Florian Gallenberger

Auswärtiges Amt vertuscht Mitschuld

Florian Gallenberger. Fotoquelle: Majestic Filmverleih/Mathias Bothor

Ein Sadist aus Bonn etablierte in Chile eine Sekte mit Folter und Kindesmissbrauch: Geflohene wurden von der deutschen Botschaft ins Lager zurückgeschickt. Bis heute werde das vom Außenministerium vertuscht, erklärt Regisseur Florian Gallenberger.

Wie sind Sie auf das Thema Ihr neuen Films gestoßen?

 

Zum allerersten Mal in der dritten Schulklasse durch meine Lehrerin, die uns eine Fernseh-Reportage über die Colonia Dignidad gezeigt hatte. Ich weiß noch, wie ich sehr wütend nach Hause kam und meiner Mutter erzählte, dass es in Chile einen Ort gibt, wo Leute festgehalten werden, obwohl sie eigentlich wegwollen. Dann vergisst man das natürlich wieder. Doch vor sechs Jahren kam ich durch einen Zeitungsbericht und die Drehbuchidee des Co-Autoren Torsten Wenzel wieder auf das Thema. Ich dachte, das könnte interessant sein, und fing an, mich darüber schlau zu machen.

 

Wann haben Sie sich entschieden, darüber einen Film zu drehen?

 

Info

 

Colonia Dignidad –
Es gibt kein Zurück

 

Regie: Florian Gallenberger,

110 Min., Deutschland/ Luxemburg 2015;

mit: Daniel Brühl, Emma Watson, Michael Nyqvist

 

Website zum Film

 

Mit jedem Schritt in die Materie hinein ist das Thema größer und größer geworden. Letztlich entpuppte es sich als wahnsinnig vielschichtiges Universum aus deutscher und chilenischer Geschichte, menschlichen Verwerfungen und Unrechtstaten. Ich fand das viel zu wichtig und zu groß, als dass es einfach versanden und wieder vergessen werden dürfe.

 

Ex-Sektierer unterstützten Projekt

 

Haben Sie auch Kontakt zur Colonia Dignidad aufgenommen?

 

Während der drei bis vier Jahre dauernden Recherche nahm ich zu einer jüngeren Gruppe von Ex-Mitgliedern Kontakt auf; sie sind in der Colonia geboren und aufgewachsen, haben die Sekte aber mittlerweile verlassen. Inzwischen sind daraus sogar Freundschaften entstanden, weil sie meine Ernsthaftigkeit bei dieser Sache spürten. Einer von ihnen sagte mir, dass er immer versucht habe, das Thema wegzudrücken – aber irgendwann könne er das nicht mehr und wolle nur noch auspacken. Diese Entscheidungen trafen mehrere; sie unterstützten dann aktiv unseren Film.

Offizieller Filmtrailer


 

Nach dem Ansehen erstmal Begriff googeln

 

Gab es auch Widerstand?

 

Alte Mitglieder, die immer noch eine gewisse Nähe zum verstorbenen Sektenchef Paul Schäfer verspüren, sind natürlich gegen den Film, weil er das zeigt, von dem sie nicht wollen, dass es gesehen wird.

 

Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

 

Wir wollten ein Kinoerlebnis schaffen. Wenn jemand sagt, dass er sich nicht für die historischen Hintergründe interessiert, dann wollen wir ihn nicht belehren, sondern ihm einen spannenden Kinofilm bieten. Ich glaube aber nach meinen bisherigen Erfahrungen, dass die meisten Zuschauer nach dem Film erst mal den Begriff „Colonia Dignidad“ googeln werden, weil sie denken: „Das kann doch nicht wahr sein!?“. Unser Film soll eine Debatte über das Thema eröffnen; er soll Fragen nicht beantworten, sondern sie aufwerfen. Wir wollen beim Publikum den Wunsch wecken, sich selbst damit auseinanderzusetzen.

 

Auswärtiges Amt steckt Kopf in den Sand

 

Viele Zuschauer wird die Verbindung zwischen Colonia Dignidad und der bundesdeutschen Botschaft in Chile schockieren, die damals bestand. Wie hat das Auswärtige Amt auf Ihr Filmprojekt reagiert?

 

Die Involvierung der Botschaft ist natürlich ein Thema, bei dem sich das Auswärtige Amt nicht mit Ruhm bekleckert hat. Das weiß man dort auch, aber da herrscht eher so die Haltung: „Wir machen nichts, dann wird das schon in Vergessenheit geraten“. Die bundesdeutsche Botschaft hat bis 1985 eng mit der Colonia kooperiert. Alle diejenigen, denen zu fliehen gelang, mussten erst einmal zur Botschaft, weil sie keine Pässe hatten, um Chile zu verlassen. Und sie wurden dann von der Botschaft umgehend wieder in die Colonia zurückgeschickt.

 

Sehen Sie das als weiteres dunkles Kapitel deutscher Geschichte?

 

Das ist schon sehr perfide: Diese Leute entkamen einem Terror-Regime, suchten Hilfe in der eigenen Botschaft und wurden von dort aus wieder zurückgeschickt. Das Auswärtige Amt sollte besser Farbe bekennen und dieses Kapitel aufarbeiten, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass die Sache irgendwann vergessen wird. In einem Land wie Deutschland, das um Aufarbeitung seiner Vergangenheit bemüht ist, finde ich das unwürdig. Daher würde ich mir wünschen, dass das Auswärtige Amt den Film als Einladung auffasst, um sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

 

Deutschland liefert Kinderschänder nicht aus

 

Das Thema ist nicht abgeschlossen: Seit 2011 bemüht sich Chile um die Auslieferung des deutschen Arztes Hartmut Hopp, der wegen Kindesmissbrauchs und Freiheitsberaubung in Chile zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Er lebt unbehelligt in Krefeld.

 

Das ist ein Skandal: Der Mann ist in Chile rechtskräftig verurteilt worden. Er hat sich seiner Gefängnisstrafe dadurch entzogen, indem er nach Deutschland floh – darauf vertrauend, dass ihn die Bundesrepublik nicht ausliefern werde. Bislang hat er damit recht behalten. Die Krefelder Staatsanwaltschaft wird nicht aktiv, obwohl seine Verbrechen bestens dokumentiert und bewiesen sind. Aber es gibt keine Lobby, die sich für seine Auslieferung einsetzt.

 

Wie wichtig war es Ihnen, bei diesem Thema mit internationaler Besetzung zu arbeiten?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ von Florian Gallenberger

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der Perlmuttknopf – El Botón de Nácar“ – exquisiter Essay-Film über die Verfolgung von Indios + Oppositionellen in Chile von Patricio Guzmán

 

und hier eine Rezension des Films ¡No! – packendes Polit-Drama über das Ende der PinochetDiktatur in Chile von Pablo Larraín

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Das Lied in mir“ – sensibles Kammerspiel über deutsche Verstrickung in die argentinische Militär-Diktatur von Florian Cossen.

 

Es war unser Bestreben, daraus einen internationalen Film zu machen, damit diese Geschichte nicht an den deutschen Landesgrenzen endet. Sie ist nicht nur aus deutscher Perspektive, sondern grundsätzlich interessant. So überlegten wir 2014, wer idealerweise für die Hauptrolle in Frage käme, und kamen auf Emma Watson. Wir hielten es fast für unmöglich, dass sie zusagen würde, haben aber einfach bei ihr angefragt. Als sie antwortete, dass sie das Drehbuch gut fände und interessiert sei, waren wir natürlich begeistert.

 

Weniger kompliziert wäre schön

 

Ihr Film „John Rabe“ von 2009 porträtiert einen Deutschen, der 1937 in Nanking Tausende von Chinesen vor den japanischen Besatzern rettete. Wollen Sie auch künftig schwierige historische Themen in Ihren Filmen aufarbeiten?

 

Filmemachen passiert eher so, wie wenn man sich verliebt. Da kann man sich auch nicht vornehmen: Das nächste Mal verliebe ich mich aber in eine reiche Frau! Es muss diesen Moment geben, wo man plötzlich ein Interesse entwickelt, das sich nicht mehr stoppen lässt. Mit dem Filmprojekt „Colonia Dignidad“ habe ich sechs Jahre verbracht.

 

Wenn man von seinem Vorhaben nicht wirklich überzeugt ist, lässt man es lieber sein. Deswegen ist es mir wichtiger, darauf zu achten, was ich wirklich machen will – und wenn das wieder etwas mit deutscher Vergangenheit zu tun hat, dann ist das eben so. Ich muss aber gestehen, das ich mich freuen würde, wenn mein nächstes Projekt in seiner Entstehung etwas weniger kompliziert wäre.


Diesen Artikel drucken