Berlin

Germaine Krull – Fotografien

Germaine Krull: Nackte, 1924; © Estate Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen. Fotoquelle: Martin-Gropius-Bau, Berlin

Was für ein Leben! Germaine Krull wohnte in München, Amsterdam, Paris, Brasilien, Thailand und Indien. Sie fotografierte Maschinen und Obdachlose, schnelle Autos und nackte Frauen. Der Martin-Gropius-Bau präsentiert nun eine umfangreiche Werkschau.

Ein berühmtes Foto von Charles C. Ebbets über den Bau des „Rockefeller Center“ 1932 in New York zeigt eine „Mittagspause auf dem Wolkenkratzer“: elf Männer, die hoch über Manhattan auf einem Stahlträger mit den Beinen baumeln. Hätte Germaine Krull (1897-1985) sie fotografiert, wären die Männer wohl von unten zu sehen gewesen; samt Schuhsohlen und Gesäßen. Aus einem Blickwinkel, der im ersten Moment nicht erahnen lässt, was das ist – und darüber der Himmel.

 

Info

 

Germaine Krull – Fotografien

 

15.10.2015 – 31.01.2016

täglich außer dienstags

10 bis 19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Solch eine Szene hat Krull abgelichtet: Das Foto „Brazil“ entstand 1941 für die Zeitschrift „France Libre“ in Brasilien. Nun hängt es neben etwa 130 anderen Originalabzügen und Fotomagazinen in der Retrospektive im Martin-Gropius-Bau (MGB). Das Bild demonstriert, wofür Germaine Krull berühmt wurde: ihr origineller Blick auf verschiedenste Sujets und Situationen.

 

Lebendiges in der verhassten Technik

 

Sie fotografierte vieles aus ungewohnter Perspektive: etwa den Eiffelturm von innen, die Treppen zum Montmartre in Paris von oben oder die Dachlandschaft der Stadt. Dabei wollte sie Stahl und Stein nicht in unmenschlicher Erhabenheit darstellen: Der Dichter Jean Cocteau bekannte, Krulls Aufnahmen hätten ihn dazu bekehrt, etwas Lebendiges in der sonst ihm so verhassten Technik zu spüren. Der Surrealist Man Ray lobte sie als bedeutendste moderne Fotografin – abgesehen von ihm natürlich.

Impressionen der Ausstellung


 

Mit Männern, Frauen + Zigaretten leben

 

Trotz ihres Ruhms ist Krulls Werk nur selten ausgestellt worden; vermutlich, weil es sich schwer systematisieren lässt. Um es zu verstehen, fragt man unwillkürlich nach ihrer Lebensgeschichte. Diese Frage stellt sich auch die Schau im Martin-Gropius-Bau, ohne sich in Details zu verlieren. Sie thematisiert jedoch durchaus, womit Krull ihren Unterhalt verdiente: vor allem mit Bild-Reportagen und Illustrationen für Werbung. Zugleich lebte sie jenseits aller Konventionen: mit Männern und Frauen, Zigaretten und dem Kurzhaarschnitt einer garçonne.

 

Die Zusammenstellung einprägsamer Bilder, Zeitschriften-Auszüge und informativer Wandtexte ist gelungen. Doch die Ausstellung zeichnet ein etwas geschöntes Bild von ihrem Engagement als politische Aktivistin. Zwar war sie nach dem Ersten Weltkrieg in München für die Räterepublik tätig und während des Zweiten Weltkriegs in der französischen résistance; noch als 70-Jährige setzte sie sich für Exil-Tibeter in Indien ein. Ihre politischen Überzeugungen schlugen sich aber erstaunlich wenig in ihrer Arbeit nieder.

 

Verhaftet + gefoltert in Moskau

 

Als Kind war Germaine Krull mit ihren Eltern viel gereist; sie besuchte nie eine Schule und durfte daher nicht studieren. Ab 1912 lebte sie mit ihrer Familie in München, führte ein ungebundenes Leben und unterzog sich als 17-Jährige einer ersten Abtreibung. Mangels Abitur durfte sie nur eine „Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie, Chemie, Lichtdruck und Gravüre“ besuchen. Mit ihren ersten Aktfotografien im Stil des so genannten Piktorialismus hatte sie wenig Erfolg.

 

Im MGB werden hauptsächlich ihre Arbeiten der 1920/30er Jahre gezeigt: angefangen mit ihrem berühmten Porträt von Kurt Eisner, dem bayerischen Ministerpräsident während der Räterepublik 1918/19. Zwei Jahre später reiste sie nach Moskau zum III. Weltkongress der Kommunistischen Internationalen, wurde dort aber verhaftet und gefoltert. Krank und ernüchtert kehrte sie 1922 zurück und ließ sich in Berlin nieder, wo sie ein Fotostudio eröffnete.

 

„Métal“ machte sie 1928 berühmt

 

1925 zog sie mit dem niederländischen Filmemacher Joris Ivens nach Amsterdam. Dort begann sie, Hafenanlagen und Kräne abzulichten; für deren Ästhetik hat sie vielleicht ihr Vater begeistert, der Ingenieur war. Kurz darauf ging Krull nach Paris, eröffnete abermals ein Studio für Modefotografie und arbeitete mit der Künstlerin Sonia Delaunay zusammen – doch wirklich bekannt wurde sie durch ihre Technik-Fotos: Ihr Portfolio „Métal“ von 1928 sicherte ihr einen festen Platz in der Avantgarde des „Neuen Sehens“.

 

Die nächsten drei Jahre waren ihre produktivsten: Für die Zeitschrift „Variétés“ fotografierte Krull etwa die Obdachlosen von Paris. „Les Clochards“ wirkt allerdings auf heutige Betrachter wie eine romantisch Verklärung vermeintlicher „Philosophen“ und „Gräfinnen“, die angeblich aus freien Stücken ein aufregendes Dasein in der Gosse führen – Schönfärberei für das reiche, schicke Publikum.

 

Spiegel, der das Bild der Welt verwandelt

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Gisèle Freund – Fotografische Szenen und Porträts“ – Retrospektive in der Akademie der Künste, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Margaret Bourke-White: Fotografien 1930 bis 1945“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Eva Besnyö – Fotografin 1910-2003“ – umfassende Werkschau in der Berlinischen Galerie

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Monique Jacot – Reportagen und Tagträume„– Retrospektive der Fotografin aus der Schweiz im Verborgenen Museum, Berlin.

 

Auffallend ist, dass Krulls frühe Arbeiten – vornehmlich weibliche Akte – eher konventionell ausfielen. Ihr eigenständiger Blick, der sich keiner fotografischen Strömung zuordnen lässt, entwickelte sich erst im Lauf ihres Arbeitslebens. Schließlich nannte ihr Freund Cocteau sie bewundernd einen „Spiegel, der das Bild der Welt verwandelt“.

 

Dabei galt ihr Interesse sowohl Maschinen als auch Menschen, Funktionen wie Erscheinungen. Anstelle von Gesichtern fotografierte sie häufig Hände: die Körperteile, an denen sich Funktionalität und Persönlichkeit des Menschen gemeinsam zeigen und eine besondere Verbindung eingehen. Oder sie lichtete Schatten statt Gestalten ab: Spuren, die ein Mensch in einer Szenerie hinterlässt.

 

Hotel-Chefin in Bangkok

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte sie nach Bangkok, wo sie Geschäftsführerin des Luxus-Hotels „Oriental“ wurde, das sie zum renommierten Haus machte. Sie fotografierte weiter in ganz Südostasien, doch diese Aufnahmen für Bildbände blieben im Rahmen des Geläufigen. Davon werden im MGB nur wenige Beispiele gezeigt; etwa buddhistische Statuen in Thailand oder ein paar Porträts von Exil-Tibetern, die sie ab 1968 in Indien anfertigte. 1983 kehrte sie in die Bundesrepublik zurück und starb zwei Jahre später; ihr Nachlass lagert im Museum Folkwang in Essen.

 

Ein bewegtes Leben an vielen verschiedenen Stationen: Als Freigeist ließ Germaine Krull ihre eigene Persönlichkeit zwischen dem Männlichen und Weiblichen, dem Kargen und Sinnlichen, zwischen Revolution und Geschäftssinn oszillieren. Dafür ist bezeichnend, dass sie schnelle Autos liebte: Für eine von ihr gestaltete Reklame für den Hersteller „Peugeot“ erhielt sie einen neuen Wagen als Honorar. Auf einem Porträt-Foto sitzt sie am Steuer und lacht freudig, mit kraus gezogener Nase. Dann braust sie mit offenem Verdeck nach Süden.


Diesen Artikel drucken