Oldenburg

Janssen und Füssli: Die Geister, die sie riefen …

Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr (Detail), 1790/91, © Goethe-Museum. Fotoquelle: Horst-Janssen-Museum, Oldenburg

Virtuosen des kleinen Todes: Johann Heinrich Füssli führte das Unheimliche in die Kunst ein, 200 Jahre später formulierte Horst Janssen es aus. Wie wichtig für seine Grafik der „wilde Schweizer“ war, zeigt eine famose Ausstellung des Horst-Janssen-Museums.

Er war das rock‘ n‘ roll animal der Aufklärung: Der Maler und Literat Johann Heinrich Füssli (1741-1825) war in den Jahrzehnten um 1800 europaweit so bekannt wie umstritten. Zwar blieb er als Künstler im Rahmen des vorherrschenden Klassizismus; doch er reizte ihn derart aus, dass er alle konventionellen Grenzen sprengte. Seine skandalträchtigen Darstellungen kreisten um das Irrationale; so erfand er fast im Alleingang die Motivwelt der kommenden Schauerromantik.

 

Info

 

Janssen und Füssli: Die Geister, die sie riefen … –
Lust- und Angstphantasien von Horst Janssen und Johann Heinrich Füssli

 

21.11.2015 – 14.02.2016

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Horst-Janssen-Museum, Am Stadtmuseum 4-8, Oldenburg

 

Katalog 29,90 €

 

Weitere Informationen

 

Ebenso ungewöhnlich verlief sein Leben: Der Sohn eines Züricher Gelehrten genoss eine umfassende philologische Ausbildung. Mit 23 Jahren zog Füssli nach London; anschließend verbrachte er viele Jahre in Frankreich und Italien, um klassisches Kulturerbe zu studieren. Sein rastloses Reiseleben endet erst 1780 mit der Rückkehr nach London.

 

Alp drückt auf Frauenbrust

 

Kurz darauf gelang ihm mit dem Gemälde „Der Nachtmahr“ die Sensation der Saison: Auf der Brust einer lasziv ausgestreckten Schönheit hockt ein Fabelwesen; dahinter lugt geisterhaft ein Pferdekopf hervor. Zehn Jahre später malte Füssli eine zweite, veränderte Version. Die Frau ist gedreht, ihr Busen gehoben und ihr Bein angewinkelt; der affenähnliche Gnom auf ihr ist zum katzenartigen mutiert.

 

Ab 1790 war Füssli reguläres Mitglied der Royal Academy of Arts, hielt Vorlesungen und zählte zu Englands intellektueller Elite. Zehn Jahre lang arbeitete er an einem Zyklus von 47 Gemälden über John Miltons opus magnum „Paradise lost“ (1665). Viele seiner Bilder verkauften sich als Grafik-Reproduktionen glänzend; dennoch blieb beim Publikum das Etikett „wilder Schweizer“ haften. Dieser ambivalente Ruf dürfte der Grund sein, warum ihn die spätere Kunstgeschichte eher vernachlässigt hat; nur wenige seiner Werke hängen in erstrangigen Museen.

Impressionen der Ausstellung


 

Haus-Illustrator der Wochenzeitung „Die Zeit“

 

Sehr geschätzt wurde Füssli dagegen von Horst Janssen (1929-1995), der eine ähnliche Außenseiterrolle innehatte − nur umgekehrt: Während der Kunstbetrieb der alten Bundesrepublik den virtuosen allround-Grafiker weitgehend ignorierte, kannten Millionen von Lesern seine Illustrationen in der Wochenzeitung „Die Zeit“.

 

Das norddeutsche Bürgertum verehrte den gebürtigen Hamburger; er war mit Geistesgrößen wie dem FAZ-Feuilletonchef Joachim Fest und dem Verleger Wolf Jobst Siedler eng befreundet. Als origineller, selbstironischer Kopf hatte er mitreißende öffentliche Auftritte, doch lieber verschanzte er sich im Atelier. Nach seinem Tod geriet sein Riesenwerk aus Tausenden von Zeichnungen, Radierungen und Aquarellen rasch aus dem Blick.

 

Horst-Janssen-Museum 2000 eröffnet

 

Außer in Oldenburg, wo er begraben liegt: Hier verbrachte Janssen seine Kindheit und wurde 1992 zum Ehrenbürger ernannt. Acht Jahre später eröffnete das ihm gewidmete Museum; es stellt die enorme Bandbreite seines Schaffens in wechselnden Ausstellungen vor. Darunter auch Vergleichs-Schauen über Vorgänger, mit denen sich Janssen intensiv beschäftigt hat: Nach Goya, Egon Schiele, Rembrandt und Caspar David Friedrich beleuchtet das Museum nun anhand von rund 120 Arbeiten sein Verhältnis zu Füssli.

 

Wobei „Der Nachtmahr“ im Zentrum steht: Beiden Versionen der Alptraum-Szene hat Janssen 1973/4 einen ganzen Zyklus von 36 Radierungen gewidmet, der komplett gezeigt wird. Dass die Originale von Füssli nur als Foto-Reproduktionen vertreten sind, stört nicht: Deutlich wird, wie Janssen die Konstellation von regungslosem Weib, Dämon und Tier in zahlreichen Varianten verdichtet und ausformuliert; so legt er ihre untergründige Symbolik frei.

 

Erster Maler des Unbewussten

 

Gemeinhin gilt Füssli als derjenige Maler, der die Figurenwelt der Volkskultur − also Feen, Hexen oder Gespenster − in die akademische Kunst eingeführt hat, wo zuvor nur die antike Mythologie zugelassen war. Doch seine Klassifizierung als Märchenonkel griffe zu kurz: Diese Fabelwesen versinnbildlichen Triebe, Impulse und Leidenschaften, die offen anzusprechen unstatthaft war. Indem er ihnen die Gestalt von Geister-Erscheinungen gab, wurde Füssli zum ersten Maler, der Unbewusstes auf der Leinwand darstellte.

 

Beim „Nachtmahr“ ist das offensichtlich. Der Oberkörper der Person hängt vom Bett halb herab; diese Haltung war seit der Antike eine Bildformel für Tote. Hier ruht die Dame nur, aber in einer Art Schockzustand zwischen qualvoller Angst und lustvollen Regungen. Diese hebt der Maler in der zweiten Fassung hervor, indem er ihren Busen durch ein Kissen hochhebt und ein Bein leicht abspreizt. Der Traum der Schlafenden ist augenscheinlich sexueller Natur − wobei sich das Bild jedes moralisierenden Kommentars enthält.

 

Sinnlichkeit in expliziten Einzelteilen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung Spiel mit der Meisterschaft – Werkschau von Horst Janssen im Museum der bildenden Künste, Leipzig

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Schwarze Romantik: Von Goya bis Max Ernst“ mit Werken von Johann Heinrich Füssli im Städel Museum, Frankfurt am Main

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Von mehr als einer Welt“ über die Nachtseite der „Künste der Aufklärung“ im Kulturforum, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge“ – vergleichende Grafik-Schau des Renaissance- und des Gegenwarts-Künstlers in Berlin + Karlsruhe.

 

Diesen Komplex unausgesprochener Sinnlichkeit zerlegt Janssen in explizite Einzelteile. Auf seinen Radierungen wird die Frau entkleidet, der Gnom kauert klammernd auf ihren Brüsten, das Höllenross mit glühenden Augen schiebt seine Schnauze an ihr Bein heran − bis die drei Figuren wie verschmolzen wirken. Vor allem Arm und Hals haben es dem Künstler angetan: An ihnen scheint sich bei manchen Blättern in extremer Nahsicht ein Vampir festzusaugen. Offen bleibt, ob die weibliche Figur wacht oder schläft und das Geschehen als Liebesspiel oder Vergewaltigung empfindet.

 

Solche Zuspitzungen der Bildidee findet sich auch bei vielen anderen Grafiken, die Janssen nach Vorlagen von Füssli angefertigt hat. Auf dessen Porträt eines Freundes stützt dieser seinen Kopf auf übereinander gelegte Hände; Janssen schiebt unter sein Kinn einen Totenschädel. Füsslis Rückenansichten von Frauen mit exzentrischen Frisuren werden bei Janssen zu grotesken fashion victims. Und Füsslis Charakter-Kopf der „Faulheit“ in Dantes „Inferno“ verzerrt Janssen zur irrwitzigen Fratze.

 

Dämonen zur Untermiete nehmen

 

Er fand offenkundig beim „wilden Schweizer“ zahlreiche „Lust- und Angstphantasien“, wie es der Ausstellungs-Untertitel nennt, die ihn selbst beschäftigten: „Der eifrige Porträtist wird die Dämonen, die ihm ins Haus stehen, zur Untermiete aufnehmen und als Modelle benutzen“, schrieb er 1976. Seine psychischen und erotischen Obsessionen formte Janssen zu scheinbar vertrauten Figurationen, die er dann in abgründige Liniengespinste auflöste.

 

Dass sich das Publikum dafür so begeistern konnte, erstaunt noch immer; offenbar war es aufgeschlossen für radikale Selbstbefragung abseits aller Schubladen. Mittlerweile ist der düstere Motivkosmos von Horst Janssen ebenso Vergangenheit wie die alte Bundesrepublik, in der er entstand. Heutige Bedrohungen sind kaum oder gar nicht sichtbar − Überwachungskameras, Drohnen und Computerviren entziehen sich künstlerischer Darstellung.


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