildenden Künste präsentiert beide Antipoden der romantischen Malerei, blendet aber den Kontext aus.

Der eine wurde zu Lebzeiten in Deutschland hoch verehrt, der andere kaum beachtet – heute ist es umgekehrt: Eugène Delacroix (1798-1863) gilt als der wichtigste französische Maler in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jeder kennt seinen Geniestreich „Die Freiheit führt das Volk“, auf dem eine barbusige Marianne mit Trikolore die Aufständischen der Julirevolution von 1830 anführt; es ist das wohl populärste Politpropaganda-Gemälde überhaupt.

 

Info

 

Eugène Delacroix &
Paul Delaroche:
Geschichte als Sensation

 

11.10.2015 – 17.01.2016

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

im Museum der bildenden Künste, Katharinenstraße 10, Leipzig

 

Katalog 39 €

 

Weitere Informationen

 

Dagegen geriet Paul Delaroche (1797-1856) nach seinem Tod allmählich in Vergessenheit: Diese Werkschau im Museum der bildenden Künste (MdbK) ist hierzulande die erste, die ihm posthum gewidmet ist. Seine größten Erfolge erlebte er in den 1830er Jahren: 1832 wurde er als jüngstes Mitglied ins Institut de France aufgenommen, im Folgejahr zum Akademie-Professor ernannt. Er erhielt öffentliche Großaufträge; seine jährlich im Salon ausgestellten Bilder waren viel diskutierte gesellschaftliche Ereignisse.

 

Erläuterungen nur im Katalog

 

Auf solche Anerkennung musste Delacroix lange warten: Das Institut de France berief ihn erst 1857 – als Nachfolger des verstorbenen Delaroche. Beide waren Antipoden; sie vertraten quasi die Extrempositionen in der Kunst der französischen Romantik. Um deren Spannweite und Bedeutung aufzuzeigen, stellt diese Ausstellung ihre Werke einander gegenüber. Zwar sind die rund 35 Gemälde und 100 Grafiken mit ausführlichen Bildlegenden versehen, aber praktisch ohne Erläuterung des Epochen-Kontextes: Damit bleiben sie für heutige Betrachter schwer verständlich, wenn er nicht den kompetenten Katalog konsultiert.

Impressionen der Ausstellung


 

Mit gemalten Figuren mitfühlen

 

Dieses Manko beginnt schon beim doppeldeutigen Titel. Mit „Sensation“ ist nicht nur das deutsche Fremdwort für „Aufsehen erregendes Spektakel“ gemeint, sondern auch der französische Begriff für „Empfindung“. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Geschichte wichtiger als je zuvor: Die Revolution von 1789, Napoleons Aufstieg und Fall sowie die folgende Restauration hatten den Glauben an eine gottgegebene Ordnung weggefegt. Staats- und Regierungsformen waren politisch heftig umstritten und erwiesen sich als kurzlebig.

 

Orientierung suchte man in der Beschäftigung mit Historischem. Wie die Belletristik galt Malerei als Medium, um den Zeitgenossen bedeutende Ereignisse der Vergangenheit vor Augen zu führen – nicht als Galerie heldenhafter Vorbilder, sondern als didaktisches Anschauungsmaterial, um das Gezeigte nachempfinden und somit verstehen zu können. Das Publikum sollte weniger die Figuren bewundern, als vielmehr mit ihnen fühlen und sich identifizieren.

 

Königin kurz vor der Enthauptung

 

Diese Absicht verfolgten beide Künstler; dafür wählten sie ähnliche sujets, vor allem Episoden aus historischen Romanen. Doch ihre Vorgehensweise war völlig unterschiedlich. Delaroche komponierte seine Bilder meist wie Theaterszenen auf einer Bühne: mit wenigen Gestalten und Requisiten in geschlossenen Räumen. Alle Elemente sind aufeinander bezogen; Wichtiges wird wie von spotlights angestrahlt. Zudem pflegte er eine fast fotorealistisch glatte Malweise, die beinahe vergessen lässt, dass es sich um Gemälde handelt. So sind seine Motive auf den ersten Blick erfassbar; sie leuchten im Wortsinne sofort ein.

 

Damit stellte Delaroche berühmte Vorgänge ins Rampenlicht – kurz vor oder nach ihrem tragischen Ausgang. Auf „Das Verhör der Jeanne d’Arc“ von 1824, seinem ersten großen Erfolg im Salon, ist Frankreichs Nationalheldin als verfolgte Unschuld im Kerker zu sehen. „Die Hinrichtung von Lady Jane Grey“, die 1554 neun Tage lang englische Königin war, zeigte er in dem Augenblick, als sie mit verbundenen Augen nach dem Richtblock tastet; neben ihr wartet schon der Henker, um sie zu enthaupten. Das Schauerstück wurde Delaroches populärstes Bild.

 

Hofmaler aller geköpften Majestäten

 

Auch Napoleon porträtierte er in wenig ruhmreichen Situationen. Das Monumental-Gemälde „Bonaparte überquert den St.-Bernhard-Pass im Jahr 1800“ lässt nicht ahnen, dass er sich bald selbst zum Kaiser krönen wird: Ein frierender General reitet auf einem Klepper, der sich mühsam durch den Schnee schleppt. Geradezu unbarmherzig ist „Napoleon in Fontainebleau am 31. März 1814“: Er hockt in sich zusammengesunken auf einem Stuhl, sein Blick stiert ins Leere – soeben hat er erfahren, dass die feindlichen Truppen in Paris eingezogen ist.

 

Dieses Sinnbild des Scheiterns begeisterte den Leipziger Seidenhändler Adolph Heinrich Schletter so sehr, dass er es 1845 dem Künstler abkaufte; heute zählt es zu den Prunkstücken des MdbK. Delaroches effekthascherische Konzentration auf Mitleid erregende Opfer trug ihm aber auch Spott ein: „Hofmaler aller geköpften Majestäten“ nannte ihn Heinrich Heine. Der Grafiker Benjamin Roubaud karikierte ihn mit den Worten: „Paul Delaroche, mit Trauermiene / umgibt sich gern mit Leichen und Knochen / Bei ihm stirbt alles … nur seine Bilder nicht.“

 

Schwindel erregende Gewalt-Spirale

 

Tod und Verderben herrschen auch auf vielen Bildern von Delacroix, aber ganz anders: als Toben und Wüten, als Kampf von Mensch gegen Mensch und Tier, als Schwindel erregende Spirale der Gewalt. Seine Gestalten sind fast immer in Bewegung oder auf dem Sprung; Rösser blähen im gestreckten Galopp die Nüstern, Raubkatzen zerfleischen mit grotesken Verrenkungen ihre Beute. Nie zuvor erschien Malerei so ungestüm und skizzenhaft – und zugleich so fern von jeder Idealisierung.

 

Delacroix radikalisierte die perspektivischen Verkürzungen von Barock-Malern wie Rubens und den schonungslosen Realismus seines Freundes Théodore Géricault (1791-1824), dessen Meisterwerk „Das Floß der Medusa“ von 1819 ihn tief beeindruckt hatte. Schon auf seinen ersten beiden Bildern für den Salon, „Die Dante-Barke“ (1822) und „Das Massaker von Chios“ (1824), wimmelt es von nackten Leibern in allen Stadien der Agonie.

 

Chaos aus Farbtupfern + Lichtreflexen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Constable, Delacroix, Friedrich, Goya: Die Erschütterung der Sinne”  in der Galerie Neue Meister im Albertinum, Dresden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Schwarze Romantik” mit Werken von Delacroix im Städel, Frankfurt am Main

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Géricault. Bilder auf Leben und Tod“ – umfassende Retrospektive von Théodore Géricault in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/ Main.

 

und hier einen Artikel über die Ausstellung „1813 – Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig“ zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht im Deutschen Historischen Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Napoleon und Europa – Traum und Trauma“ in der Bundeskunsthalle, Bonn.

 

„Der Tod des Sardanapal“ (1827) wirkt vollends entfesselt: ein Gewirr freizügiger Konkubinen, die gerade am Bett des Assyrer-Königs ermordet werden, umringt von metzelnden Lakaien, stürzendem Prunk und einem sich aufbäumenden Pferd. Seine wilde Mischung aus zügelloser Leidenschaft, farbenprächtiger Orient-Exotik, schwüler Erotik und Grausamkeit wurde zunächst mit Befremden quittiert: Man warf Delacroix „Exzesse“ vor.

 

Nun hängt das Gemälde wie die meisten seiner Hauptwerke im Louvre; in der Ausstellung ist eine kleinere Ölstudie zu sehen. Ebenso von „Die Ermordung des Bischofs von Lüttich“ (1827) und der Revolutions-Szene „Boissy d‘ Anglais grüßt den Kopf des Abgeordneten Féraud“ (1831): Auf beiden Bildern verliert sich im Dunkel eine wogende Menge, in der Hauptfiguren und Geschehen kaum auszumachen sind – Chaos pur. Der Maler löste es in Farbtupfer und Lichtreflexe auf; so wurde er zum Wegbereiter der Impressionisten.

 

Geisterbahn aus Knalleffekten

 

So kühne Bild-Experimente konnten damals nur wenige im Original sehen; bekannt wurden sie durch Reproduktionen als Drucke. Beide Künstler schufen viele solcher Arbeiten; besonders populär wurden Delacroix‘ Lithographie-Zyklen zu Shakespeares „Hamlet“ und Goethes „Faust“. Doch Prestige gewannen sie mit großformatigen Ölgemälden, die der Staat oder reiche Sammler ankauften.

 

Wie Schletter in Leipzig, dessen Kollektion zum Grundstock des heutigen MdbK wurde; 30 Gemälde aus seinem Besitz werden in einer Nebenschau präsentiert. Derartige Bilder prägten den damaligen Kunstbetrieb: eine Parade saftiger Ölschinken, pathetischer Schlacht-Szenen, schwülstiger Historien-fantasy und brachialer Katastrophen-Schocker. Angesichts dieser Geisterbahn aus Knalleffekten wird die künstlerische Klasse von Delacroix und Delaroche erst recht deutlich: Sie wollten die Betrachter nicht mit Pomp und Kitsch überwältigen, sondern ergreifen.


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