Martin Schläpfer

Feuer bewahren – nicht Asche anbeten

Szenenbild aus Martin Schläpfers Choreografie zur Symphonie Nr. 2 von Johannes Brahms. Foto: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 11.2.) Sein Ballett war drei Mal in Folge die „beste Kompanie des Jahres“: Martin Schläpfer ist einer der bedeutendsten Choreografen in Deutschland. Annette von Wangenheims gelungenes Doku-Porträt glänzt mit faszinierenden Tanz-Szenen.

Symbolträchtiger könnte der Anfang kaum sein: Schwer schnaufend stapft Martin Schläpfer auf Naturstein-Stufen den steilen Berghang hinauf – zu seiner Einsiedler-Ferienhütte hoch oben im Valle Maggia im südschweizerischen Tessin, wie man später erfährt. Die Kamera verweilt auf seinen kräftigen Waden, die sich unablässig an- und entspannen: Leben und Kunst als unaufhörliche Bewegung und nimmermüdes Bemühen – der Weg ist das Ziel.

 

Info

 

Feuer bewahren –
nicht Asche anbeten

 

Regie: Annette von Wangenheim,

85 Min., Deutschland 2015;

mit: Martin Schläpfer, Hans van Manen, Gert Weigelt

 

Weitere Informationen

 

Der einsame Bergsteiger und gebürtige Schweizer zählt zu den bedeutendsten Choreografen in Deutschland: Martin Schläpfer formierte und leitete von 1999 bis 2009 das „ballettmainz“. Seit der Spielzeit 2009/10 ist er Direktor des „Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg“. Es wurde von der Fachzeitschrift „tanz“ ab 2013 drei Mal in Folge zur „besten Kompanie des Jahres“ gekürt; die höchste Auszeichnung für eine deutsche Tanztheater-Truppe.

 

Tanz für die große Leinwand

 

Anlass für ein Porträt in bewegten Bildern; Regisseurin Annette von Wangenheim ist auf Dokumentarfilme über Ballett und Klassik spezialisiert, meist als Auftragsproduktionen für TV-Sender. Dass „Feuer bewahren – nicht Asche anbeten“ ins Kino kommt, erklärt sich durch die eingebetteten Tanz-Szenen: Sie entfalten ihre Faszination am ehesten auf der Leinwand.

Offizieller Filmtrailer


 

Avantgarde-Klangcollage als Finale

 

Ausgiebig zeigt die Regisseurin Auszüge von Aufführungen an der Deutschen Oper am Rhein: ein aufwändiges Ballett zur „Symphonie Nr. 2“ von Johannes Brahms, das Stück „ein Wald, ein See“, das Schläpfer in seiner Tessiner Bergeinsamkeit entwickelt hat, und das Tanz-Solo „Alltag“, das die niederländische Choreografie-Legende Hans von Manen seinem Freund auf den Leib geschrieben hat.

 

Außerdem wählt von Wangenheim als grande finale Bilder von Proben und Premiere des Stücks „Deep Field“; Schläpfer hat es zur atonalen Geräuschcollage der zeitgenössischen Komponistin Adriana Hölsky choreografiert. Eine mutige Entscheidung, sowohl für den Spielplan wie den Film: Die sperrigen Klänge der Avantgarde-Tonsetzerin anschaulich in Schrittfolgen zu übertragen, dürfte nicht leicht sein – zumal Hölsky sehr anspruchsvoll auftritt.

 

Wände mit Sponti-Parolen beschmieren

 

Hintergrund

 

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und hier eine Rezension der Ausstellung  „Move – Kunst und Tanz seit den 60ern“ in München + Düsseldorf

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren (3D)“: Doku von Wim Wenders

 

und hier einen Beitrag über „La Danse – Das Ballett der Pariser Oper“: Doku von Frederick Wiseman.

 

Dabei beschränkt sich der Dokumentarfilm keineswegs auf eine best of-Revue von Schläpfers Repertoire. Im Zentrum steht seine Person: Freimütig und reflektiert gibt er Auskunft über künstlerische Beweggründe und Prinzipien – inklusive mancher Überraschung. In Wohnung und Büro schüttet er gern Farbe auf den Fußboden und beschmiert die Wände mit spontihaften Parolen und Maximen. Um Grenzen zu überschreiten und auf andere Gedanken zu kommen, wie er sagt.

 

Natürlich dürfen auch Mitarbeiter und Wegbegleiter nicht fehlen, von der Primaballerina seiner Compagnie bis zum etablierten Tanzfotografen Gert Weigelt: Sie ergehen sich in branchenüblich begeisterten Lobhudeleien, die dankenswerterweise die Schmerzgrenze nicht überschreiten. Schläpfer wirkt auch zu geerdet und unprätentiös, um derlei nötig zu haben.

 

Berufsgeheimnis bleibt gewahrt

 

Häufige Orts- wie Themenwechsel und gutes Gespür für Rhythmus machen den Film lebendig und abwechslungsreich. Nur das Berufsgeheimnis, wie ein Choreograf seine Überlegungen in Bewegungsabläufe umsetzt und auf die Bühne bringt, wird nicht enthüllt.

 

Schläpfer selbst kann es nicht in Worte fassen, und die Regisseurin findet trotz geduldiger Proben-Beobachtung dafür keine Bilder. Was den Wert ihres Porträts nicht schmälert: Selten bringt ein Dokumentarfilm modernen Tanz, die zugleich körperlichste und abstrakteste aller Bühnenkünste, dem Zuschauer so nahe.


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