Wuppertal

Weltkunst – Von Buddha bis Picasso: Die Sammlung Eduard von der Heydt

Torso der Göttin Uma, Kambodscha, Khmer-Reich, 9./10. Jh., Sandstein, Höhe 123 cm. Museum Rietberg, Zürich. Fotoquelle: ohe

Die ganze Welt in einer Ausstellung: Ein schwerreicher Exzentriker baute die größte private Kunstsammlung vor dem Krieg auf – sie füllt heute zwei wichtige Museen. Das zeigt die anschaulich und opulent inszenierte Gedenk-Schau im Von der Heydt-Museum.

Seine Persönlichkeit schillernd zu nennen, wäre stark untertrieben. Eduard von der Heydt (1882-1966) war eine einzigartige Erscheinung: als Finanzmagnat, Kunstsammler und Philanthrop mit exzentrischen Neigungen. Wieviel ihm das Wuppertaler Museum verdankt, ist schon an seinem Namen ablesbar, den es seit 1961 trägt.

 

Info

 

Weltkunst –
Von Buddha bis Picasso:
Die Sammlung Eduard von der Heydt

 

29.09.2015 – 28.02.2016

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr, donnerstag bis 20 Uhr

im Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, Wuppertal

 

Katalog 25 €

 

Weitere Informationen

 

Nun richtet das Von der Heydt-Museum seinem großzügigsten Mäzen und Förderer eine Gedenk-Schau aus, die seine weit verstreuten Schätze zumindest ansatzweise wieder zusammenführt: mit 250 Bildern und Skulpturen aus eigenem Bestand sowie 100 Meisterwerken außereuropäischer Kunst aus dem Museum Rietberg in Zürich.

 

Museum für Kollektion eingerichtet

 

Es wurde 1952 eigens eingerichtet, um von der Heydts riesige Kollektion von Arbeiten aus Afrika, Asien und Ozeanien aufzunehmen – insgesamt 3.000 Stück. Dagegen vermachte der Sammler rund 500 europäische Kunstwerke, meist Gemälde, dem Museum in seiner Geburtsstadt, die er bereits als 18-Jähriger verlassen hatte.

Impressionen der Ausstellung


 

Spross einer schwerreichen Bank-Dynastie

 

Sein Lebensweg verlief so windungsreich, dass selbst diese umfassende Ausstellung auf zwei Etagen nur die wichtigsten Etappen antippen kann. Und dennoch: Man reibt sich die Augen, wie umtriebig dieser Mann war, und was er alles in Angriff genommen hat. Seine Unternehmungslust ist ihm kaum anzusehen: Auf etlichen Porträtfotos blickt ein kugelrundes Antlitz mit weichen Zügen und feinem, doch unergründlichen Lächeln den Betrachter an.

 

Eduard von der Heydt war Spross einer schwerreichen Bankiers-Dynastie, die in höchsten Kreisen verkehrte. Bereits sein Vater August sammelte eifrig Kunst und setzte sich für die aufkommende Moderne ein; er war an der Gründung des Wuppertaler Museums 1902 maßgeblich beteiligt. Zwanzig Jahre später sollte sein Sohn einen bedeutenden Teil seiner Kollektion übernehmen.

 

Mit 28 Jahren erste Bank gegründet

 

Da war Eduard längst ein erfahrener Kunstkenner. Während seines Jurastudiums hatte er sich nebenher mit Philosophie und ostasiatischen Kulturen beschäftigt; 1900 kaufte er erstmals ein Gemälde. Mit nur 28 Jahren gründete er in London sein erstes Bankhaus, dem viele weitere folgen sollten; es wurde im Ersten Weltkrieg als feindliches Vermögen beschlagnahmt und liquidiert.

 

Nach dem Krieg zog von der Heydt mit seiner Frau Vera, ebenfalls Tochter eines Bankiers, nach Amsterdam; die Stadt war damals ein Zentrum des Kunsthandels mit Asiatica. Hier stieg er in großem Stil ein: 1922 übernahm er aus dem Nachlass eines verstorbenen Sinologen 400 Werke vorwiegend aus China und Japan. Dafür richtete von der Heydt in seinem Wohnhaus sein erstes Privatmuseum „Yi Yuan“ ein – den „Garten des Ausruhens“.

 

Jeder Rundgang eine Kunst-Weltreise

 

Es war schon zwei Jahre später zu klein für seine Kollektion. Im Küstenort Zandvoort ließ der Sammler drei Strandvillen zu einem imposanten Gebäudekomplex mit rundem Turm umbauen; offenbar verfügte er über praktisch unbegrenzte Mittel. Im Erdgeschoss-Café MULURU („Museum Lunch Room“) speisten die Gäste unter Masken und Plastiken aus Übersee. Darüber führte ein Glasgang um das Gebäude, der ringsum freie Sicht auf die Nordsee bot.

 

Zwischen den Fenstern waren Skulpturen aus allen Kulturen und Epochen platziert; jeder Rundgang eine Weltreise. Solche Kombinationen – etwa ein Buddha-Kopf neben einem Gemälde von Van Gogh – schmückten auch die Privaträume; einmal im Monat gab sich Ex-Kaiser Wilhelm II. die Ehre und ließ sich in Finanzfragen beraten. Dieses fabelhafte Ensemble sollte 1942 die Wehrmacht zerstören; da lebte sein Besitzer längst in der Schweiz.

 

Lufthemd-Hippie aus der Hochfinanz

 

Doch in den 1920er Jahren war er einer der wichtigsten Akteure im deutschen Kunstbetrieb: als Kunde aller wichtigen Galeristen und Händler, als erster Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie und als Leihgeber – seine Werke waren auf 70 Museen verteilt. In Berlin besaß er eine elegante Villa am Wannsee, die ihm Bauhaus-Lehrer Marcel Breuer gestaltete. In Ascona ließ er 1928 auf dem Monte Verità ein hochmodernes Hotel errichten, das er üppig mit Kunst ausstattete.

 

Zuvor hatte die einstige Lebensreformer-Kolonie vor sich hingedümpelt; von der Heydt belebte sie neu. Sein Luxushotel wurde zum Mekka für betuchte Kunstsinnige, denen nach Erholung wie Sinnstiftung gelüstete. Der Hausherr empfing sie im legeren „Lufthemd“, das er anzuziehen empfahl, und wünschte ihnen „Inspiration und Frieden“ im Einklang von Natur und Kunst. Man nannte ihn „den Buddha vom Monte Veritá“ – ein Hippie avant la lettre aus der Hochfinanz.

 

Bankier des Wehrmachts-Geheimdienstes

 

In der blieb er bei allem Harmonie-Streben weiter aktiv – so erfolgreich, dass es ihn vor Gericht brachte. 1933 war von der Heydt der NSDAP beigetreten, trat aber 1939 wieder aus, als er Schweizer Staatsbürger wurde. Das hinderte ihn nicht, bis 1943 Bankgeschäfte für die Abwehr abzuwickeln, den Geheimdienst der Wehrmacht. 1946 kam er kurz in Untersuchungshaft; zwei Jahre später wurde er in einem Spionage-Prozess freigesprochen. Nun stand seinem geruhsamen Lebensabend in Ascona nichts mehr im Wege.

 

Dieses wechselhafte Dasein zeichnet die Ausstellung nach, indem sie weit ausholt: Die Ahnengalerie der Adelsfamilie wird ebenso ausgebreitet wie die Kunstsammlung, die Vater August zusammengetragen hatte – Lokalpatriotismus verpflichtet. Anschließend wechseln Kabinette über Eduards Lebensphasen mit Themenräumen zu den Schwerpunkten seiner Sammlertätigkeit ab.

 

Kunterbunt arrangierte Weltkunst

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Existenzielle Bildwelten“ – Konfrontation von Gegenwarts- mit Kunst aus Afrika + Ozeanien in der Weserburg, Bremen

 

und hier ein Beitrag über die Ausstellung „Humboldt Lab Dahlem: Probebühne 1“ über die Kombination von Ethnologica mit zeitgenössischer Kunst in den Museen Dahlem, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Gandhāra – Die Kunst in der Sammlung DKM mit antiker mittelasiatischer + zeitgenössischer Kunst im Museum DKM, Duisburg.

 

Dabei lassen wandfüllende Reproduktionen historischer Fotografien die einzelnen Stationen wieder aufleben: etwa das kühl modernistische Interieur der Wannsee-Villa oder das orientalische Wohnhöhlen-Ambiente der „Casa Anatta“ – von der Heydts Privathaus auf dem Monte Verità. Die Aufnahmen lassen erkennen, wie die ausgestellten Werke einst angeordnet waren.

 

Sehr gelungen sind die Räume, die den Glasgang in Zandvoort und den Speisesaal im Monte-Verità-Hotel nachempfinden: Sie vermitteln anschaulich, welch kunterbuntes Arrangement der Hausherr bevorzugte. Für ihn gab es keine Rangordnung der Epochen und Kulturen, sondern allein „Ars una“, die eine Weltkunst.

 

Am Ende alles für das Publikum

 

Dieses hierarchiefreie Kunstverständnis scheint sehr zeitgemäß; darüber würde man gern mehr erfahren. Was motivierte von der Heydt, eine der umfangreichsten und bedeutendsten Kunstkollektionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzubauen? Besitzerstolz oder Sendungsbewusstsein, Begeisterung für zweckfreie Ästhetik oder eher Bebilderung einer Privatmythologie, die sich aus populären Lebensweisheits-Lehren speiste? Trotz vieler Zitate bleiben seine Absichten eigentümlich diffus.

 

Wie auch immer: Gleich zwei große Museen verdanken ihm entweder ihre Existenz oder einen Großteil ihrer Ausstattung. Es zeichnet großherzige Kunstsammler aus, dass sie am Ende dem Publikum alles zurückgeben. Wobei sie heutzutage eher außerhalb Europas auftreten: Der mächtigste player des internationalen Kunstmarkts war 2013 die Schwester des Scheichs von Katar. Sheika Al-Mayasa bint Hamad bin Khalifa Al Thani gab rund eine Milliarde US-Dollar aus – um das neue Museum für moderne Kunst in Doha zu füllen.


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