Thomas Vinterberg

Betrunkene haben Weltkrieg gewonnen

Thomas Vinterberg. Foto: © 2016 Prokino Filmverleih GmbH

In „Die Kommune“ fließt viel Bier; das macht die Mitbewohner großzügig, so der dänische Regisseur Vinterberg. Er erzählt im Interview, welche eigenen Erfahrungen er mit einer WG gemacht hat – und warum sein nächster Film den Alkohol feiern soll.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Wohngemeinschaften?

 

Ich habe im Alter von sieben bis 19 Jahren in einer Kommune gelebt. Die meiste Zeit fand ich das großartig. Im Rückblick erscheint mir das als die goldenen Jahre meines Lebens: magnetisch, lebendig, chaotisch – manchmal auch schmerzhaft, aber immer sehr anregend. Ich denke, diese Zeit hat mich für immer als Mensch, Künstler und team player geprägt.

 

Info

 

Die Kommune

 

Regie: Thomas Vinterberg,

111 Min., Dänemark 2015;

mit: Ulrich Thomsen, Trine Dyrholm, Helene Reingaard-Neumann

 

Website zum Film

 

Schon als Kind musste lernen, mit dem Verhalten anderer Leute zurecht zu kommen. Ich habe recht schnell begriffen, dass alle Menschen zwei Seiten haben: diejenige, die sie der Welt zeigen, und diejenige, die sie vor ihr verbergen wollen. Wenn man ein paar Wochen zusammen lebt, lernt man zwangsläufig beide kennen.

 

Wollte ein neuer Mitbewohner einziehen, fragte ich mich schon als Kind, wie er sich wohl am Montagmorgen verhalten würde, nachdem er am Sonntag betrunken war. Ich begann, Leute zu beobachten und Vermutungen anzustellen – und habe das zu meinem Beruf gemacht.

 

Diskutieren, bis alle einverstanden sind

 

Wird in einer Kommune dauernd diskutiert – über die Regeln des Zusammenlebens usw.?

 

Überhaupt nicht. Es geht darum, gemeinsam zu kochen, gegenseitig auf die Kinder aufzupassen, sich Geschichten aus dem Arbeitsalltag Anderer anzuhören, ihre Zeitungen mitzulesen und gemeinsam Geburtstage zu feiern. An meinem gingen wir jedes Jahr in den Wald; dort sangen dann 16 Leute gemeinsam.

 

Natürlich gibt es Hausversammlungen, Basisdemokratie und Konsensprinzip. Da waren alle wie eine große Familie, das machte viel Spaß – und war zugleich zeitraubend und erschöpfend. Es wurde so lange diskutiert, bis alle einverstanden waren; das konnte sehr lange dauern.

Offizieller Filmtrailer


 

Eltern experimentieren, Kinder halten Laden zusammen

 

Sie nennen diese Zeit „auch schmerzhaft“ – warum?

 

In den 1970er Jahren gab es die Tendenz, Kinder sich selbst zu überlassen und ihnen viel Verantwortung zu übertragen. Das geschah aus Respekt für uns, aber manchmal fühlten wir uns damit allein gelassen und sehnten uns nach unseren Eltern. Es war auch schmerzhaft, hautnah mitzuerleben, wenn Ehen auseinander brachen – aber das wäre in einer Kleinfamilie nicht anders.

 

Mein Film ist fiktiv; er beruht nicht auf einer wahren Geschichte, sondern auf einem wahren Gefühl. Alle anderen Personen im Raum waren 20 Jahre älter als ich. Ich denke aber, dass ich mit 14 Jahren reifer war als heute. Wir Kinder mussten uns verantwortungsvoll verhalten und den Laden zusammenhalten, weil die Erwachsenen herumexperimentierten.

 

Im Film will ich dieses Leben porträtieren, einschließlich seiner Tragödien, und zeigen, wie sie in einem Kollektiv ausbrechen, nicht bei einem Individuum. Im Leben kommt vielerlei vor: Freude, Zusammengehörigkeit, Sex und Liebe, aber auch der Verlust von alledem. Im Film verlieren Menschen ihre Liebe, ein kleiner Junge sein Leben, und Zeit lässt sich nie zurückdrehen. Deshalb wollte ich so viel Leben wie möglich einfangen und zeigen, wie die Kommune darauf reagiert, zum Beispiel aufs Altern – ich hoffe, das wirkt sinnvoll.

 

Ausweg aus der Falle der Mittelmäßigkeit

 

Der Filmtitel „Die Kommune“ klingt zumindest auf Deutsch sehr kollektivistisch. Zugleich konzentriert er sich stark auf das Ehepaar Anna und Erik sowie dessen junge Geliebte Emma; die übrigen Personen bleiben mehr oder weniger Statisten. Warum diese Fokussierung?

 

Ich denke, Annas Umgang mit der Gruppe ist sehr bezeichnend: Sie versucht, alles zu akzeptieren, was geschieht. Mit dem Leben in einer Kommune will sie auch ihre Ehe retten. In meinen Filmen gibt es immer zentrale Akteure und einen kommentierenden Chor. Ein Drama kann eigentlich nicht demokratisch sein. Manchmal funktioniert das, aber hier nicht: Hier geht es um zwei Personen, die allmählich aus ihrer Liebe herauswachsen.

 

Glauben Sie, dass das Wohnen in einer Kommune eine ausgelaugte Beziehung wieder beleben kann, oder umgekehrt der Anfang vom Ende ist?

 

Diese Frage sollten Sie meinem Vater stellen. Meine Eltern zogen in eine Kommune, als ich sieben war. Er ist überzeugt, dass sie sich beide früher hätten scheiden lassen, wenn sie nicht dort eingezogen wären. Die Kommune befreite sie vom klaustrophobischen und unerotischen Gefühl fehlender Neugier; der Falle der Mittelmäßigkeit, in der viele Ehen landen.

 

Es kann auch umgekehrt laufen: Man achtet weniger auf den Anderen und kümmert sich weniger um ihn. Ihre Frage ähnelt der nach dem Leben in einer Familie: es kommt ganz darauf an, in welcher Familie. Kommunen waren damals weit verbreitet: Von den 32 Häusern in unserer Straße wurden sechs von Kommunen bewohnt – und alle waren sehr verschieden.

 

Hitler hätte besser getrunken als gefixt

 

In ihren Filmen spielt Alkohol oft eine wichtige Rolle. Stimmt es, dass Sie dem Thema einen ganzen Film widmen wollen?

 

Ja, er soll die Bedeutung von Alkohol feiern; er hat zu vielen bedeutenden Leistungen beigetragen. Der Zweite Weltkrieg wurde von sehr betrunkenen Männern gewonnen, etwa Churchill.

 

Während viele hochrangige Nazis tablettenabhängig oder junkies waren, Hitler zum Beispiel…

 

Sie hätten stattdessen mehr trinken sollen, dann würde die Welt anders aussehen. Etliche Werke der Weltliteratur wurden von Leuten unter Alkoholeinfluss geschrieben. Wir wissen alle, dass eine Konversation enorm davon profitieren kann, wenn dabei getrunken wird und der Raum sich weitet – zumindest am Anfang und vorausgesetzt, man trinkt nicht zuviel. Ich weiß natürlich auch um die Gefahren; in Dänemark sterben die Menschen im Durchschnitt recht früh, weil wir zuviel trinken.

 

Anstatt mehr Miete zahlen die Rechnung teilen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Kommune“ von Thomas Vinterberg

 

und hier eine Besprechung des Films „Am grünen Rand der Welt“ viktorianisches Liebesdrama nach Thomas Hardys Romanklassiker mit Carey Mulligan von Thomas Vinterberg

 

und hier einen Bericht über den Film Die Jagd – packendes Psycho-Drama über Pädophilie mit Mads Mikkelsen von Thomas Vinterberg.

 

In „Die Kommune“ wird ständig Bier getrunken, aber nicht zuviel: Die Akteure sind keine Schnapsdrosseln und wissen, wann es genug ist. Aber Bier floss dauernd; es ließ sie entspannt, mutig und großzügig werden. 1975 schlug einer von ihnen vor, jeder solle Miete gemäß seines Einkommens bezahlen – da seins das höchste war, verdreifachte sich seine Miete. Mitte der 1980er Jahre hatte die Hälfte von ihnen aufgehört, zu trinken.

 

Wenn sie in eine Bar gingen und am Ende die Rechnung kam, bestand einer darauf, die Rechnung aufzuteilen, da er „nur Mineralwasser“ bestellt hatte. Die Zeiten hatten sich geändert; ich mochte sie lieber, als sie noch tranken. Anstelle von Gemeinschaftsgeist herrschte nun Individualismus mit mehr persönlicher Freiheit und Privatsphäre – was in gewisser Weise auch ein Vorzug ist.

 

1970er-Jahre-Klischees vermeiden

 

Im Westdeutschland der 1970er Jahre waren Kommunen stark politisiert. Dagegen wirkt die Film-Kommune recht bürgerlich: Alle gehen normalen Berufen nach. Außer der gemeinsamen Bier-Kasse, die nicht funktioniert, teilen sie nichts miteinander; von Drogen oder Partnertausch ganz zu schweigen. Waren dänische Kommunen so nüchtern?

 

Sie waren nicht nüchtern, sondern betrunken; aber ich wollte die Klischees der Epoche vermeiden. Von einem Film über 70er-Jahre-Kommunen erwartet man politische Debatten, Lagerfeuer, Kiffer, und überall springen nackte Leute rum. Das wollten wir hinter uns lassen – zugunsten eines präzisen Porträts verschiedener Menschen und ihrer emotionalen Interaktionen. Außerdem entspricht dieses Bild der Kommune, in der ich gelebt habe.


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