Quentin Tarantino

The Hateful Eight

Oswaldo Mobray (Tim Roth), der Kopfgeldjäger John „Der Henker“ Ruth (Kurt Russell) und dessen Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh). Foto: Universum Film

(Kinostart: 28.1.) Viel Lärm um Nichts: In seinem zweiten Western zeigt Quentin Tarantino in epischer Länge und maximaler Leinwandbreite ein Minimum an Handlung. Gequassel und brutale Gewalt verbergen nicht, dass dem Regisseur nicht mehr viel einfällt.

Bigger ist not always better: Quentin Tarantinos erster Spielfilm „Reservoir Dogs“ kam 1992 mit nur zwei Spielorten und einem guten halben Dutzend Ganoven aus. Mit seinem Debüt bewies der Regisseur, dass selbst in Hollywood auch mit kleinem Budget ein sehr guter Film entstehen kann, wenn man genügend Kreativität und ein Händchen für die passenden Schauspieler besitzt.

 

Info

 

The Hateful Eight

 

Regie: Quentin Tarantino,

187 Min., USA 2015;

mit: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh

 

Website zum Film

 

Was seinerzeit ein echter Geniestreich war, wirkt fast ein Vierteljahrhundert später reichlich abgeschmackt. Inhaltlich ist Tarantinos neuer Film ähnlich minimalistisch wie einst „Reservoir Dogs“: Nun walzt der Regisseur die gleichen Zutaten in epischer Länge und Leinwand-Breite aus. Nach „Django Unchained“ (2012) ist „The Hateful Eight“ sein zweiter Western in Folge – was er mit dem Hinweis im Vorspann feiert, dass dies „der achte Film von Quentin Tarantino“ ist. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht.

 

70-Millimeter-Version mit Pflicht-Pause

 

Anschließend macht er überdeutlich, dass er klotzt und nicht kleckert: Schon die normale Fassung ist fast drei Stunden lang. Die „Superpanorama“-Version auf 70-Millimeter-Film, für den nur noch wenige Kinos die nötigen Projektoren haben, ist inklusive einer obligatorischen Pause von zwölf Minuten noch deutlich länger. Den score schrieb Komponisten-Legende Ennio Morricone, dessen Erkennungsmelodie des Western-Klassikers „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu den populärsten Filmmusiken aller Zeiten zählt. Und die acht Hauptrollen wurden allesamt mit Star- und Kult-Schauspielern besetzt.

Offizieller Filmtrailer


 

Erst Gelaber, dann Orgie der Gewalt

 

Bei so viel Aufwand fällt der plot arg dünn aus: Durchs tief verschneite Wyoming jagt eine Kutsche. In ihr reist ein Kopfgeldjäger (Kurt Russell) mit einer steckbrieflich gesuchten Mörderin (Jennifer Jason Leigh). Er will sie lebend nach Red Rock bringen, damit sie dort aufgeknüpft wird. Zu ihnen stößt ein schwarzer Ex-Offizier der US-Nordstaaten (Samuel L. Jackson) und ein früherer Südstaaten-Rebell.

 

Die Kutsche erreicht eine Raststation, in der sich ein seltsames Quartett von Revolverhelden aus allen Himmelsrichtungen aufhält; sie verstricken die Neuankömmlinge in schier endlose Dialoge. Nichts ist, wie es zunächst scheint, und die anfangs unterschwellige Anspannung unter den Anwesenden schaukelt sich hoch, bis sie sich in einer Orgie der Gewalt entlädt.

 

Blutfontänen + Menschenverachtung

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Django Unchained” – Italo-Western über Südstaaten-Sklaverei von Quentin Tarantino

 

und hier einen Bericht über den Film „Slow West“ – verspielter Neo-Western mit Michael Fassbender von John Maclean

 

und hier einen Beitrag über den Film “The Homesman” – aufwühlender Frauen-Western von Tommy Lee Jones mit Hillary Swank

 

und hier einen Bericht über den Film “The Salvation – Spur der Vergeltung” – brillantes Remake klassischer Western mit Mads Mikkelsen von Kristian Levring

 

In gewisser Weise verdichtet Tarantino hier seine Erfolgsformel, für die ihn seine fans lieben, zu reiner Essenz: Niemand versteht es besser, skurrile Charaktere zu entwerfen und eloquent-absurde Dialoge auszuarbeiten. Problematisch ist, dass nichts weiter dahinter steckt. Dieses große Nichts bläht der Regisseur zu dreistündiger Länge auf: In der ersten Hälfte passiert schier gar nichts, und in der zweiten Hälfte nichts, was man nicht bereits aus seinen früheren Filmen zur Genüge kennt.

 

Trotzdem ist der zweite Teil in der Raststation-Blockhütte streckenweise unterhaltsam. Aber anstatt die Konstellation irgendwie fortzuentwickeln, setzt Tarantino – wie viele schlechte sequels von Erfolgsfilmen – auf mehr vom Gleichen. Anstelle plötzlicher Gewaltausbrüche und politisch inkorrekter Sprüche gibt es in „The Hateful Eight“ grotesk übersteigerte Gewaltausbrüche und absurd politisch inkorrekte Sprüche: in Gestalt irrwitziger Blutfontänen und Menschenverachtung in jeder denkbaren Variation.

 

Sich mit fellatio aufwärmen

 

Tarantinos obsessiver Drang zur maximalen Provokation gipfelt in einer bizarren Episode von Rassismus mit umgekehrtem Vorzeichen: Der schwarze Ex-Offizier erzählt, wie er einst einen weißen Südstaatler stundenlang nackt durch Eiseskälte trieb, um ihm am Ende die Gnade zu erweisen, sich per fellatio an Warrens Körper wärmen zu dürfen.

 

Außer an der Eskalationsspirale des Ekelfaktors zu drehen, fällt dem enfant terrible des US-Kinos nichts Neues mehr ein. Wer sich an seinen bizarren Schockeffekten nicht satt sehen kann, der mag sich auch von „The Hateful Eight“ gut unterhalten fühlen. Doch am Ende bleibt ein Gefühl großer Leere zurück.


Diesen Artikel drucken