Devid Striesow

Nichts passiert

Hau drauf und Schluss: Thomas Engel (Devid Striesow) sieht zu, wie Sarah Orlov (Annina Walt) Kleinholz macht. Foto: Movienet Film

(Kinostart: 11.2.) Mit Harmoniesucht zum finalen Schlagabtausch: Regisseur Micha Lewinsky porträtiert einen konfliktscheuen Biedermann, der sich mit Beschwichtigungen in Teufels Küche bringt. Eine Paraderolle für Devid Striesow – bis er explodiert.

„Jetzt seid doch mal friedlich, verdammt noch mal! Gebt euch die Hand und dann ist es wieder gut!“, herrscht Familienvater Thomas Engel (Devid Striesow) die teenager an: Er verabscheut Streit und möchte am liebsten um sich herum stets Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Info

 

Nichts passiert

 

Regie: Micha Lewinsky,

92 Min., Schweiz 2015;

mit: Devid Striesow, Maren Eggert, Lotte Becker

 

Website zum Film

 

Wie ein Aal schlängelt er sich um Konfrontationen herum und strapaziert dabei die Geduld seiner Familie. „Ist nicht so schlimm!“ und „Kein Problem!“ sind seine Standard-Antworten, auch wenn es in ihm ganz anders aussieht. Um das zu ertragen, genehmigt er sich heimlich schon mal den einen oder anderen Schnaps.

 

Mit Friedensliebe Kontrolle verlieren

 

Wie dieser Biedermann sich bemüht, immer alles richtig zu machen, damit bloß kein Ärger aufkommt, erzählt Regisseur Micha Lewinsky mit unaufgeregter Präzision und voller hervorragend beobachteter Details. Um des lieben Friedens Willen verdreht sein Antiheld haarsträubend die Wahrheit – womit er sich in seinen Ausflüchten verstrickt und schließlich völlig die Kontrolle verliert. Mit bezwingender Logik schafft Lewinsky eine beklemmende Atmosphäre, die sich zunehmend verdichtet.

Offizieller Filmtrailer


 

Chef-Tochter fährt mit in Urlaub

 

Endlich Ferien – eigentlich will Thomas nur abschalten und dabei seiner Familie wieder näher kommen. Aber weil er einfach nicht „Nein“ sagen kann, sitzt jetzt Sarah mit im Auto, die 15-jährige Tochter seines Chefs, als er mit Frau Martina (Maren Eggert) und Tochter Jenny (Lotte Becker) zum Skiurlaub in die schweizerischen Alpen fährt.

 

Dumm nur, dass eigentlich niemand Lust auf Ferien mit fremdem Anhang hat. Gattin Martina ist Autorin und bräuchte dringend Ruhe zum Schreiben. Tochter Jenny hat sowieso null Bock auf irgendwas; am allerwenigstens aber auf diese Sarah, deren Eltern sich gerade trennen und das Mädchen deswegen aus dem Weg haben wollen.

 

Schon die erste Nacht geht schief

 

Thomas versucht, die bedrückte Stimmung mit guter Laune zu überspielen. Und das nimmt den Zuschauer für ihn ein: Man lässt sich von seiner gewollt positiven Art einwickeln und mag ihm nichts übel nehmen. Zumindest wirkt er angenehmer als seine genervte Frau – auch wenn deutlich wird, dass ein Zusammenleben mit diesem Harmoniesüchtigen kein Spaß ist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Ich bin dann mal weg“ – Adaption des Bestsellers von Hape Kerkeling durch Julia von Heinz mit Devid Striesow

 

und hier einen Beitrag über den Film „Höhere Gewalt“ – schwarzhumoriges Familien-Drama im alpinen Skigebiet von Ruben Östlund

 

und hier einen Bericht über den Film „Zeit der Kannibalen“ – Unternehmensberater-Groteske mit Devid Striesow von Johannes Naber.

 

Kaum am Urlaubsort angekommen, werden beide Mädchen vom Sohn des Vermieters auf eine Party eingeladen. „Auf deine Verantwortung!“, schnauzt Martina ihren Mann an, der ihnen erlaubt, bis Mitternacht mitzufeiern. Natürlich geht alles schief, was schief gehen kann; von nun an ist Thomas damit beschäftigt, die bösen Folgen dieser Nacht zu vertuschen. Was ihm arg schwer fällt: zu viele Entscheidungen mit unangenehmen Konsequenzen erwarten ihn.

 

Rolle ist Striesow auf Leib geschrieben

 

Das Lügengespinst, das er webt, wird immer unübersichtlicher, bis der große Knall unausweichlich scheint. Dann explodiert der seelische Druck, der sich in Thomas angestaut hat – mit einem hohen Preis für alle Beteiligten. Wie sie damit weiter leben sollen, mag man sich kaum vorstellen.

 

Diese Rolle ist Devid Striesow wie auf den Leib geschrieben: Ihm gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, dass sein konfliktscheues Würstchen fast bis zum bitteren Ende sympathisch bleibt. Dabei profitiert er von einem sehr fein ausgearbeiteten und genauen Drehbuch; die Entwicklung bleibt bis auf ein paar Szenen, die in Krimi-Klischees abdriften, jederzeit nachvollziehbar und logisch.

 

Schweigen gleich Zustimmung

 

Mit der ambivalenten Hauptfigur formuliert Regisseur Lewinsky seine zentrale Frage: Ab welchem Punkt wird man durch Passivität an Unrecht mitschuldig? Wer schweigt, stimmt zu – Position beziehen kann nur, wer seine Komfortzone verlässt.


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