Wiesbaden + Berlin

Karl Schmidt-Rottluff – Bild und Selbstbild

Karl Schmidt-Rottluff: Freundinnen (Detail), 1926; © VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Foto: Museum Wiesbaden, 2015

Vom Bilderstürmer zum Großkünstler: Schmidt-Rotluff zählt zu den produktivsten und markantesten Expressionisten. Seinen (Selbst-)Porträts ist nun eine Ausstellung in zwei Museen gewidmet – sie breitet auch sein schwaches Spätwerk schonungslos aus.

Er war der Mann mit Bart und Brille: Auf zahlreichen Gruppen-Porträts der Expressionisten ist der markante Charakterkopf von Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) leicht auszumachen. Ebenso einfach zu erkennen sind seine Bilder: Abgesehen von Ernst Ludwig Kirchner war wohl keiner seiner Künstler-Kollegen so fleißig – und außer Otto Mueller spitzte kein anderer die kontrastreiche expressionistische Weltsicht derart zu wie er.

 

Info

 

Karl Schmidt-Rottluff – Bild und Selbstbild

 

02.10.2015 – 17.01.2016

täglich außer montags

10 bis 17 Uhr,

dienstags + donnerstags bis 20 Uhr

im Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2

 

Katalog 30 €

 

Weitere Informationen

 

23.03.2016 – 26.06.2016

täglich außer dienstags von 11 bis 17 Uhr

im Brücke Museum, Bussardsteig 9, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Was ihm nach den stürmischen Anfangsjahren der Dresdener Künstlergruppe „Brücke“, die sich 1914 auflöste, viel Anerkennung einbrachte. In der Weimarer Republik zählte Schmidt-Rotluff neben Emil Nolde zu den am meisten gefragten zeitgenössischen Künstlern, dessen Werke von staatlichen Einrichtungen angekauft wurden. Bis die Nazis an die Macht kamen: 1937 beschlagnahmten sie sage und schreibe 608 seiner Arbeiten in deutschen Museen; einige von ihnen wurden auf der Femeausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt.

 

Malverbot + Kunstprofessur

 

1941 erhielt Schmidt-Rottluff Malverbot; er konnte nur heimlich im Atelier der befreundeten Mäzenin Hanna Bekker in Hofheim am Taunus weiterarbeiten. Dafür wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg mit Auszeichnungen geradezu überhäuft: 1947 berief man ihn als Professor an die Hochschule der Künste in Westberlin, fünf Jahre später erhielt er den Kunstpreis der Stadt.

Impressionen der Ausstellung


 

Schmidt-Rottluff regte „Brücke“-Museum an

 

1959 konnte er auch in seiner Geburtsstadt Chemnitz ausstellen, die damals Karl-Marx-Stadt hieß; seinen Namenszusatz „Rottluff“ hatte er vom Stadtteil übernommen, in dem sein Elternhaus stand. 1964 wurde er zum 80. Geburtstag mit einer großen Retrospektive in vier Städten geehrt; drei Jahre später verwirklichte Westberlin seinen Vorschlag, den „Brücke“-Malern ein eigenes Museum zu widmen.

 

Dieses Haus im idyllischen Villenviertel Dahlem verwahrt mehr als 300 Werke von Schmidt-Rottluff. Angesichts seiner enormen Produktivität liegt der Gedanke nahe, über eine einzelne Bild-Gattung seines riesigen Œuvres eine Ausstellung zu machen. Dies hat das Brücke-Museum nun gemeinsam mit dem Museum Wiesbaden umgesetzt: „Bild und Selbstbild“ mit mehr als 100 seiner Arbeiten und zwei Dutzend anderer Expressionisten ist derzeit in der hessischen Landeshauptstadt zu sehen, anschließend ab März 2016 in Berlin.

 

Atemberaubend mit Pinsel oder Zigarre

 

Die Anfangsjahre sind die aufregendsten. In den ersten Räumen wird nicht nur in rascher Folge vorgeführt, wie Schmitt-Rottluff zu seinem unnachahmlichen Stil fand. Sie zeigen auch in der Gegenüberstellung mit Werken anderer Expressionisten, in welchem freundschaftlichen Spannungsverhältnis er sich bewegte. Sein erstes „Selbstbildnis“ von 1906 ist noch ganz im nervösen Duktus von Van Gogh gemalt; er schenkte es Emil Nolde, als er ihn besuchte. Daneben hängt ein Porträt mit Zigarette, das sein Gastgeber von ihm anfertigte: Trotz aufgelöster Formen wirkt es deutlich eigenständiger.

 

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg schafft Schmidt-Rottluffs mit reduzierter Farbpalette und flächig abstrahierten Formen prägnant eindringliche Selbstporträts: Ob er sich mit Pinsel oder Zigarre darstellt – jedes Gemälde ist von atemberaubender Ausdruckskraft. Diese Reduktion aufs Wesentliche gibt er in den 1920er Jahren wieder auf.

 

Vom angry young man zum Farbharmonie-Meister

 

Was zwei „Doppelbildnisse“ mit seiner Frau Emy demonstrieren, die er 1919 heiratete: Das erste aus dem Hochzeitsjahr präsentiert quasi zwei starkfarbige Masken, das zweite von 1931 eine gefälligere Variante: in Gelb- und Grüntönen fast schon realistisch modelliert, wie man sich expressionistische Gesichter gemeinhin vorstellt.

 

Diese Entwicklung vom angry young man zum moderat expressiven Meister der Farbharmonien lässt sich in den folgenden Kabinetten gut nachvollziehen. Etwa an Künstler-Köpfen im nächsten Raum: Ein „Weißer Kopf“ von 1922 verströmt noch die gleiche archaische Urgewalt wie Holzschnitte seiner Brücke-Mitstreiter Kirchner und Max Pechstein. 1928 porträtiert sich Schmidt-Rottluff dann mit gezücktem Pinsel und flüchtigem Seitenblick wie auf dem Sprung – doch in sorgsam austarierten Rot- und Grün-Akzenten.

 

Repräsentative Nachkriegszeit-Porträts

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „ImEx – Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende“ – mit Werken von Karl Schmidt-Rottluff in der Alten Nationalgalerie, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Emil Nolde – Retrospektive“ – exellente Überblicks-Schau im Städel Museum, Frankfurt/ Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Farbenmensch Kirchner“ – gelungene Werkschau von Ernst Ludwig Kirchner in der Pinakothek der Moderne, München.

 

Solche ausgewogenen Farbkompositionen behält er ab Mitte der 1930er Jahre bei; nun malt er vor allem klaustrophobische Räume und entwurzelte Bäume, die Bedrängnis und Ohnmacht ausdrücken. In der Nachkriegszeit wird diese Kolorierung zum Markenzeichen von repräsentativen Porträts etwa von Hanna Bekker (1952) oder dem Westberliner Bürgermeister Otto Suhr (1959). Wie wohltemperiert sie ausfallen, zeigt etwa der Vergleich mit dem ungestümen Bildnis der Kunsthistorikerin Rosa Schapire von 1911, die der „Brücke“ angehörte: Freundesbilder aus fünf Jahrzehnten hängen direkt nebeneinander.

 

Am Ende wartet eine faustdicke Überraschung. 1964 gibt Schmidt-Rottluff die Ölmalerei aus Gesundheitsgründen auf; fortan aquarelliert er umso emsiger. Bevorzugte Sujets waren offenbar seine geliebte Frau und er selbst: Die Wände sind mit Dutzenden ihrer Antlitze geradezu gepflastert – und führen damit vor, wie ihm seine Kunstfertigkeit allmählich abhanden kommt.

 

Anti-Klimax als schaler Schluss

 

Indem sie die Selbstbefragung des alten Herrn, der seinen körperlichen und künstlerischen Verfall schonungslos dokumentiert, so plakativ ausbreitet, tut ihm die Ausstellung keinen Gefallen: Diese Anti-Klimax entlässt den Besucher mit einem schalen Schluss-Eindruck, den der radikale Bilderstürmer der 1910er Jahre nicht verdient hat.


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