Charlie Kaufman

Anomalisa

Skandal in der Hotel-Bar: Michael Stone (li.) bekommt von seiner Ex-Geliebten einen Korb. Foto: Paramount Pictures Germany

(Kinostart: 21.1.) Anbahnung eines One-Night-Stand in Echtzeit: Balzrituale im Business-Hotel inszeniert Regisseur Charlie Kaufman, bekannt für seine vertrackten Drehbücher, als Stopptrick-Animation mit lauter Puppen – im menschlichsten Film des Jahres.

Nichts ist schwerer zu ertragen als ganz normaler Alltag: So könnte eine der wohlfeilen Lebensweisheiten lauten, mit denen Motivations-Trainer Michael Stone (Stimme: David Thewlis) seine Seminare, Ratgeber und Hörbücher füllt. Multimediale Vermarktung solcher Botschaften hat ihn berühmt und wohlhabend gemacht. Der Erfolg bewahrt ihn aber nicht vor innerer Leere, die „Anomalisa“ ausführlich ausbreitet.

 

Info

 

Anomalisa

 

Regie: Charlie Kaufman + Duke Johnson,

90 Min., USA 2015;

mit den Stimmen von: Jennifer Jason Leigh, David Thewlis, Tom Noonan

 

Engl. Website zum Film

 

Stone fliegt nach Cincinnati, um dort vor großem Publikum einen Vortrag zu halten. Mit regloser Miene absolviert er am Vorabend die Routinen einer Geschäftsreise: Taxifahrt zum Hotel, Einchecken an der Rezeption, Auspacken des Koffers, ein vom Zimmerservice serviertes dinner, Anruf bei der Familie zuhause, zapping durch die TV-Kanäle.

 

Ex-Geliebte vergibt Korb

 

Alles ödet ihn an, nichts bereitet ihm Freude. In seiner Wahrnehmung sehen alle Menschen ähnlich aus; sie spulen mit derselben Stimme die gleichen nichtssagenden Floskeln ab. Doch die Auszeit vom heimischen Trott will genutzt werden – also auf in die Hotelbar! Er telefoniert eine Ex-Geliebte herbei, die er vor zehn Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Dummerweise will sie sich auch nach einigen cocktails nicht flach legen lassen.

Offizieller Filmtrailer


 

Call center girlie himmelt Idol an

 

Deprimiert schleicht Michael zurück, als er auf dem Hotelflur zwei jungen Frauen in die Arme läuft: Sie arbeiten im call center, sind seine fans und eigens für den morgigen Auftritt angereist. Nach einigem Schäkern lässt sich Lisa (Stimme: Jennifer Jason Leigh) von ihrem Idol mit auf sein Zimmer nehmen. Am nächsten Morgen malt Michael ihr eine gemeinsame Zukunft in strahlenden Farben aus – doch zunächst steht seine Rede vor den Kongressbesuchern an.

 

Diese petitesse scheint zu dürftig, um einen Spielfilm zu füllen – aber nicht, wenn Charlie Kaufman die story austüftelt und zusammen mit Duke Johnson Regie führt. Kaufman ist der eigenwilligste Querdenker unter Hollywoods Drehbuch-Autoren, der verschachtelte Kartenhäuser mit doppeltem Boden entwirft. Mal wird daraus ein atemberaubend skurriles Szenario wie in „Being John Malkovich“ (1999); da wanderten alle Protagonisten durch die Hirnwindungen des Star-Schauspielers.

 

Animationsfilm als Eigentherapie

 

Mal verliert sich die Handlung hoffnungslos in labyrinthischen Meta-Ebenen; etwa bei „Adaption“ (2002) über Nicholas Cage als Texter mit Schreibblockade. Da thematisierte Kaufman die eigene Intellektuellen-Existenz, wie auch in seinem Regiedebüt von 2008: „Synekdoche, New York“ porträtierte einen Dramatiker, der seine Lebenswelt eins zu eins auf die Bühne hieven will. Der Film war ein flop; seither brachte der genialische Kopfgeburten-Konstrukteur nichts mehr ins Kino.

 

Da liegt der Gedanke nahe, dass die Figur des ausgebrannten Psycho-Gurus, die Kaufman für ein Hörspiel entwickelte, teilweise ihm selbst entspricht. Falls dem so ist, wäre „Anomalisa“ die denkbar beste Eigentherapie: Mit nur 400.000 Dollar, die durch internet crowd funding zusammenkamen, haben Kaufman und der Animations-Spezialist Johnson einen der originellsten und anrührendsten Filme seit langem gedreht.

 

Wenn die Kinnlade im Wortsinne runterfällt

 

Indem sie ein Paradox ans andere reihen; dass ausgerechnet ein Motivations-Profi an burnout leidet, ist noch das simpelste. Für ihre Momentaufnahme des everyday life benutzen sie nur in stop-motion-Technik gefilmte Puppen. Alle außer Michael und Lisa sprechen mit derselben Stimme von Tom Noonan. Und sie stellen ihre Künstlichkeit geradezu aus: Fugen und Nahtstellen in den Gesichtern sind deutlich erkennbar. Geht es hoch her, fällt ihnen schon mal im Wortsinne die Kinnlade herunter.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Die dunkle Seite des Mondes“ – Mesalliance zwischen Business-Anwalt + Späthippie-Frau von Stephan Rick mit Moritz Bleibtreu

 

und hier einen Beitrag über den Film „Shaun das Schaf – Der Film“ – herrlicher Stop-Motion-Animationsfilm aus den Aardman-Studios von Mark Burton + Richard Starzak

 

und hier einen Bericht über den Film “ “Wie der Wind sich hebt” – grandioser Animations-Historienfilm aus den Ghibli-Studios von Hayao Miyazaki.

 

Ansonsten herrscht penibler Naturalismus: Die sterile Eleganz von Hotelketten und Kongress-Zentren mit ihren eintönigen Gängen und Räumen wird bis zum letzten Lichtschalter genau kopiert. Wie die sozialen Rituale von amüsierwütigen US-Amerikanern bei conventions: auf Knopfdruck einen drauf machen, sich in der Bar die Kante geben und die Nächstbeste anbaggern – you gotta score!

 

„Girls Just Wanna Have Fun“ vorsingen

 

Den vorhersehbaren Ablauf des Abends kostet der Film in Echtzeit aus; selbst wenn Michael pinkeln muss, ist die Kamera live dabei. Im Zeitalter von webcams und CCTV (closed circuit television), der allgegenwärtigen Video-Überwachung, bleibt nichts unregistriert. Dieser Hyperrealismus des Banalen wäre schwer erträglich, würde er nicht durch menschliche Makel gebrochen.

 

Unter Haarsträhnen versteckt Lisa eine Narbe im Antlitz; dass Michael diese küssen will, weist sie als geschmacklos zurück. Stattdessen lässt sie sich überreden, ihren Lieblings-song „Girls Just Wanna Have Fun“ zu trällern, mit dem Cyndi Lauper 1983 einen Welthit hatte – und er hört sämtlichen Strophen andächtig zu: Wer ein groupie vernaschen will, muss liebenswürdig bleiben.

 

Demontage des Mythos Seitensprung

 

So steigern sich beide allmählich in romantische Illusionen hinein, die ihnen den one-night-stand versüßen sollen. Dabei legt ihnen Kaufman allerlei verstiegene Albernheiten in den Mund, die Leute beim Süßholzraspeln gern von sich geben – mit warmherziger Sympathie für Peinlichkeiten, weil sie das einzige Humane in ihrer zweckoptimierten Plastikwelt sind. Diese liebevolle Demontage des Mythos Seitensprung lobt das US-Magazin „Esquire“ als „menschlichsten Film des Jahres“.


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