Klaus Härö

Die Kinder des Fechters – The Fencer

Der Fechtlehrer Endel (Märt Avandi) unterrichtet eine seiner Schülerinnen. Foto: Zorro Filmverleih

(Kinostart: 17.12.) En garde in Estland: In der Stalin-Ära flieht ein Spitzensportler in die Provinz, bringt dort Kindern das Fechten bei und lernt mit ihnen, die Angst zu besiegen. Solider Wohlfühlfilm von Regisseur Klaus Härö vor malerischer Ostsee-Kulisse.

Von historischen Stoffen kann das Kino nie genug bekommen; je ungewöhnlicher, desto besser. Dieser Anforderung genügt „Die Kinder des Fechters“, der fünfte Spielfilm des finnischen Regisseurs Klaus Härö, vollauf: Seine Geschichte aus der späten Stalin-Zeit ist nicht nur unglaublich, sondern auch weitgehend wahr.

 

Info

 

Die Kinder des Fechters – The Fencer

 

Regie: Klaus Härö,

90 Min., Estland/ Finnland 2015;

mit: Märt Avandi, Ursula Ratasepp, Hendrik Toompere 

 

Website zum Film

 

Im Jahr 1952 tritt der junge Endel Nelis (Märt Avandi) eine Stelle als Sportlehrer in der Kleinstadt Haapsalu an der Ostseeküste von Estland an. Zuvor musste er sein Studium an einer Elite-Sportuniversität in Leningrad abbrechen, da die sowjetische Geheimpolizei ihm auf den Fersen ist. Nun hofft er, in der Provinz untertauchen zu können, obwohl er keine pädagogische Erfahrung mitbringt – doch er hat keine Wahl.

 

Sportklub ohne Geräte + Ausrüstung

 

Der Neuling ist dem systemtreuen Schuldirektor (Hendrik Toompere) von Anfang an suspekt; er macht Endel das Leben so schwer wie möglich. Neben dem normalen Unterricht soll er einen Sportklub gründen – ohne Geräte oder andere Ausrüstung. Ihm bleibt als einzige Disziplin, was er am besten beherrscht: Fechten. Was der Direktor mit Argwohn betrachtet; er hält diesen Sport für ein feudales Überbleibsel der verjagten Aristokratie.

Offizieller Filmtrailer


 

Trainer als Vorbild + Vaterfigur

 

Dennoch kommen die Schüler in Scharen zum Fecht-Unterricht, obwohl ihr Lehrer nicht besonders freundlich zu ihnen ist; ihr Kaff hat ansonsten wenig Abwechslung zu bieten. Allmählich baut Endel zu seinen Schülern ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis auf, was nicht nur daran liegt, dass einige Zöglinge echte Talente sind.

 

Für viele unter ihnen, deren Väter im Krieg gestorben oder im Gulag inhaftiert sind, wird der Trainer auch zu einer Art Vaterfigur. Als seine Schützlinge unbedingt in Leningrad an einem Fecht-Wettbewerb aller Schulen der UdSSR teilnehmen wollen, muss er sich entscheiden, ob er ihnen zuliebe riskieren will, dorthin zurückzukehren.

 

Biographie eines realen Meisterfechters

 

Der Film basiert in groben Zügen auf der realen Biographie des estnischen Fechters Endel Nelis. Der von ihm gegründete Fechtklub genießt internationales Renommee; aus ihm sind Weltmeister und Olympiasieger hervorgegangen. Diese Erfolgsstory greift Regisseur Härö auf: Wohltemperiert begleitet er die Entwicklung des Flüchtlings, der anfangs gehetzt und verkrampft wirkt, zu einem seiner selbst sicheren Mann.

 

Nach der Ankunft im Küstenort fällt seine Anspannung peu à peu von ihm ab, aber die Bedrohung bleibt ständig präsent; das machen seltene Telefonate nach Leningrad deutlich. Im kleinen Haapsalu findet er zwar ein neues Zuhause und die Zuneigung von Kollegin Kadri (Ursula Ratasepp).

 

Fechtklub als Ersatzfamilie

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Kind 44“ – packender Polit-Krimi über den Sowjet-Geheimdienst unter Stalin von Daniel Espinosa mit Tom Hardy + Noomi Rapace

 

und hier einen Bericht über den Film “Hotel Lux” – brillante Stalinismus-Satire von Leander Haußmann mit Michael “Bully” Herbig

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Poll“ – grandioses Historien- Drama von Chris Kraus über den Untergang des deutschen Adels im Baltikum.

 

Doch die Folgen des Zweiten Weltkriegs, in dem Estland von der Roten Armee 1940 und nach der deutschen Besatzung abermals 1944 erobert wurde, sind überall im Ort sichtbar: Es gibt nur noch wenige Männer. Die Frauen müssen umso härter in der Fabrik arbeiten und können sich kaum um ihre Kinder kümmern. Der Fechtsport, der viel Einfühlungsvermögen erfordert, verändert die Kinder: Klub und Lehrer werden für sie zur Zuflucht und Ersatzfamilie.

 

All das erzählt der Film erfreulich unsentimental in schön komponierten Bildern an den Original-Schauplätzen; sie lassen das Auge gerne über die malerische, weite Ostseelandschaft schweifen. Allerdings drängen sich Parallelen zu ähnlichen Filmen auf. Nicht von ungefähr spielt der deutsche Titel auf den französischen Kinoerfolg „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ (2004) an, wobei hier die persönliche Entwicklung von Endel und seinen Schützlingen im Vordergrund steht.

 

Showdown in Leningrad

 

Die prekäre politische Lage im Baltikum, das die Sowjetunion annektiert hatte, wird nur kurz im Vorspann erwähnt. Die Besatzungsmacht tritt in Gestalt des intriganten Schuldirektors auf; er ist als einzige Figur recht eindimensional geraten. Alle anderen Darsteller überzeugen durch ihr differenziertes Spiel; auch die Kinder agieren sehr natürlich.

 

Solide inszeniert, verläuft die Erzählung trotzdem ein wenig vorhersehbar; insbesondere der Fechtwettbewerb in Leningrad als großer showdown. Die schlecht ausgestatteten Esten setzen sich mit dem Mut von underdogs, die nichts zu verlieren haben, gegen alle Gegner durch – ihr Trainer darf nur noch unter Polizeibewachung mitjubeln. Doch er hat seine Angst besiegt, genau wie seine Schüler. Das ist solides Wohlfühlkino mit historischem Anspruch – nicht mehr, aber auch nicht weniger.


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