Geraldine Chaplin

Sand Dollars – Dólares de Arena

Noeli (Yanet Mojica) und Anne (Geraldine Chaplin) sind verliebt. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart: 10.12.) Tristesse royale tropicale: Geraldine Chaplin lässt sich an Karibik-Stränden von einer jungen Mulattin ausnehmen. Standard-Situationen des Sex-Tourismus rufen beim Zusehen genau den Überdruss hervor, den sie darstellen sollen.

Geld hat kein Geschlecht: Ob sie es Männern oder Frauen abknöpft, ist Noëli (Yanet Mojica) gleichgültig. Die 22-Jährige lebt davon, an den Stränden der Dominikanischen Republik weiße Urlauber auszunehmen. Wenn ihr ein alter Franzose seine Halskette als Andenken überlässt, dann tauscht ihr Freund Yeremi (Ricardo Ariel Toribio) den Schmuck sofort beim Krämer gegen Bares ein: Auch er lebt von diesen Einnahmen.

 

Info

 

Sand Dollars –
Dólares de Arena

 

Regie: Laura Amelia Guzmán + Israel Cárdenas,

84 Min., Dominikanische Republik/ Mexiko 2014;

mit: Geraldine Chaplin, Yanet Mojica, Ricardo Ariel Toribio

 

Website zum Film (engl.)

 

Er gibt sich gegenüber Anne (Geraldine Chaplin) als Noëlis Bruder aus. Die betagte Dame, die in einem Luxushotel logiert, ist seit langem in die schlanke Mulattin vernarrt. Ihrer Zuneigung begegnet Noëli mit einer professionellen Mischung aus Entgegenkommen und Distanz: Händchenhalten am Strand ja, zarte Umarmungen auch, mehr aber nicht – zumindest nicht vor Zeugen. Sobald ihr Freund Yeremi mehr wissen will, schweigt sie vielsagend.

 

1000 Gründe für mehr Geld

 

Genauso diskret bleibt die Kamera: Lesbische Liebesszenen kommen im dritten Spielfilm des dominikanischen Regie-Ehepaars Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas nicht vor. Dafür etliche Standard-Situationen, die Sex-Touristen in der Dritten Welt zur Genüge kennen: Anne erwartet Liebesbeweise, Noëli verlangt mehr Pesos – für Klamotten, ein neues Mobiltelefon, oder weil ihr „Bruder“ angeblich einen Unfall hatte. Die Anlässe sind wohlfeil und letztlich auch egal.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles

 

Anne ist so eifersüchtig auf Noëli wie diese auf ihren Freund: Fremdgehen ist eine Frage des Preises. Die sugarmommy verspricht ihrer farbigen Geliebten, sie nach Frankreich mitzunehmen; diese zweifelt daran – und Yeremi drängt sie, auszuwandern und ihm von dort Geld zu schicken. Alle verheimlichen etwas, alle wollen einander ausforschen. Alle wissen, dass es nur um Finanzielles geht, und alle überspielen das mehr oder weniger ungeschickt.

 

Dazu kommen eine ungewollte Schwangerschaft, zynisch erfahrene Hotelgäste und ein alter Bekannter von Anne, der sie an vor 20 Jahren gemeinsam vernaschte beach boys erinnert: Fertig ist die tristesse royale tropicale. Dennoch gäbe diese Konstellation genug Stoff für dramatische Konflikte her – schließlich geht es um existentielle Bedürfnisse und Leidenschaften.

 

Liebe als chronische Krankheit zum Tode

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Paradies: Liebe” – Dokudrama von Ulrich Seidl über eine Wienerin auf Männerjagd in Afrika

 

und hier einen Bericht über den Film „Mord in Pacot – Meurtre à Pacot“ über die Mesalliance zwischen Entwicklungshelfer + Haitianerin von Raoul Peck

 

und hier einen Beitrag über den FilmUnd wenn wir alle zusammenziehen?– charmante Komödie über eine Rentner-WG von Stéphane Robelin mit Geraldine Chaplin.

 

Aber nicht in „Sand Dollars“: Dazu ist die Inszenierung viel zu lahm und uninspiriert. Laiendarstellerin Yanet Mojica hat außer schnoddriger Gleichgültigkeit wenig zu bieten; der blasse Milchbart Ricardo Ariel Toribio kann sich nicht einmal zu Latino-Macho-Posen aufraffen. Und die 71-jährige Geraldine Chaplin taumelt mit traurigen Augen regungslos durch die Szenen, als sei ihre späte große Liebe eine chronische Krankheit zum Tode.

 

Dennoch klebt die Kamera geradezu an den Gesichtern, als müsse sie jede Nuance ihrer nicht vorhandenen Regungen aufsaugen, während an Banalität kaum zu überbietende Dialoge aufgesagt werden. Dabei ziehen die Schauplätze so gleichförmig vorüber wie die apathischen Akteure: Dorfstraße, Strand, Abschlepp-disco, Schlafzimmer und wieder von vorn. Selbst ein Motorrad-Raubüberfall geschieht so beiläufig wie das Öffnen einer cola-Dose.

 

Bitte Komfortzone verlassen

 

Wenn die Regisseure Guzmán und Cárdenas die abgeschmackte Atmosphäre von ennui und Weltekel unter long term expats mit einheimischen Gespielen in der Dritten Welt einfangen wollten, ist ihnen das zweifellos gelungen. Doch solcher Überdruss wendet sich rasch gegen den Film: So fad und perspektivlos ist das Leben nur, wenn man in der Komfortzone eines all inclusive hotel verharrt.


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