Inuk Silis Hoegh

Sumé – The Sound of a Revolution

Die Rockband Sumé Mitte der 1970er Jahre. Foto: mindjazz pictures

(Kinostart: 21.1.) You Won’t Fool the Children of the Revolution: Mit 70er-Jahre-Protest-Songs forderte Grönlands erste Rockband mehr Freiheit für ihre Heimat. Regisseur Inuk Silis Høegh rekonstruiert nüchtern diese junge Episode der Kolonialgeschichte.

Die interessantesten Musik-Dokumentarfilme der letzten Jahre drehten sich um underdogs: um vergessene psychobeat-Pioniere wie „The Monks“ (2006); um bands, die ihrem harten Leben die schönsten Klänge abringen wie die „Sierra Leone’s Refugee All Stars“ (2005) und „Benda Bilili!“ (2011), oder um lange ignorierte Solisten wie den singer/ songwriter Sixto Rodriguez in „Searching for Sugarman“ (2012).

 

Info

 

Sumé – The Sound of a Revolution

 

Regie: Inuk Silis Høegh,

73 Min., Dänemark/ Norwegen 2015;

mit: Malik Høegh, Per Berthelsen, Emil Larsen

 

Engl. Website zum Film

 

„Sumé – Sound of a Revolution“ passt in diese Reihe. Der Film nimmt den Zuschauer aber an einen Ort mit, an dem man eine solche popkulturelle Ausgrabung vielleicht am wenigsten erwarten würde: nach Grönland. Die größte Insel der Welt wird seit 1814 von Dänemark beherrscht. 1979 errang sie einen eingeschränkten Autonomie-Status, der 2009 erweitert wurde: Seither ist Grönland innenpolitisch vollständig unabhängig.

 

„Wo?“ debütiert mit „Wohin?“

 

Anfang der 1970er Jahre war die von knapp 56.000 Inuit bewohnte Insel jedoch fest in dänischer Hand. Kopenhagen behandelte seinen „Besitz“ ähnlich wie andere europäische Kolonialmächte mit einer Mischung aus Paternalismus und Raubbau. Für deprimierte Einheimische muss es daher wie ein Befreiungsschlag gewirkt haben, als die Rockband Sumé (grönländisch für „Wo?“) 1973 ihr Debütalbum „Sumut“ („Wohin?“) veröffentlichte.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Inuit-Krieger zerlegt Wikinger

 

Ein Holzschnitt auf dem cover zeigt einen Inuit-Krieger, der einen Wikinger in seine Einzelteile zerlegt; diese Kampfansage wurde durch die zornigen songs der Platte noch verstärkt. Sumé sangen auf Grönländisch: Damit gaben sie als Pioniere jahrelang ihrer Generation eine Stimme.

 

In seinem band-Porträt verdeutlicht Regisseur Inuk Silis Høegh den Zusammenprall dieser Welten, indem er den knallroten Gitarrenverstärker der Band mal in die karge Landschaft Grönlands, mal in eine Plattenbau-Siedlung oder ein bürgerliches Wohnzimmer verpflanzt. Mehr bildpoetische Effekte erlaubt sich der ausgesprochen nüchterne Film nicht.

 

Kreative Doppelspitze

 

Zu sehen sind Interviews mit Zeitzeugen sowie Archiv-Aufnahmen, die einen Eindruck davon geben, wie gespannt das damalige Verhältnis zwischen Dänen und Grönländern war. Von dieser sehr jungen Episode der europäischen Kolonialgeschichte bekommt man sonst allenfalls in Romanen wie dem Bestseller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ (1992) von Peter Høeg oder der TV-Serie „Borgen“ über Intrigen in der dänischen Politik etwas mit.

 

Stück für Stück arbeitet sich der Film durch Tondokumente und lässt gealterte Protagonisten von damals zu Wort kommen: Fans, Wegbegleiter und vor allem die kreative Doppelspitze dieser ungewöhnlichen Band. Der Inuit Malik Høegh, Gitarrist und Sänger, wurde später Radio-Tontechniker. Der Grönland-Däne Per Berthelsen, musikalischer Kopf der Band, ist heute Abgeordneter des grönländischen Parlaments.

 

Band wurde 1977 aufgelöst

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared“ – Doku über den Ex-Popstar Bill Drummond von Stephan Schwietert

 

und hier einen Bericht über den Film “Koffelschroa. Frei. Sein.Wollen” – feinsinnige Doku über Neo-Volksmusik-Gruppe aus Oberammergau von Barbara Weber

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Dokumentarfilm “Benda Bilili!” über eine Gruppe behinderter Musiker im Kongo.

 

Malik und Per lernten sich beim Studium in Dänemark kennen; ihre musikalische Ehe hielt für zwei Alben und eine ausgedehnte Tournee. Dann fühlte sich Per zunehmend von der politischen Kritik seines Mitstreiters vereinnahmt: Malik klagte in seinen songs Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Fremdbestimmung und kulturelle Entfremdung an.

 

Behutsam rekonstruiert Regisseur Høegh den Kontext sozialer Missstände, in dem Sumé ihren Protest-Rock vortrugen. Schließlich verließ Per die band, kehrte aber 1976 zurück, um mit den übrigen Mitgliedern das dritte Album fertig zu stellen. Ein Jahr später löste sich die Gruppe auf.

 

Beitrag zur globalen Rock-Geschichte

 

Zwar gab es 1988 eine kurze Wiedervereinigung des Quartetts, und gelegentlich tritt Sumé zu besonderen Anlässen auf. Doch diesem Film fehlt das klassische Ende von Musik-Dokus: Es gibt kein großes Abschlusskonzert wie etwa in „Benda Bilili!“ oder eine triumphale reunion wie die der „Monks“.

 

Nur eine kleine Übersicht über die gegenwärtige Szene in Grönland: Eine hardcore band namens „Uané“ schreit ihren Frust in die Kamera, ein Folk-Duo namens „Nanook“ zupft und singt im kämpferisch-poetischen Geiste von Malik Høegh. Mit solchen emotionalen Akzenten liefert dieser Film eine schöne Fußnote zur ungeschriebenen Geschichte des globalen rock‘ n‘ roll.


Diesen Artikel drucken