Tom Hanks

Ein Hologramm für den König

Fahrer Yousef (Alexander Black) hat Alan Clay (Tom Hanks, re.) in die Wüste mitgenommen. Foto: © X Verleih

(Kinostart: 28.4.) Lost in Translation, zweiter Teil: Statt in Tokio verliert Tom Hanks nun in einer saudischen Glitzerstadt jede Orientierung. Schön sarkastisches Globalisierungs-Sittengemälde von Regisseur Tom Tykwer – mit leider verkitschtem Schluss.

„You may find yourself in another part of the world / You may find yourself behind the wheel of a large automobile / You may find yourself in a beautiful house, with a beautiful wife / And you may ask yourself: ‚Well, how did I get here?'“ Diese Zeilen sang David Byrne, Kopf der „Talking Heads“, in „Once in a Lifetime“ aus dem Album „Remain in Light“ von 1980; es wurde mit seinem neuartigen Mix aus rock songs und afro beats zu einer der einflussreichsten Platten der Pop-Geschichte.

 

Info

 

Ein Hologramm für den König

 

Regie: Tom Tykwer,

98 Min., Deutschland/ Großbritannien/ USA, 2016;

mit: Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury

 

Website zum Film

 

Im video clip zuckte und zappelte Byrne wie eine Marionette im schlotternden business-Anzug vor diffusem bluescreen-Hintergrund: ein früher Turbokapitalismus-Analytiker. Das ist nun schon 36 Jahre her, doch der song hat seine diagnostische Kraft bewahrt. Regisseur Tom Tykwer, Jahrgang 1965, kennt ihn natürlich; vermutlich hat er in seiner Jugend dazu getanzt. Nun lässt er den 59-jährigen Tom Hanks diese Hymne der Entfremdung deklamieren: zum Auftakt der Globalisierungs-Robinsonade „Ein Hologramm für den König“.

 

Outsourcing von Produktion + Familie

 

Sein Alan Clay war top manager eines US-Fahrradherstellers – bis er der Belegschaft verkünden musste, dass die Produktion nach China verlagert wird. Auch sein Familienleben verschwand im outsourcing. Jetzt versucht er ein comeback, indem er für eine IT-Firma nach Saudi-Arabien fliegt. Er soll König Abdullah eine software vorführen, die nie gesehene Videokonferenzen ermöglicht: Die Teilnehmer stehen als Hologramme im Raum.

Offizieller Filmtrailer


 

Kafkaeskes Wüstenschloss im Nichts

 

Für diese Produkt-Präsentation reist Clay mit ein paar tekkies in die Wirtschaftsmetropole der Zukunft – zumindest glauben sie das. Am Roten Meer nördlich von Dschidda soll für rund 22 Milliarden Euro die „King Abdullah Economic City“ (KAEC) entstehen: mit Universität, Büro-Wolkenkratzern, Industrieanlagen und Wohnsiedlungen für zwei Millionen Einwohner. Das Projekt startete 2005, vier Jahre später nahm die Uni ihren Betrieb auf; ansonsten ist von der Retortenstadt noch nicht viel zu sehen.

 

Das springt auch Clay ins Auge, als sein Fahrer Yousef (Alexander Black) ihn dort absetzt: links ein klimatisiertes Luxushotel; rechts ein Zelt, in dem seine Mitarbeiter in der Hitze schmoren; drumherum Sand. Als Clay vorspricht, entpuppt sich das Hotel als kafkaeskes Wüstenschloss: Sein Kontaktmann ist nicht da, vielleicht kommt er morgen. Morgen heißt es, wahrscheinlich käme er übermorgen. Am folgenden Tag dieselbe Antwort.

 

Glücksritter bleiben im Treibsand stecken

 

Also schlägt sich der Handelsvertreter auf eigene Faust durch. Mit der Personal-Frau Hanne kommt er nur zu einer zügellosen Wodka-Orgie in der dänischen Botschaft. Mit seinem Fahrer macht er inkognito Ausflüge nach Mekka und zur Jagd ins Hinterland, doch als Ungläubiger ist er nirgends wirklich willkommen. Nur die saudische Ärztin Zahra Hakem (Sarita Choudhury) lässt sich näher auf ihn ein – so nah, dass es Clay nichts mehr ausmacht, als ihm chinesische Konkurrenten den Großauftrag wegschnappen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Cloud Atlas“ – spekulativ verschachteltes SciFi-Historien-Fantasy-Epos von Tom Tykwer, Lana & Andy Wachowski

 

und hier einen Bericht über den Film Captain Phillips – Dokudrama über Kidnapping durch Piraten in Somalia von Paul Greengrass mit Tom Hanks

 

und hier eine Besprechung des Films „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ über Expat-Exzesse im Nahen Osten von Isabelle Stever

 

und hier einen Beitrag über den Film „Lachsfischen im Jemen“ – schwarzhumorige Komödie über arabischen Machbarkeitswahn von Lasse Hallström mit Ewan McGregor + Kristin Scott Thomas.

 

Der Film beruht auf dem gleichnamigen Roman von Dave Eggers, der 2014 mit „Der Circle“ über die Totalvereinnahmung durch internet-Kraken einen Bestseller landete. Auch „Ein Hologramm für den König“ kommt fast ohne Fiktion aus; die Wirklichkeit ist absurd genug. Die KAEC gleicht Dubai oder Katars Haupstadt Doha vor 20 Jahren: Dort tummeln sich scharenweise westliche Glücksritter, die steinreichen Arabern teuren high tech-Schnickschnack andrehen wollen – aber oft im Treibsand steckenbleiben.

 

Komfort ja, Termintreue nein

 

Ihren Kulturschock bebildert Tom Tykwer mit einem Reigen grotesker Episoden, die realitätsnäher kaum sein könnten. Für Komfort wird stets gesorgt, aber niemand fühlt sich zuständig. Die Umgangsformen bleiben allzeit höflich, doch Termine sind zum Platzen da. Frauen dürfen kein Auto steuern, während hinter Palastmauern sex, drugs & rock‘ n‘ roll toben. Kein Wunder, dass Clay auf solche Widersprüche allergisch mit seltsamem Ausschlag reagiert. Da wird selbst die Sender-Einstellung im Autoradio zur slapstick-Nummer.

 

„Lost in Translation“, zweiter Teil: In Sofia Coppolas Film von 2003 verlor Bill Murray als alternder Filmstar in Tokio die Orientierung. Nach Japan zieht es keinen mehr: Von midlife crisis Gebeutelte, die nach einer zweiten Chance suchen, verschlägt es heutzutage nach China oder in die Glitzerstädte am Golf.

 

Erspart Emirate-Kurztrip

 

Diesen aktuellen Goldrausch hätte Regisseur Tykwer beinahe in ein so sarkastisches wie vergnügliches Sittengemälde verwandelt – würde er es nicht am Ende mit einem völlig verkitschten Finale buchstäblich im Meer versenken. Also bitte vor Tom Hanks‘ letztem Arztbesuch das Kino verlassen; dann kann man sich einen Kurztrip in die Emirate sparen.


Diesen Artikel drucken