Pablo Trapero

El Clan

Wenn der Vater mit dem Sohne: Clan-Chef Arquimedes Puccio (Guillermo Francella) mit seinem Sprössling Alejandro Puccio (Peter Lanzani). Foto: © 2015 Prokino Filmverleih GmbH

(Kinostart: 3.3.) Familienbande im wahrsten Sinne des Wortes: Im Argentinien der 1980er Jahre spannte ein Patriarch seine Frau und die Söhne für Kidnapping und Morde ein. Regisseur Pablo Trapero erzählt die Horrorstory als effektvolles Thriller-Melodram.

Vielen gilt ja die Familie als Hort von Sittlichkeit und Anstand – was schon im Alten Testament nicht stimmt. Manchmal nehmen verwandtschaftliche Bindungen eindeutig kriminelle Züge an, wie das Wort „Familienbande“ drastisch deutlich macht. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür war der berühmt-berüchtigte Clan der Puccios; ihre Verbrechen erregten im Argentinien der 1980er Jahre ungeheures Aufsehen.

 

Info

 

El Clan

 

Regie: Pablo Trapero,

110 Min., Argentinien/ Spanien 2015;

mit: Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich

 

Website zum Film

 

Familie Puccio, die mit fünf Kindern in einem großbürgerlichen Vorort von Buenos Aires lebt, mimt geradezu vorbildlich Wohlanständigkeit: Der Vater ist Pensionär, die Mutter Lehrerin, der älteste Sohn Alejandro sogar Star der Rugby-Nationalmannschaft. Während im Speisezimmer das von Mama gekochte Mittagessen auf den Tisch kommt, wird zugleich ein Extra-Teller ins Obergeschoss gebracht: für einen jungen Mann. Er ist blutverschmiert im Badezimmer angekettet und fleht um Erbarmen.

 

Kollegen decken Ex-Geheimdienstler

 

Was ihm nicht gewährt wird. Seine Gefangenschaft ist Teil des Geschäftsmodells, mit dem sich Vater Arquímedes durch die krisengeschüttelte Endphase der argentinischen Militärdiktatur bringen will: Mit zwei Söhnen und einigen Kumpanen entführt er Unschuldige und erpresst Lösegeld. Dabei profitiert er von seinen Erfahrungen als ehemaliger Geheimdienstmann ebenso wie vom Schutz durch Ex-Kollegen, die immer noch an Schlüsselstellen im Apparat sitzen.

Offizieller Filmtrailer


 

Ausreden, Drohungen + Geldschein-Bündel

 

Und von den guten Kontakten seines Sohns Alejandro zu Kreisen der Elite, in denen er als Lockvogel eingesetzt wird. Er ahnt die ganze Brutalität dieses zynischen Geschäfts erst, als ein von ihm in die Falle gelockter Sportskamerad, für den Lösegeld gezahlt wurde, trotzdem ermordet aufgefunden wird. Seine Zweifel kontert der Papa mit Ausreden – später mit einem Mix aus Drohungen und dicken Geldschein-Bündeln.

 

Allerdings gerät das Junta-Regime 1982 nach dem verlorenen Falkland-Krieg zunehmend in die Defensive und muss im Jahr darauf abtreten. So verliert Arquímedes seine Hintermänner, die seine Machenschaften deckten. Er wähnt sich aber immer noch so unangreifbar, dass er die Warnungen seiner Kontaktperson ignoriert. Doch Alejandro will sich aus dem blutigen Familienbetrieb zurückziehen, um seinen eigenen Hausstand zu gründen.

 

Lautstarker Sex wechselt mit Opfer-Stöhnen

 

Für das Drehbuch hat Regisseur Pablo Trapero die Verbrechen der realen Familie Puccio gründlich recherchiert. Er erzählt den plot vom langsam durchdrehenden Patriarchen und seinem Sohn, der zwischen Gehorsam und Aufbegehren schwankt, als opulent melodramatischen Thriller, dessen Spannungsbogen viele kleine Zeitsprünge kreuzen.

 

In den einzelnen Episoden reiht der Film effektvoll Szenen des scheinbar heilen Familienlebens und krimineller Gewalt aneinander; das gipfelt in einer recht plakativen Parallelmontage von lautstarkem Sex und dem Stöhnen eines gequälten Opfers. Ähnlich kontrapunktisch wird die Musik eingesetzt: So geht das Geräuschinferno einer Verhaftung nahtlos in “Sunny Afternoon” von den Kinks über.

 

Silberner Löwen für die beste Regie

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Der Perlmuttknopf“ – exzellenter Essay-Film über die Verfolgung von Indios + Oppositionellen in Chile von Patricio Guzmán

 

und hier einen Bericht über den Film Wild Tales – Jeder dreht mal durch! – schwarzhumoriger Episodenfilm aus Argentinien von Damián Szifrón

 

und hier einen Beitrag über den Film Der deutsche Freundvon Jeanine Meerapfel über Folgen der NS-Vergangenheit in Argentinien.

 

Die Hauptrollen hat Regisseur Trapero gegen den Strich besetzt: Der argentinische Star-Komiker Guillermo Francella gibt mit eiskalt starrem Blick den zunehmend sadistischer werdenden Patriarchen. Seinen Sohn Alejandro spielt Peter Lanzani, ein populärer TV-Serienliebling in seiner Heimat.

 

Dadurch wurde „El Clan“ mit mehr als 2,6 Millionen Zuschauern zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten in Argentinien; beim Festival in Venedig 2015 erhielt er den Silbernen Löwen für die beste Regie. Auch hierzulande könnte die etwas andere Familiensaga ihr Publikum finden – obwohl kurze Nachrichten-Schnipsel, die den historischen Hintergrund erhellen sollen, für hiesige Zuschauer kaum ausreichen dürften.

 

Mama agiert als Hilfssheriff

 

Aber das ist nicht schlimm. Wie jeder gute Film erzählt auch “El Clan” von Wahrheiten, die über die spektakulären Verbrechen der Puccios und ihre zeitbedingten Umstände hinausreichen. Papa Arquímedes treibt in seinem kleinen Reich scheinbar ganz normale Familien- und Abhängigkeits-Verhältnisse auf die Spitze – wobei Mama (Lili Popovich) als Hilfssheriff agiert. Nur schade, dass neben Sohn Alejandro die übrigen Familienmitglieder erst gegen Ende eine größere Rolle spielen.


Diesen Artikel drucken