Apichatpong Weerasethakul

Cemetery of Splendour

Soldaten, die an einer mysteriösen Schlafkrankheit leiden, werden in einer Klinik behandelt. Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 14.1.) Schlafkrankheit als politisches Statement: Cannes-Sieger Apichatpong Weerasethakul betrachtet die Lage in seiner Heimat Thailand als surreale Szenerie voller geheimnisvoller Symbolik, besessen von den Geistern der Vergangenheit.

Das Unfassbare gleich nebenan: Der neue Film des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul wirkt völlig alltäglich – und zugleich schwer zu entschlüsseln, zumindest für hiesige Zuschauer. Schauplatz ist die Provinzhauptstadt Khon Kaen im Isan genannten Nordosten des Landes, wo Weerasethakul seine Kindheit verbracht hat.

 

Info

 

Cemetery of Splendour

 

Regie: Apichatpong Weerasethakul,

122 Min., Thailand/ Frankreich 2015

mit: Jenjira Pongpas Widner, Banlop Lomloi, Jarinpattra Rueangram

 

Weitere Informationen

 

In einem Krankenhaus liegen Soldaten, die an einer mysteriösen Schlafkrankheit leiden. Aus ihrem Dauerschlummer wachen sie nur kurz auf und können jederzeit wieder einnicken – selbst beim Essen. Die Ärzte behandeln sie mit Geräten, die „auch bei US-Soldaten in Afghanistan eingesetzt“ werden: futuristisch anmutenden Apparaten aus Sauerstoffmasken und mannshohen Lichtsäulen, die in wechselnden Farben leuchten.

 

Gedankenleserin für Patienten

 

Jenjira (Jenjira Pongpas Widner) versorgt den Soldaten Itt (Banlop Lomnoi) mit Leckereien, und liest sein Notizbuch voller seltsamer Zeichnungen und Pläne. Bald teilt sie sehr Privates mit ihm: Beide sehen die Träume des jeweils anderen, wie sie einander versichern. Dabei kommuniziert Jenjira mit Itt, wie andere Angehörige auch, mit Hilfe des Mediums Keng (Jarinpattra Rueangram): Sie hat das zweite Gesicht und kann die Gedanken der Patienten lesen.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Schlachtfeld von Schatten-Armeen

 

Beide Frauen freunden sich an: Keng freut, dass Jenjira von ihr „nicht nur die nächsten Lottozahlen“ wissen will. Mit langen Gesprächen vertreiben sie sich die Zeit: am Ufer des idyllischen Sees von Khon Kaen oder bei gemeinsamen Spaziergängen, etwa zu den Überresten eines früheren Königspalastes. Von dem ist außer ein paar Trümmern unter Bäumen wenig übrig; dennoch spielen die Ruinen eine bedeutsame Rolle.

 

Zwei Göttinnen, die Jenjira in einem Tempel verehrt, erscheinen ihr in Lebensgestalt. Sie verkünden, dass die schlafenden Soldaten nicht gesund werden, weil Geister verstorbener Könige von ihnen Besitz ergriffen haben und nun ihre Kämpfe mit deren Leibern ausfechten. Das Schlachtfeld dieser Schatten-Armeen könnte der titelgebende „Friedhof der Herrlichkeit“ sein.

 

Geister sind jederzeit unter uns

 

Wie schon in früheren Filmen vermengt der Regisseur, der 2010 mit „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ in Cannes die Goldene Palme gewann, umstandslos die Wirklichkeit mit anderen Erfahrungsebenen. Träume und übersinnliche Erscheinungen sind ebenso konkret wie das Sichtbare: Die Geister hausen unter uns, jederzeit. Damit hat der Thai so konsequent wie kein zweiter ein magisches Weltverständnis ins Kino eingeführt.

 

Anders als bisher verzichtet Weerasethakul diesmal darauf, jenseitige Phänomene filmisch zu markieren: Das Geschehen läuft so linear und unspektakulär ab wie eine Kurort-Dokumentation. Indem der Film in den beschaulichen Rhythmus eines Landstädtchens Fantastisches derart selbstverständlich integriert, verleiht er ihm größtmöglichen Realitätsgehalt in der gegenwärtigen Lage – und die ist in Thailand ziemlich verfahren.

 

Seit 15 Jahren Gelb- gegen Rothemden

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Apichatpong Weerasethakul über „Cemetery of Splendour

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über Film „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ von Apichatpong Weerasethakul, Cannes-Gewinner 2010

 

und hier einen Bericht über den Film “Dämonen und Wunder – Deephan” – südasiatisches Flüchtlings-Drama von Jacques Audiard, Cannes-Sieger 2015

 

und hier eine Besprechung des Films “Bonne Nuit Papa” – Doku über Massaker der Roten Khmer in Kambodscha und ihre Nachfahren von Marina Kem.

 

Seit rund 15 Jahren streiten zwei Lager um die Macht. Auf der einen Seite das königstreue Establishment der „Gelbhemden“; zu ihm zählt die „Demokratische Partei“, deren Abgeordneter Weerasethakuls Vater zeitweilig war.

 

Auf der anderen Seite stehen die „Rothemden“ aus benachteiligten Schichten: Sie unterstützen den populistischen Ex-Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra und seine Schwester Yingluck. Nach mehreren gewalttätigen Protestwellen und Regierungswechseln riss im Mai 2014 das Militär die Macht an sich, wie schon oft in Thailands Geschichte.

 

Visionen als Argumente

 

Dieser Dauerkonflikt hat tiefe historische Wurzeln: Der Nordosten ist eine Hochburg der „Rothemden“. Die Isan-Region gehörte einst zum Khmer-Reich und später zu Laos, bevor sie von Siams Herrschern erobert wurde; sie ist bis heute Thailands ärmster Landesteil. Auf diese Vergangenheit spielen die Göttinnen an, die im Film von kämpfenden Königen berichten.

 

So erweist sich „Cemetery of Splendour“ als Stellungnahme zur aktuellen politischen Situation – mit Mitteln geheimnisvoller Symbolik. Derlei taucht im westlichen Kino eher im mystery-Genre auf. Doch in der ostasiatischen Tradition, sich diskret in beziehungsreichen Anspielungen zu äußern, mögen Phantome und Visionen durchaus handfeste Argumente sein: Geister drücken sich gern in vieldeutigen Gleichnissen aus.


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