Deniz Gamze Ergüven

Mustang

Die fünf Schwestern, ein letztes Mal vereint. Foto: © Weltkino Filmverleih

(Kinostart: 25.2.) Hausfrauen- statt Schulunterricht: Fünf türkische Schwestern wehren sich gegen ihre Entmündigung – nur zwei kommen durch. Ihr Zwangsehen-Drama verwandelt Regisseurin Ergüven mit leichter Hand in eine Parabel auf das ganze Land.

Am letzten Schultag vor den großen Ferien tollen fünf Schwestern ausgelassen mit ihren Klassenkameraden am Strand der türkischen Schwarzmeerküste herum. Danach wird ihr Leben nie mehr so unbeschwert sein wie zuvor. Ihr unschuldiges Geplansche im Meer mit gleichaltrigen Jungs wird von einigen Bewohnern ihres Dorfes beobachtet und als schamlos empfunden.

 

Info

 

Mustang

 

Regie: Deniz Gamze Ergüven,

97 Min., Türkei/ Frankreich/ Deutschland 2015;

mit: Güneş Nezihe Şensoy, İlayda Akdoğan, Doğa Zeynep Doğuşlu

 

Website zum Film

 

Diese angebliche Verfehlung macht in dem kleinen Nest schnell die Runde. Sie kommt auch der Großmutter und dem Onkel zu Ohren, bei denen die Mädchen seit dem Tod ihrer Eltern leben; beide sind ohnehin von der ungestümen Energie der Backfische überfordert. Sie wissen sich keinen anderen Rat, als die Schwestern zwischen elf und 17 Jahren von der Schule zu nehmen und daheim zu braven Hausfrauen zu erziehen.

 

Kochen + Nähen im Privatgefängnis

 

Fortan darf das Quintett sein Wohnhaus nicht mehr verlassen, das zum vergitterten Gefängnis umgebaut wird. Einlass finden nur noch Frauen aus dem Dorf, die dem Quintett Kochen und Nähen beibringen – mit der Absicht, ein Mädchen nach dem anderen so schnell wie möglich zu verheiraten.

Offizieller Filmtrailer


 

Lichte + sonnendurchflutete Parabel

 

In ihrem Debüt-Spielfilm behandelt die türkischstämmige, in Frankreich aufgewachsene Regisseurin Deniz Gamze Ergüven das heikle und hochpolitische Thema Zwangsehen. Doch sie erzählt das Schicksal ihrer Protagonistinnen nicht als tränenseliges Melodram, sondern als lichte, sonnendurchflutete Parabel, die trotz des bitterernsten Hintergrunds viele Zwischentöne zulässt.

 

Konsequent nimmt der Film die Perspektive der fünf Mädchen ein. Anfangs wissen sie nicht, wie ihnen geschieht; sie unterlaufen das Umerziehungsprogramm so oft wie möglich. Treibende Kraft ist das Nesthäkchen Lale (Güneş Nezihe Şensoy): Sie interessiert sich mehr für Fußball als für Kochrezepte und findet einen Schleichweg aus dem auf allen Seiten verriegelten Haus.

 

Gemeinsamer Ausbruch zum Fußballspiel

 

Die Jüngste sorgt auch dafür, dass die Schwestern sich gemeinsam fortstehlen: Sie wollen sich im städtischen Stadion ein Fußballspiel ansehen, bei dem nur Frauen als Zuschauer zugelassen sind. Dieser Ausflug wird für alle ein wildes, überschwängliches Aufbegehren, bleibt aber nicht unbemerkt. Kurz nach der Eskapade wird die älteste Schwester Sonay (İlayda Akdoğan) verheiratet und das Haus noch stärker verbarrikadiert.

 

Anschließend setzen die Großmutter und der Onkel alles daran, ein Mädchen nach dem anderen möglichst rasch zu verschachern – scheinbar im Glauben, das Richtige zu tun, zumindest in den Augen der stockkonservativen Dorfbewohner. Wobei offen bleibt, ob auch materielle Gründe eine Rolle spielen: um den Unterhalt für die fünf Mädchen einzusparen.

 

Schwimm-Simulation auf dem Bett

 

Nur ein Mädchen darf ihre Jugendliebe heiraten; eine andere Schwester wird das erste Ehejahr nicht überleben. Danach steht für die eigenständige Lale fest, dass sie es nicht so weit kommen lassen will; gemeinsam mit der zweitjüngsten Schwester Nur (Doğa Zeynep Doğuşlu) feilt sie beharrlich an einem Fluchtplan.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films Kuma – subtiles Drama über Zweitfrauen-Export aus Anatolien von Umut Dağ

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der Junge Siyar“ – Drama über Zwangsheirat + Ehrenmord unter irakischen Kurden im Exil von Hisham Zaman

 

und hier einen Bericht über den Film  Once upon a time in Anatolia – perfektes Roadmovie als Total-Panorama der Türkei von Nuri Bilge Ceylan

 

und hier eine Rezension des Films „Die langen hellen Tage“ – Coming-of-Age-Drama über Brautraub + Zwangsheirat in Georgien von Nana Ekvtimishvili + Simon Groß.

 

Dabei hat ihre Geschichte auch beschwingte, sogar komische Momente. Die Schwestern machen aus ihrer Isolation das Beste und halten dadurch noch enger zusammen. Sie mokieren sich über die stumpfbraunen Sackkleider, die sie anziehen sollen, und schaffen sich kleine Nischen – auf der Terrasse treffen sie sich zum Sonnenbaden, Schwimmen im Meer simulieren sie auf dem Bett.

 

Im allseits verriegelten Erdoğan-Palast

 

Dennoch ist stets der Druck zu spüren, unter dem sie leben: Ihr zugemauertes Heim ist nur eine steinerne Manifestation der Engstirnigkeit aller Erwachsenen, vor der es kein Entrinnen gibt. Aus ihrer Sicht ist schon die jugendliche Schönheit der Mädchen eine Bedrohung für ihre Sittsamkeit, die ihnen um jeden Preis eingebläut werden muss.

 

Man kommt kaum umhin, im zugesperrten Wohnhaus ein Symbol für das ganze Land zu sehen. Staatschef Recep Tayyip Erdoğan und seine AKP-Handlanger haben zwar noch nicht die Reisefreiheit eingeschränkt, doch ansonsten schotten sie die Türkei immer stärker gegen äußere Einflüsse ab. Alles wird ihrem traditionalistischen Wertekanon und patriarchalischen Alleinherrschafts-Anspruch untergeordnet. Wenn nötig, mit brutaler Gewalt: gegen säkular denkende Demonstranten wie gegen nationale Minderheiten, etwa die Kurden.

 

Stadtluft macht frei

 

Ebenso symbolisch macht Regisseurin Ergüven ausgerechnet das allerjüngste Mädchen zur Hoffnungsträgerin: Lale ist vom Geist der Rebellion und unbezähmbaren Wagemut beseelt. Dabei hat sie einen Trumpf in der Hand, von dem niemand etwas weiß: eine Adresse in Istanbul. Zumindest für sie erfüllt sich in der Metropole am Bosporus – anders als bei den meisten Zuwanderer aus Anatolien – ein altes Versprechen: Stadtluft macht frei.


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