Alexander Sokurow

Francofonia

La France unie pour l´art: Marianne (Johanna Korthals Altes) und Napoleon (Vincent Nemeth) betrachten die "Mona Lisa" im Louvre. Foto: © Piffl Medien

(Kinostart: 3.3.) Komplizenschaft zur Kunstrettung: Wie der Louvre den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand, rekonstruiert Regisseur Alexander Sokurow mit einem fantasievoll poetischen Essay-Film – als Hohelied auf unsterbliche Meisterwerke.

„Frankofonie“ ist ein charmanter Etikettenschwindel: Dieser Film spricht Russisch – im unablässig erzählenden und räsonierenden Off-Kommentar, den Regisseur Alexander Sokurow in seiner Muttersprache vorträgt. Ein treffenderer Titel wäre „Frankophilie“; wegen seines Faibles für das savoir vivre der großen Kulturnation.

 

Info

 

Francofonia

 

Regie: Alexander Sokurow,

88 Min., Frankreich/ Deutschland/ 2015;

mit: Louis-Do de Lencquesaing, Benjamin Utzerath , Vincent Nemeth

 

Website zum Film

 

Vordergründig rekonstruiert der Film, wie der Louvre und seine Kunstschätze den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden haben. Dazu mischt Regisseur Sokurow Archiv-Material aus Wochenschauen mit nachgestellten Spielszenen. Im September 1939 lässt der damalige Louvre-Direktor Jacques Jaujard (Louis-Do de Lencquesaing) fast alle Kunstwerke seines Hauses und anderer Pariser Museen auslagern – zum Schutz vor Bombenangriffen. Sie werden im Chȃteau de Chambord und anderen Schlössern an der Loire untergebracht.

 

Nur noch Rahmen + Plastiken im Louvre

 

Nach dem deutschen Einmarsch im Juni 1940 übernimmt Franziskus Graf Wolff-Metternich (Benjamin Utzerath) als Chef der „Kunstschutz“-Abteilung der Wehrmacht die Leitung des Louvre. Doch der Palast ist praktisch leergeräumt: In seinen Gängen und Sälen stehen nur Bilderrahmen und Skulpturen. Und beide Männer sorgen dafür, dass das so bleibt; sie verbünden sich zur Rettung der Kunst. Wie der deutsche Stadtkommandant und ein schwedischer Konsul, die Paris im August 1944 gemeinsam vor der Zerstörung bewahren – darüber hat Volker Schlöndorff das virtuose Kammerspiel „Diplomatie“ (2014) gedreht.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Napoleon + Marianne spazieren durch Louvre

 

Museums-Direktor Jaujard kümmert sich während des Kriegs darum, dass alle evakuierten Werke sachgerecht aufbewahrt werden. Zur gleichen Zeit wehrt Offizier Metternich hartnäckig die Begehrlichkeiten von Nazi-Größen wie Göring und Rosenberg ab, die sich gerne Prunkstücke unter den Nagel reißen würden. Ihr Rücktransport beginnt wenige Wochen nach der Befreiung durch die Alliierten; schon im Juli 1945 wird der Louvre komplett wiedereröffnet.

 

Diese Nicht-Ereignisse – Kunst wird wohlverpackt versteckt, geschützt durch die diskrete Komplizenschaft zweier Kontrahenten – schildert der Film mit einem Feuerwerk visueller Einfälle. Da werden alte Postkarten plötzlich lebendig, über dem heutigen Paris kreisen Bomber, oder Napoleon und Frankreichs Nationalsymbol Marianne steigen aus Bildern an den Wänden und streifen schwadronierend durch den Louvre.

 

Eremitage als russische Arche der Kunst

 

Regisseur Sokurow schöpft tricktechnisch gern aus dem Vollen. Was in manchen seiner Filmen arg manieriert erscheint, etwa in der verquasten Altherren-Fantasie über Goethes „Faust“ von 2011, wirkt diesmal angemessen und stimmig. Selbst die anfangs abwegig anmutende Rahmenhandlung, in der Sokurow via Skype Kontakt zu einem Schiffskapitän hält, erschließt sich bald: Der Frachter befördert Container voller Kunst übers Meer und droht sie im Sturm zu verlieren.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „National Gallery“ – Dokumentation über das Londoner Museum von Frederick Wiseman

 

und hier eine Rezension des Films Das große Museum – Doku von Johannes Holzhausen über das Kunsthistorische Museum in Wien

 

und hier einen Beitrag über den Film “Diplomatie” – virtuoses Kammerspiel über die Rettung von Paris im Zweiten Weltkrieg von Volker Schlöndorff

 

und hier einen Bericht über den Film “Leviathan” – fesselnde Tragödie über Rechtlosigkeit in Russland von Andrej Swjaginzew

 

und hier eine Kritik des Films „Faust“ – Verfilmung von Goethes Klassiker durch Alexander Sokurow mit Hanna Schygulla.

 

Ein Museum als bewahrendes Schiff, als Arche: Diese Metapher hat der Regisseur schon 2002 im Film „Russian Ark“ ausformuliert. Eineinhalb Stunden lang ließ er die Kamera in einer einzigen Einstellung durch die Eremitage von Sankt Petersburg schweben – vorbei an Hunderten von Gemälden und 2000 Statisten. Eine beeindruckende technische und logistische Leistung, doch diese Besichtigung im Eiltempo verrührte letztlich alles zu Bilder-borschtsch.

 

Zeitkapseln für das Beste der Menschheit

 

Nun versucht der Regisseur gar nicht erst, die unübersehbaren Bestände des Louvre vorzustellen. Stattdessen nutzt er sie als grandiose Kulisse für poetisch mäandernde Reflexionen über das Verhältnis von Kunst und Geschichte, Schönheit und Macht. Für Sokurow sind Museen wie Zeitkapseln, die das Beste enthalten, was die Menschheit je hervorgebracht hat: Herausragende Werke zeugen von einer „herrlichen Kultur – deutlich größer und klüger als alles, was wir heute erschaffen können“.

 

Solche Schwärmerei für eine vermeintlich goldene Vergangenheit hat im russischen Kulturbetrieb Tradition: Er zelebriert immer noch Geniekult und Kunstreligion des 19. Jahrhunderts. Dabei gilt Sokurow neben Andrej Swjaginzew als der bedeutendste zeitgenössische Autorenfilmer des Landes. Während aber Swjaginzew in seinem jüngsten Film „Leviathan“ (2014) drastisch mit Korruption und Gewalt im heutigen Russland abrechnet, nimmt Sokurow eine ambivalente Haltung ein.

 

Eskapismus der Resignation

 

Historische Themen faszinieren ihn. Er hat eine eindrucksvolle Trilogie über die Macht und das Böse am Beispiel dreier Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts gedreht: „Moloch“ (1999) über Hitler, „Taurus“ (2000) über Lenin und „Sonne“ (2005) über Japans Kaiser Hirohito. Doch zur aktuellen Politik im System Putin äußert sich Sokurow nur selten und vorsichtig. In seiner Hochschätzung unsterblicher Meisterwerke schwingt wohl auch resignativer Eskapismus mit – sei’s drum, solange er seine Liebe zur Kunst so geistvoll und ideenreich ausbreitet wie in „Francofonia“: ars longa, vita brevis.


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