Jesuthasan Antonythasan

Mein Dorf existiert nicht mehr

Jesuthasan Antonythasan spielt als "Deephan" seine eigene Vergangenheit. Fotoquelle: Weltkino Filmverleih

Wenn ein Kriegsfilm das eigene Kämpfer-Leben nacherzählt: Dheepan-Darsteller Antonythasan war früher Soldat der LTTE-Rebellen. Regisseur Audiard habe das gut getroffen, doch die Vergangenheit lasse sich damit nicht bewältigen, betont er im Interview.

M. Antonythasan, wie unterscheiden Sie sich von ihrer Filmfigur Dheepan? Ihr Regisseur Audiard sagt über Sie: „Er hatte einen gewissen Charme, eine Nonchalance in einem vernarbten Körper. Aber er durfte nicht er selbst sein, sondern musste zu Dheepan werden. Ich musste ihm erklären, dass die Figur sich anders verhält, blickt und denkt.“

 

Was mich mit Dheepan verbindet, sind unsere Vergangenheit und Erlebnisse. Im Film flieht meine Figur vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Frankreich. Ich habe mich 1988 nach Thailand gerettet. Dort lebte ich fünf Jahre lang, ehe ich nach Frankreich auswanderte und sich mein Leben normalisierte. Ich habe die tamilische Rebellen-Armee LTTE („Liberation Tigers of Tamil Eelam“) verlassen und mich einer kommunistischen Partei angeschlossen. Danach wurde ich Schriftsteller.  

 

Sehen Sie sich als auch Schauspieler?

 

Info

 

Dämonen und Wunder – Dheepan

 

Regie: Jacques Audiard,

115 Min., Frankreich 2015;

mit: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Vincent Rottiers

 

Website zum Film

 

Ich bin zunächst einmal Schriftsteller. Aber wenn man mir Rollen wie die im Film von Jacques Audiard anbietet, kann ich mir vorstellen, sie zu spielen. Ich habe inzwischen einen weiteren Film in Kanada gedreht, dessen Drehbuch mich überzeugte. Als nächstes möchte ich einen meiner Stoffe verfilmen.

 

Drehbuch ins Tamil übersetzt

 

Bevor Regisseur Audiard Sie kennen lernte, wusste er laut eigener Aussage so gut wie nichts über Sri Lanka. Bringt sein Film zum Ausdruck, dass er die Probleme ihrer Landsleute verstanden hat?

 

Das ist eine wichtige Frage. Als ich das Drehbuch las, war ich überrascht, wie gut es war: die dortige Situation wird sehr treffend geschildert. Während der Dreharbeiten veränderte ich aber einiges; wir drei Tamilen sprechen nun zu 80 Prozent in unserer Muttersprache. Audiard schrieb das Drehbuch auf Französisch; ich übersetzte es ins Tamil.

Offizieller Filmtrailer


 

Sorge mich nicht, morgen zu sterben

 

Wie verlief das casting, bei dem Sie für die Hauptrolle ausgewählt wurden?

 

Audiard erfuhr erst während des casting, dass ich drei Jahre lang als Soldat für die LTTE-Rebellen gekämpft hatte. Das hat er zwar gut eingefangen, aber meine Vergangenheit trage ich jeden Tag mit mir herum. Sie hat nichts mit dem Film zu tun und ist nichts Neues für mich.

 

Belastet sie die Erinnerung an diese gewalttätige Vergangenheit im Alltag?

 

Das ist schwer zu verarbeiten. Andere Leute haben aber auch darunter gelitten, weshalb es für mich ein Stück weit normal ist. Ich mache mir daher keine Sorgen, dass ich morgen umgebracht werden könnte oder sterben müsste.

 

Nicht in Zahlen, sondern an Menschen denken

 

Hilft Ihnen die Literatur oder das Kino, ihre Erlebnisse zu verarbeiten?

 

Nein. Ich habe Sri Lanka vor 27 Jahren verlassen. Was zuvor dort passierte, war natürlich ganz fürchterlich. Ich konnte mein Leben retten, aber viele meiner tamilischen Freunde, Verwandte und Menschen aus meinem Dorf sind gestorben. Mein Dorf existiert nicht mehr. Das habe ich im Kopf und denke oft daran.

 

Europa erlebt eine Einwanderungswelle. Wie nehmen Sie das als ehemaliger Flüchtling wahr?

 

In erster Linie wollen die Menschen ihr Leben retten; ob aus Syrien oder anderen Ländern. Die westlichen Nationen sind verpflichtet, etwas gegen ihr Leid zu tun, diesen Menschen zu helfen und sie zu unterstützen. Sie sollten nicht in Zahlen denken, sondern an Menschenleben. Deutschland, Frankreich, England oder Kanada sind reiche Nationen; sie haben die Mittel, um das zu leisten. Was ist mit Pakistan? In diesem armen Land leben die meisten Flüchtlinge auf der Welt.

 

Frankreich bemüht sich nicht um Integration

 

Sie sind vor einigen Jahren selbst als Asylsuchender nach Frankreich gekommen; hier lebt eine große tamilische Gemeinde. Wie wurden Sie bei der Integration unterstützt?

 

Ich finde nicht, dass sich der französische Staat großartig um unsere Integration bemüht hat. Bis heute gibt es hier viele Tamilen, die isoliert und einsam leben. Ich habe mir viel Mühe gegeben, um mich in die Gesellschaft zu integrieren und anzupassen. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht.  

 

Im Film gibt es eine Szene, in der Sie als Dheepan ihrer Frau Yalini vorschlagen, auf der Straße einen Schleier zu tragen, um in ihrem muslimisch geprägten Viertel nicht aufzufallen.

 

Das ist eine Anpassungs-Strategie, um zu überleben.

 

Auch no fire zones werden beschossen

 

Wie realistisch ist die Film-Szene, in denen Sie während der Banden-Kämpfe in ihrem Viertel eine Linie auf dem Boden ziehen, um eine no fire zone abzugrenzen? Haben Sie so etwas selbst erlebt?

 

Das ist mir in Sri Lanka passiert. Die Regierung hatte das angeregt, um sichere Zonen für tamilische Zivilisten zu schaffen. Sie sollten das singhalesische Militär daran hindern, auf unbewaffnete Menschen zu schießen, aber die Truppen haben sie trotzdem umgebracht. Für mich war das ein Teil meines damaligen Lebens.

 

Dheepan war als LTTE-Offizier gewohnt, Soldaten zu befehligen. In Frankreich ändert er sich, vor allem gegenüber seiner Frau Yalini. Was verändert ihn?

 

Sein Verhalten ist menschlich: Er hat im Bürgerkrieg seine Frau und Kinder verloren. Nachdem er dem Krieg entkommen ist, will er sein Leben komplett ändern. Dazu versucht er, alles zu vergessen, was hinter ihm liegt. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Manche Ex-Kämpfer rauchen, nehmen Drogen oder betrinken sich – und andere möchten eine Familie gründen. Zu ihnen zählt Dheepan.

 

Ex-LTTE-Kämpfer im Exil ermordet

 

Warum haben Sie sich 1983 den LTTE-Rebellen angeschlossen?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Dämonen und Wunder – Deephan“ von Jacques Audiard

 

und hier eine Besprechung des Films „Mediterranea“Flüchtlings-Drama in Süditalien von Jonas Carpignano

 

und hier einen Beitrag über den Film “Der Geschmack von Rost und Knochen” – Außenseiter-Drama mit Marion Cotillard von Jacques Audiard

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „Ein Prophet“ – Häftlings-Entwicklungsdrama von Jacques Audiard mit Tahar Rahim.

 

Damals war ich noch sehr jung, erst 16 Jahre alt. Zuvor hatte sich ein grausames Massaker an Tamilen ereignet: 2.000 meiner Landsleute waren in einem Gefängnis getötet worden. Die LTTE versuchten, sie vor solchen kriminellen Tätern zu schützen.

 

Im Film wird Dheepan im französischen Exil von früheren LTTE-Kameraden bedrängt, er solle wieder bei den Rebellen aktiv werden. Ist Ihnen Ähnliches widerfahren?

 

Ja, das ist mir passiert, aber nicht in Frankreich, sondern noch in Sri Lanka. Allerdings sind selbst in Paris frühere Mitglieder der LTTE ermordet worden. Erst seit dem Ende des Bürgerkriegs 2009 haben sie nichts mehr zu befürchten.

 

Zensur in Sri Lanka verbietet alles

 

Könnten Sie nach Sri Lanka reisen, wenn Sie wollten?

 

Zurzeit nicht, vielleicht irgendwann in der Zukunft. Momentan gibt es in Sri Lanka keine Meinungsfreiheit – und ich bin Schriftsteller. Meine Bücher können allerdings in Indien erscheinen; sie erreichen meine Landsleute in Sri Lanka auf Umwegen.

 

Darf der Film „Dämonen und Wunder – Dheepan“ in Sri Lanka gezeigt werden?

 

Auf keinen Fall; das verhindert die Zensur in Sri Lanka. Eventuell jedoch auf indischen Filmfestivals, wie kürzlich in Mumbai.


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