Apichatpong Weerasethakul

Nur Träume ermöglichen Befreiung

Apichatpong Weerasethakul im Interview. Foto: ohe

Mit einfachen Stilmitteln schafft der Thai Apichatpong Weerasethakul poetisch verrätseltes Traumkino. In „Cemetery of Splendour“ leiden Soldaten an Schlafkrankheit: kein Kommentar zur Militärregierung, sondern zum Soldaten in uns, erklärt er im Interview.

Ihre Filme enthalten viele Elemente der und Anspielungen auf die thailändische Kultur, die für Ausländer nicht leicht zu verstehen sind. Für wen sind Ihre Filme vor allem gedacht: Ihre Landsleute, westliches Autorenkino-Publikum oder anspruchsvolle Festivals?

 

Info

 

Cemetery of Splendour

 

Regie: Apichatpong Weerasethakul,

122 Min., Thailand/ Frankreich 2015

mit: Jenjira Pongpas Widner, Banlop Lomloi, Jarinpattra Rueangram

 

Weitere Informationen

 

Ich mache Filme in erster Linie für mich selbst. Ob ich mit diesem Kommunikationsmedium Menschen berühre oder nicht, steht an zweiter Stelle. Natürlich sind verschiedene Sprachen und Interpretationen ein Hindernis beim Verständnis. Doch ich selbst bin mein erstes Publikum. Mit „Cemetery of Splendour“ versuche ich, Gefühle der Verwirrung und des Traumartigen zu vermitteln, um die Frage nach der Wahrheit zu stellen.

 

Was thailändisches Kino ausmacht, ist schwierig zu definieren. Die meisten Filme aus Thailand sind in ihrer Machart und Bildsprache sehr konventionell. Für mich geht es bei Filmen nicht nur darum, Geschichten zu erzählen, sondern auch um die Haltung und Persönlichkeit des Filmemachers. Wenn man Thai-Filme in Hollywood-Manier sieht, fragt man sich: Gibt es überhaupt ein thailändisches Kino? Eher nicht, denke ich: Für mich ist Kino eine globale und zugleich sehr individualistische Sprache. Da ist die Sprache, die im Film gesprochen wird, nur ein kleiner Teil der Ausstattung.

Auszüge des Interviews auf Englisch mit Apichatpong Weerasethakul


 

Jeder lebt in anderer Wirklichkeit

 

Sie sind bekannt dafür, in Ihren Filmen die Wirklichkeit mit anderen Realitätsebenen zu vermengen: Träume, Visionen, Erscheinungen aus dem Jenseits etc. Beides tritt gleichrangig auf; Protagonisten sprechen von ihren Träumen wie von ihrem Alltag. Welche Ebene wollen sie in Ihren Filmen vor allem vermitteln: die wahrnehmbare oder übersinnliche?

 

Manchmal geht es in einem Film weniger um die Realität als um unsere Existenz und Erinnerungen. Jeder lebt in einer anderen Wirklichkeit; wenn jemand an Geister glaubt, sind sie Teil seiner Realität. Es geht um verschiedene Wahrnehmungen, die nicht unbedingt visuell sein müssen. Ich möchte das ebenso darstellen wie etwa den Glauben, Nostalgie oder wissenschaftliche Informationen.

 

Meine Filme reflektieren die Präsenz unsichtbarer Wesen, an die viele Menschen glauben. Nur der äußere Rahmen ändert sich: Manche Leute gehen zur Kirche und betrachten das Abendmahl als Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi. Ich glaube nicht an einen Schöpfergott, aber viele Menschen tun das auf diese oder jene Weise; diese Vielfalt sollte man anerkennen.

 

Wir sind alle Soldaten

 

Sie haben die derzeitige politische Lage in Thailand als „Sackgasse“ bezeichnet. Dort ringen seit fast 15 Jahren zwei Strömungen um die Macht: die königstreuen „Gelbhemden“ und die „Rothemden“ als Unterstützer des populistischen Ex-Regierungschefs Thaksin Shinawatra und seiner Schwester Yingluck. Sie wurde als Ministerpräsidentin im Mai 2014 abgesetzt. Zurzeit herrschen die Militärs, wie schon oft in Thailands Geschichte. Doch die Soldaten in ihrem Film schlafen, sie sind also machtlos – können Sie diesen Gegensatz erklären?

 

Wie viele meiner Landsleute habe ich ein spezielles Verhältnis zur Armee, denn sie spielt in Thailands Politik eine Schlüsselrolle. Von ihren Uniformen als Symbolen der Macht geht eine starke Faszination aus. Manchmal denke ich, dass wir alle Soldaten sind und als solche eingesetzt werden, auch wenn wir keine Uniformen tragen. Ich hege tiefe Sympathie für die Soldaten im Film, die ihr Bewusstsein verloren haben und die Realität nicht kontrollieren können. Das spiegelt wider, dass wir alle einen Soldaten in uns tragen.

 

Internet erschüttert Schul-Propaganda

 

Die schlafenden Soldaten sind also kein Kommentar zur jetzigen Armee?

 

Nein, ich sehe das in größerem Zusammenhang; mein Sinn für Geschichte hat sich verändert. Im Film ist von Kämpfen früherer Könige die Rede, die über mächtige Reiche herrschten; sie beeinflussen noch die Gegenwart. Das bezieht sich auf mein Verständnis als Thai von unserer Herkunft und Geschichte. Schon in meiner Schulzeit wurde viel Propaganda vermittelt, und das gilt bis heute: etwa über Birma/ Myanmar als großen Feind unserer Nation.

 

Durch das Internet und andere Informationsquellen ändert sich das Geschichtsbewusstsein – etwa über den Einfluss, den die USA auf Thailand ausgeübt haben. Das hat mein Geschichtsbild erschüttert; etwas Ähnliches geschieht im Film mit der Hauptdarstellerin, wenn sie von den untergegangenen Königreichen erfährt.

 

Weiterschlafen, um Energie zu sparen

 

Die Soldaten erwachen manchmal kurz, bleiben aber untätig. Repräsentieren sie die thailändische Gesellschaft – die sich auch im Wachzustand nicht kontrollieren kann?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Cemetery of Splendour“ von Apichatpong Weerasethakul

 

hier einen kultiversum-Beitrag über Film “Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben” von Apichatpong Weerasethakul, Cannes-Gewinner 2010

 

und hier einen Bericht über den Film “Dämonen und Wunder – Deephan” – südasiatisches Flüchtlings-Drama von Jacques Audiard, Cannes-Sieger 2015

 

und hier eine Besprechung des Films “Bonne Nuit Papa” – Doku über Massaker der Roten Khmer in Kambodscha und ihre Nachfahren von Marina Kem.

 

Es gibt viele Möglichkeiten, sie zu sehen. Eine wäre: Wir schlafen alle, und Befreiung ist nur möglich durch Träume. Machtlosigkeit spielt auch eine Rolle – und die Notwendigkeit, aufzuwachen. Doch einmal sagt die Hauptdarstellerin: „Wach nicht auf, sondern schlaf weiter, weil Du Deine Energie für eine bessere Zukunft aufsparen musst.“ Ich halte das durchaus für sinnvoll. Wenn man erlebt, wie gewaltsam gegen das Volk vorgegangen wird, und weiß, dass man dagegen wenig ausrichten kann, muss man einfach abwarten und beobachten. Manches zerstört sich von selbst – hoffentlich.

 

Nach versunkenen Reichen graben

 

Bei zwei weiteren Elementen des Films erscheint die Symbolik rätselhaft. Vor dem Soldaten-Hospital wird eine Baugrube ausgehoben; eine Filmfigur spricht von einem „geheimen Regierungsprojekt“. Zugleich sind auf der Oberfläche des Sees kleine Räder zu sehen, die ständig das Wasser umschaufeln. Können Sie das erläutern?

 

Ich mag Dinge, von denen man nicht genau weiß, welchen Sinn sie im Leben haben – wie viele Kunstwerke. Die von Ihnen angesprochenen Elemente implizieren Kreisläufe, etwa Zyklen des Lebens oder der Zerstörung. Der lebensnotwendige Sauerstoff spielt eine Rolle: Ihn schaufeln die Räder ins Wasser, während die schlafenden Soldaten Sauerstoffmasken tragen. Zugleich verweist das Kreisen auf nie endende Träume, während die Grabung sich auf die Reiche bezieht; sie könnten dadurch gefunden werden. Doch man weiß es nicht genau.


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