München

GegenKunst: »Entartete Kunst« – NS-Kunst – Sammeln nach ’45

Adolf Ziegler (1892-1959): Die Vier Elemente, vor 1937, Öl auf Leinwand, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne | 1953 übertragen aus Staatsbesitz (ehemals NS-Besitz) Foto: Sibylle Forster, © Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Fotoquelle: Pinakothek der Moderne, München

Griff in den Giftschrank: Die Pinakothek kontrastiert Klassiker der Moderne mit Werken von NS-Künstlern – aber nur in homöopathischen Dosen. Anstelle des platten Gegensatzes von Gut und Böse wäre eine differenzierte Betrachtung im aktuellen Kontext nötig.

Didaktischer geht es nicht. Unter dem Titel „GegenKunst“ zeigt die Pinakothek der Moderne eine Kabinettausstellung, die nationalsozialistisch motivierte Kunst derjenigen gegenüberstellt, die von den Nazis als „entartet“ diffamiert worden war – mit nur sechs Werken.

 

Info

 

GegenKunst: »Entartete Kunst« – NS-Kunst – Sammeln nach ’45

 

20.05.2015 – 31.01.2016

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags 10 bis 20 Uhr

in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München

 

Die dreiteilige Allegorie „Die vier Elemente“ von Adolf Ziegler (1937) hängt vis-à-vis des Triptychons „Kreuzigung“ von Francis Bacon (1965). Die Marmorplastik „Zwei Menschen“ von Josef Thorak (1941) stehen den Bronzen „Der Aufstieg“ (1929) von Otto Freundlich und „Mann im Dunkel“ (1934) von Max Beckmann gegenüber. Daneben mahnt sein Triptychon „Versuchung (Versuchung des hl. Antonius)“ von 1936/37.

 

Funktionskitsch gegen Avantgarde

 

Der Auftrag der Ausstellung ist ganz offensichtlich: Auf kleinstem Raum in exemplarischer Form den Funktionskitsch der NS-Ideologie mit der modernen Avantgarde zu konfrontieren. Der britische Künstler Francis Bacon zitiert die tradierte Abfolge von Kreuztragung, Kreuzigung und Grablegung nur; er verformt die christliche Passionsgeschichte zu einer Trilogie des Schmerzes als Rückblick auf die Begegnung mit dem Antichristen des 20. Jahrhunderts.

Podiumsdiskussion über die Ausstellung "GegenKunst" am 02.07.2015 mit Kurator Oliver Kase + Magnus Brechtken (Institut für Zeitgeschichte), Christian Fuhrmeister (Zentralinstitut für Kunstgeschichte), Stefan Koldehoff (Deutschlandfunk), Julia Voss (F.A.Z.), Silke Wenk (Uni Oldenburg), Christoph Zuschlag (Uni Koblenz)


 

Saubere Pornografie vom Schamhaar-Meister

 

Adolf Ziegler, ab 1936 Präsident der Reichskammer für bildende Künste und Hitlers Motor hinter der Ausstellung „Entartete Kunst“, orientiert sich am Biedermeier und dem Klassizismus der Nazarener; doch er treibt seinem reinlichen Realismus jedes Leben aus. Die vier mütterlichen Aktfiguren des als „Meisters des Schamhaars“ verspotteten Malers propagieren eine Variante von Pornografie, an der man sich nicht schmutzig machen kann.

 

Der Bildhauer Josef Thorak treibt es weiter. Als wichtigster Chefausstatter der Nazi-Ästhetik neben Leni Riefenstahl und Arno Breker präsentiert Thorak zwei Liebende als monumentales Paar von Übermenschen: fruchtbar, stark und kampfbereit. Otto Freundlichs ineinander verknotete Figur hat dagegen mit sich zu kämpfen – wie auch der Künstler, der nach 1933 aus allen deutschen Museen aussortiert wurde.

 

900 NS-Kunstwerke im Depot

 

Max Beckmann porträtiert sich selbst als Erfolgskünstler, der plötzlich als persona non grata verfemt und verfolgt wurde; er musste emigrieren. Seine „Versuchungs“-Trilogie wurde 1938 in London als eines der Hauptwerke der Ausstellung „20th Century German Art“ gezeigt – in Reaktion auf die NS-Schau „Entartete Kunst“ in München ein Jahr zuvor.

 

Der Anspruch der Pinakothek, ihren pädagogischen Aufklärungsauftrag wahrzunehmen, ist ehrenwert – doch er greift viel zu kurz. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen besitzen 900 Kunstwerke aus dem Nachlass der NSDAP. Weite Teile der Münchener Depots muss man sich als Giftschränke vorstellen, die zu öffnen sich die Museumshüter aber scheuen. Pandora lässt grüßen.

 

Geschenkter Sieg über die NS-Kunst

 

Seit Kriegsende wurde NS-Kunst kaum gezeigt; wenn überhaupt, dann fast ausschließlich in historischen Ausstellungen. Jedoch wurden Nazi-Werke regelmäßig in die USA ausgeliehen. Jetzt probiert die Pinakothek der Moderne die pointierte Gegenüberstellung: Hier wirken Thoraks monumentales power couple und Zieglers nackte Arierinnen sehr kraftlos.

 

Aus ihrem politischen und gesellschaftlichen Kontext herausgelöst, haben sie gegen Ikonen der Moderne nichts aufzubieten. Die Moderne siegt gegen die Nazi-Kunst? Geschenkt. In Mengen will man die Thoraks, Zieglers, Brekers und Co. nicht zeigen, nur in homöopathischen Dosen. Vom ideologischen Körper-Kitsch der NS-Künstler scheint noch immer eine Gefahr auszugehen.

 

Ist Anschauen von NS-Kunst gefährlich?

 

In diesen Tagen ist das Urheberrecht an Adolf Hitlers „Mein Kampf“ abgelaufen; nun kann jedermann das Buch nachdrucken und in Umlauf bringen. Trotzdem hat das Institut für Zeitgeschichte in München am 8. Januar eine „kritische Edition“ veröffentlicht: Rund 3500 Anmerkungen auf fast 2000 Seiten sollen den Originaltext bändigen und in exegetische Fesseln legen. Aber ist das Buch so gefährlich? Immerhin gilt es ja als unlesbar. Ähnliche Fragen kann man den Thorak-Pferden und den Ziegler-Muttchen stellen: Sind sie gefährlich, wenn man sie anschaut?

 

Wie soll man mit dem Nazi-Erbe umgehen? Die Berliner Nationalgalerie zeigt derzeit „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933 – 1945.“ Ausgestellt werden Kunstwerke, die in diesem Zeitraum entstanden, in die Sammlung der Nationalgalerie kamen oder aber durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden. Damit wirft das Museum einen differenzierten Blick auf die Kunst, die Politik und nicht zuletzt die eigene Geschichte während der NS-Herrschaft.

 

Auch NS-Kunst ist nationales Kulturerbe

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension zur Ausstellung „Geschichten im Konflikt“ über „Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937-1955“ im Haus der Kunst, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „«Entartete Kunst»: Der Berliner Skulpturenfund von 2010“ in München, Würzburg + Halle/ Saale

 

und hier einen Bericht über die Online-Datenbank „GDK Research“ zur Dokumentation von NS-Kunst.

Die Exponate sind so unterschiedlich wie die Biografien der Künstler und die Schicksale ihrer Werke: hier wird „nationale“ Kunst propagiert, dort „Entartetes“ diffamiert. Diese Ausstellung versucht, ihre Sammlung historisch aufzuarbeiten. Dabei präsentiert sie auch Arbeiten, die man sich 70 Jahre lang nicht auszustellen traute, weil Künstler wie Karl Hofer oder Franz Radziwill eben eine umstrittene Reputation haben. Umso wichtiger ist es, sie zu zeigen – und in neue, aktuelle Kontexte zu stellen.

 

Eigentum verpflichtet, sagt Bundeskulturministerin Monika Grütters, wenn sie ihre Novelle des Kulturgut-Schutzgesetzes verteidigt, um national wertvolle Kunstwerke in Deutschland zu halten. Dass Eigentum verpflichtet, gilt aber auch für Museen: Es stinkt nämlich nicht nur in einigen Winkeln der Pinakotheks-Keller. Doch auch das ist nationales Kulturerbe, ob man will oder nicht. Muss man es schützen? Soll man es verstecken? In jedem Fall muss man mit ihm umgehen.

 

Opportuner Geschmack ändert sich

 

Derzeit werden im Berliner NS-Flughafen Tempelhof Flüchtlinge einquartiert. Das ändert nichts an der einschüchternd monumentalen Bausubstanz, aber es akzeptiert sie als funktionale Architektur. Für Teile der Bevölkerung mag diese Ästhetik immer noch verhängnisvoll sein; wie es wohl auch immer Anhänger von Breker-Heroen oder Riefenstahl-Athleten geben wird.

 

Man muss auch Nazi-Kunst ausstellen – nicht aber im platten Gegensatz von Gut und Böse wie in München. Man muss sie in neuen Zusammenhängen befragen: als Ausdruck ihrer Zeit und als Ausdruck einer politischen Gesinnung. Davon kann man lernen. Die NS-Werke gegen heute anerkannte Kunst auszuspielen, reicht nicht aus: Der opportune Geschmack kann sich schnell ändern. Und schlechter Geschmack kann sich schnell ausbreiten; das hat die Geschichte gezeigt.


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