Alejandro González Iñárritu

The Revenant – Der Rückkehrer

Der legendäre Jäger und Abenteurer Hugh Glass (Leonardo DiCaprio). Foto: © 2015 Twentieth Century Fox

(Kinostart: 6.1.) Blut, Schweiß und Eiszapfen: Den Überlebenskampf eines Trappers in winterlicher Wildnis um 1820 verfilmt Regisseur Iñárritu als grandios erbarmungsloses Rache-Epos. Für seine Quälerei in der Hauptrolle gebührt Leonardo DiCaprio ein Oscar.

Überlebenskampf auf die harte Tour: Dieses Meisterwerk ist nichts für schwache Nerven. Weiß wie Schnee, rot wie Blut und klirrend kalt erzählt Regisseur Alejandro González Iñárritu abermals von einem Einzelgänger. Nach Javier Bardem, der in „Biutiful“ (2010) das Armenviertel von Barcelona zusammenhielt, und Michael Keaton als neurotischer Bühnen-Diva in „Birdman“ (2014) ist nun Leonardo DiCaprio an der Reihe.

 

Info

 

The Revenant –
Der Rückkehrer

 

Regie: Alejandro González Iñárritu,

150 Min., USA 2015;

mit: Leonardo DiCaprio, Brendan Fletcher, Tom Hardy

 

Website zum Film

 

Er übernimmt die Rolle des legendären Trappers Hugh Glass. Der überlebte 1823 am Oberlauf des Missouri einen Bärenangriff, wurde aber schwer verletzt von seinen Begleitern in der Wildnis zurückgelassen. Anschließend schleppte sich Glass mit gebrochenem Bein und offenen Wunden 300 Meilen durch winterliche Wildnis nach Fort Kiowa, den nächsten bewohnten Ort.

 

Zwei Monate in 150 Minuten

 

Diese zweimonatige Reise dauert im Kino zweieinhalb Stunden. Kraftvoll und visuell betörend donnert das Epos über alle Schmerzgrenzen der Schauspieler – und Zuschauer – hinweg. Mit erbarmungsloser Nähe und Direktheit wird gefroren, gehackt, geschlachtet, ausgeweidet und skalpiert.

Offizieller Filmtrailer


 

Heuschrecken im US-Nordwesten

 

Trotz grandioser Panorama-Aufnahmen ist hier ist kein Platz für Naturverklärung oder Lagerfeuer-Romantik. In jeder Einstellung macht Regisseur Iñárritu erschreckend anschaulich, mit welch archaischer Gewalt die „Neue Welt“ erobert wurde, obwohl der Film auch ein ganz persönliches Drama über mentale Stärke und Überlebenswillen ist.

 

In den 1820er Jahren breitet sich der Pelzhandel in den Nordwesten der heutigen USA aus. Harte Männer, die nicht viel zu verlieren haben, erkunden unbekanntes Terrain, fallen wie eine Heuschreckenplage über bislang unberührte Natur her, beuten sie aus und schießen, was ihnen vor die Flinte kommt. Auch vor den Ureinwohnern machen sie nicht halt.

 

Wir sind alle Wilde

 

Am Missouri im heutigen North und South Dakota leben seit jeher die Arikara; sie sind gefürchtete Krieger. Trapper und Indianer verbindet eine Spirale aus Gewalt und Gegengewalt; beide Seiten schweben ständig in Lebensgefahr. Das Recht des Stärkeren entscheidet: Im Film knüpfen Weiße einen Indianer auf und hängen ihm ein Schild mit der Aufschrift „Wir sind alle Wilde“ um den Hals.

 

DiCaprio als Hugh Glass ist Grenzgänger dieser zwei Welten: Der wortkarge Mann hat unter Indianern gelebt und einen Mischlingssohn namens Hawk – Glass‘ verstorbene Partnerin war eine Pawnee. Trotzdem arbeiten Vater und Sohn als scouts für die Rocky Mountain Fur Company; sie schließen sich einer Expedition unter Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) an.

 

Wenn Bären-Tatzen wütend zuschlagen

 

Die Company liefert sich einen erbitterten Kleinkrieg mit den Arikara, von den Trappern „Ree“ genannt. Bei einem Indianer-Überfall auf Henrys Gruppe sterben mehr als 30 Weiße; nur zehn Männer überleben. Sie müssen sich zu Fuß über eine verschneite Bergkette zum schützenden Fort durchschlagen.

 

Der Film lässt sich Zeit – um ihnen durch die Wildnis zu folgen, ihr dreckiges und elendes Daseins auszubreiten und dann den Grizzly zuschlagen zu lassen. Hugh Glass hat schlicht Pech; er ist den Bärenjungen versehentlich zu nahe gekommen. Ein ums andere Mal holt die Bärin aus und schlägt ihre Krallen in den wehrlosen Winzling. So real hat man den Kampf von Mensch gegen Tier im Kino selten gesehen; fast spürt man den Bärenatem im Nacken.

 

Film- im Atem-Rhythmus

 

Doch Glass ist zäh; zerfetzt und blutend weigert er sich einfach, zu sterben. Seine Begleiter flicken ihn zwar dürftig zusammen, können ihn aber nicht über die Berge transportieren. Drei Männer sollen abwarten, bis er sich erholt, oder ihn ordentlich beerdigen. John Fitzgerald will aber nur seine Prämie kassieren und lässt Glass im Stich. Den Bösewicht spielt Tom Hardy überzeugend unsympathisch; jedoch scheint durch, dass auch er ein Opfer der lebensfeindlichen Verhältnisse ist.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)” – brillante Theater-Satire von Alejandro G. Iñárritu, Oscar für den Besten Film 2015

 

und hier einen Beitrag über den Film “The Wolf of Wall Street”  – grandiose Börsen-Groteske mit Leonardo DiCaprio von Martin Scorsese

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film “Biutiful” – Barcelona-Milieustudie mit Javier Bardem von Alejandro G. Iñárritu.

 

Auf dem Rückweg wird für den zerschundenen Glass jeder Atemzug zur Qual. Ein- und ausatmen, ein und aus: Das Heben und Senken seiner Brust gibt fortan den Rhythmus des Filmes vor. Die Kamera ist so nah dran, dass die Linse beschlägt, wenn DiCaprio ausatmet. Dabei bleibt ihm wenig erspart: Er treibt reißende Flüsse hinab, stürzt in Wasserfälle und Abgründe, erfährt aber auch unerwartete Rettung vor dem Kältetod. Nichts kann den Rückkehrer aufhalten, um sich an Fitzgerald zu rächen.

 

In der Kälte das Ende ersehnen

 

Was daran beglaubigt oder hinzugedichtet ist, bleibt offen: Es gibt nur wenige Zeugnisse vom historischen Hugh Glass. Das Drehbuch stützt sich auf den Tatsachenroman „Der Totgeglaubte“ (2002) von Michael Punke; diese Vorlage erweitert Regisseur Iñárritu zur existentiellen Parabel in einer grausam gleichgültigen Welt.

 

Dafür verlangt er Schauspielern wie Publikum alles ab; es harrt mit ihnen in der Kälte aus und wünscht ein Ende herbei, so oder so. Die Dreharbeiten in Kanada und Argentinien führten das gesamte Team an die Grenzen seiner Belastbarkeit; enorme Strapazen sind den Darstellern jederzeit anzusehen. Vor allem DiCaprio wirft sich mit vollem Körpereinsatz in seine Rolle; nach dieser Quälerei wünscht man ihm endlich einen Oscar, für den er bereits fünf Mal nominiert war.

 

Näher an cineastischer Erlösung

 

Ihn wird Regisseur Iñárritu – nachdem im vorigen Jahr sein „Birdman“ mit vier Academy Awards überhäuft wurde – bei der diesjährigen Oscar-Verleihung kaum abermals bekommen. Obwohl „The Revenant“ preiswürdig wäre: Kameraführung, Schauspielkunst, Schnitt und die Filmmusik von Ryuichi Sakamoto verschmelzen zu einer perfekten Einheit. Mit diesem Kraftakt ist der Katholik Iñárritu, in dessen Filmen Erlösung schon immer ein zentrales Motiv war, ihr cineastisch näher gekommen als je zuvor.


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